"Ich habe gelernt: Nie wieder Auschwitz"

    Fischer

    24.01.2005, 18:20

    Von Nico Fried

    Die Erinnerung an das Vernichtungslager gehört zu den Leitlinien von Außenminister Joschka Fischer.

     
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    Joschka Fischers Auftritt in der Gedenkveranstaltung der Vereinten Nationen beginnt ein neues Kapitel in einer langen Geschichte: Kein führender deutscher Politiker der Gegenwart hat seine persönlichen Lehren aus dem Massenmord in Auschwitz so deutlich zu einer Leitlinie seines Handelns erklärt wie der amtierende Außenminister.

    Immer wieder in seinem Leben war Auschwitz für Fischer Erklärung für politische Kontinuität, aber auch Rechtfertigung für einen Meinungswandel. Das Motiv Auschwitz hat Fischers Politik geprägt – und mit dem Motiv Auschwitz hat Fischer Politik geprägt.

    Im Mai 2002 erhielt der Außenminister die Ehrendoktorwürde der Universität Haifa. Damals berichtete Fischer, Jahrgang 1948, von seiner ersten Begegnung mit der Aufarbeitung der NS-Zeit.

    Der Mann im Glaskasten


    Er sei „in die politischen Auseinandersetzungen der deutschen Nachkriegsdemokratie um die deutsche Schuld und Verantwortung für den Holocaust hineingeboren“. Das Bild Adolf Eichmanns während seines Prozesses in Jerusalem, „der Mann im Glaskasten“, gehöre zu seinen besonderen Erinnerungen.

    Als junger Möchtegern-Revolutionär gehörte Fischer später in Frankfurt zunächst allerdings zu einer Bewegung, die sich auch durch ihre Sympathie für den palästinensischen Freiheitskampf gegen Israel definierte.

    Bilder, die Fischer 1969 auf einer Solidaritätskonferenz für die PLO in Algier zeigen, brachten ihn vor einigen Jahren in schwere Erklärungsnot.

    Nach Fischers Darstellung war es jedoch gerade in dieser Zeit das Bewusstsein für die deutsche Geschichte, das ihm eine persönliche Grenze zog.

    Als Schlüsselerlebnis für die eigene Distanzierung bezeichnete er die Selektion jüdischer Passagiere an Bord eines nach Entebbe entführten französischen Flugzeuges, an der 1976 auch deutsche Terroristen beteiligt waren.

    Ihre erste Bewährungsprobe in der wirklichen Politik erlebte Fischers Haltung 1991, nachdem Saddam Hussein irakische Truppen in Kuwait hatte einmarschieren lassen.

    Fischer und die Grünen lehnten zwar die militärische Intervention der USA ab, gleichzeitig forderte Fischer von seiner Partei aber auch, die Raketenangriffe des Irak auf Israel zu verurteilen, die manche Grüne nur als Konsequenz aus dem Umgang der Israelis mit den Palästinensern deuteten.

    Fischer nahm damals nicht nur an einer Demonstration Frankfurter Juden gegen die irakischen Angriffe teil, sein hessischer Landesverband unterstützte auch – anders als der grüne Bundesvorstand – die Lieferung von Abwehrwaffen an Israel.

    Deutlicher als jemals zuvor bezog sich Fischer dann 1999 auf die deutsche Geschichte. Eben erst als Außenminister der rot-grünen Regierung vereidigt, nahm er die Erinnerung an Auschwitz zur Begründung einer deutschen Beteiligung am Kosovo-Krieg in Anspruch.

    Kritiker hielten ihm damals sogar vor, er instrumentalisiere in ungebührlicher Weise die Erinnerung an den Holocaust. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr gerieten Fischer und Verteidigungsminister Rudolf Scharping in Erklärungsnot.

    "Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz"


    Am 7. April 1999 sagte der Außenminister : „Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz.“ Fischer, so berichten seine Biographen Matthias Geis und Bernd Ulrich, habe immer bestritten, dass er damit die Nazi-Verbrechen und den Mord der Serben an den Kosovo-Albanern gleichgesetzt habe.

    Die Äußerung geriet aber auch in die Kritik, weil Fischer damit die deutsche Geschichte zur Rechtfertigung des Krieges in Ex-Jugoslawien herangezogen hatte, nachdem sie ihm vier Jahre zuvor noch als Begründung für militärische Zurückhaltung gedient hatte.

    In der Diskussion um einen Bosnien-Einsatz der Bundeswehr hatte Fischer gesagt: „Ich bin der festen Überzeugung, dass deutsche Soldaten dort, wo im Zweiten Weltkrieg die Hitler-Soldateska gewütet hat, den Konflikt anheizen und nicht deeskalieren würden.“

    Spätestens durch den 11. September 2001 ist der Nahost-Konflikt wieder im Brennpunkt internationaler Politik. Und auch Fischer verwendet das Wort Auschwitz längst wieder dort, wo es wirklich hingehört: zur Definition des deutsch-israelischen Verhältnisses.

    Der Außenminister tritt kompromisslos für das Existenzrecht Israels ein und verurteilt jede Form von Antisemitismus. Als ihn der Präsident der Universität Haifa im Mai 2002 begrüßte, würdigte er diese Haltung in großen Worten: Fischers Verhalten, so der Präsident, sei „ein Strahl des Lichts“.

    (SZ vom 25.1.2005)

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