
Der Fußball, den Bayer Leverkusen in dieser Saison spielt, wird in die Bundesligageschichte eingehen. Schließlich ist es der Fußball, der zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder eine andere Mannschaft als den FC Bayern zum Meister gemacht hat. Doch der Stil, den Xabi Alonso in Leverkusen etabliert hat, ist nicht nur wegen seines Erfolgs außerordentlich – kein Gegner hat es in dieser Saison bislang geschafft, Bayer 04 zu schlagen –, sondern auch, weil er sich in der Art und Weise von vielem unterscheidet, was sonst in Deutschland und Europa gespielt wird.
Xabi Alonsos Leverkusen steht für ästhetisch wertvollen, dominanten Ballbesitzfußball spanischer Prägung, für geduldiges Kurzpassspiel auf engem Raum vom einen zum anderen Strafraum und für Angriffe, die dem Gegner viele kleine Hiebe verpassen. Wie das funktioniert? Ein Erklärungsversuch anhand eines Leverkusen-typischen Tors, des 1:0 beim 3:0-Sieg gegen den 1. FC Köln am 7. Spieltag.
Die Eröffnung
Der Ball muss zu Xhaka

Andere Mannschaften hätten das Spiel vielleicht verlagert oder noch mal über den Torwart und die Verteidiger aufgebaut. Viele Spitzenteams, die mit Ballbesitzfußball zum Tor kommen wollen, lassen den Ball von Position zu Position laufen, mit eher großen Abständen untereinander. Das Ziel: den Verteidigungsblock auseinanderzuziehen, um Lücken in den Zwischenräumen zu finden. Ähnlich einer U-Form spielen sie den Ball von der einen zur anderen Seite.
Die Leverkusener dagegen halten die Abstände untereinander eher gering, bilden viele Dreiecke, passen sich kurz und mit hoher Präzision den Ball zu. Oft spielen sie den Ball durch die Mitte nach vorn und legen ihn direkt auf einen dritten Spieler ab, bewegen sich so Ablage für Ablage ein Stückchen vor. Bisweilen bringt ihr Passspiel auch erst mal gar keinen erkennbaren Raumgewinn - aber beschäftigt den Gegner. Der Stil verfolgt eher das Ziel, dass sich der gegnerische Verteidigungsblock um den Ball herum zusammenzieht - und dafür woanders Räume aufmacht.

Der Ansatz hat auch einen psychologischen Vorteil: Die vielen Pässe reizen die Gegenspieler, ermüden sie auch mental, weil sie oft vergeblich das Gefühl haben, nah am Ball zu sein und gleich einen Zweikampf zu führen.
Die Leverkusener verschärfen idealerweise erst dann das Tempo, wenn sich der Platz dafür ergibt, weil sie den Gegner angelockt haben. Gelingt das, sind sie stets die aktive Mannschaft. Sie entscheiden, was auf dem Rasen passiert – oder nicht passiert.
Xhaka ist der ideale Fußballer dafür, den Leverkusener Rhythmus zu bestimmen. Der schweizerische Nationalspieler hat einen linken Fuß, mit dem er beim Tontaubenschießen antreten könnte, und wenn er den Ball hat, kann ihn nichts aus der Ruhe bringen.
Seine Statistiken verdeutlichen seine Bedeutung: Xhaka hat in der Bundesliga mit weitem Abstand die meisten Ballberührungen, keinem gelingen mehr Pässe und Pässe ins Angriffsdrittel – und kein Bundesliga-Fußballer spielt mehr sogenannte raumgewinnende Pässe. Seine Verlässlichkeit ist zentral für Alonsos Leverkusener, das Team mit der im Schnitt höchsten Ballbesitzquote der Liga (63,1 Prozent, knapp vor dem FC Bayern).

Der Durchbruch
Mit Wirtz beginnt die Magie
Mit Wirtz geht der Leverkusener Zauber so richtig los. Wo, das entscheidet er intuitiv selbst: Der Nationalspieler bietet sich dort an, wo er es gerade auf dem Feld für sinnvoll erachtet – und meistens ist es das auch. Wirtz könnte als Raumdeuter durchgehen, wäre der Begriff nicht für Thomas Müller reserviert. Dem Aufstellungsbogen zufolge meist offensiver Mittelfeldspieler, ist er auch mal Sechser und mal Flügelspieler. Meist lauert er zwischen den gegnerischen Abwehrlinien.
Wenn er den Ball bekommt, wird es spektakulär. Der 20-Jährige kann praktisch alles: elegant und schnell dribbeln, passen wie ein klassischer Spielmacher, mit Wucht und Präzision abschließen. Er ist der Bundesligaspieler mit den meisten Ballberührungen im offensiven Drittel, spielt die meisten Pässe in den Strafraum – und die meisten Steilpässe.
Besonders nützlich für das Leverkusener Spiel in dieser Saison ist seine Gabe, schnell – intuitiv – Lücken für die richtigen Pässe oder Dribblings zu sehen – und technisch beschlagen genug zu sein, um mit wenigen Kontakten das Leverkusener Angriffsspiel zu beschleunigen.
„Er ist ein Spieler, der ... anders ist“, sagte Alonso im SZ-Interview über Wirtz: „Es geht nicht immer darum, die brillanteste Aktion zu machen, sondern die beste und klügste. Florian kann das.“

Das Tor
Die Grimaldo-Frimpong-Zange

Grimaldo übernimmt auf der linken Seite eine variable Rolle, fällt manchmal im Aufbau in die Abwehrkette zurück oder verschiebt nach innen. Er hat nach Wirtz die zweitmeisten Ballberührungen aller Bundesligafußballer im offensiven Spielfelddrittel und spielt nach Wirtz die zweitmeisten Pässe in den Strafraum. Pässe, die bei Leverkusen häufig flach und präzise ankommen: In der Rangliste der häufigsten Flanken ist Bayer nur Fünfzehnter.
Grimaldo hat dabei als Linksverteidiger die Übersicht eines Spielmachers. Und er verfügt über einen fantastischen linken Fuß. Seine Ecken und Freistöße sind ligaweit gefürchtet. Auch durch seine Standards kommt der Spanier in dieser Saison auf 13 Vorlagen und neun Saisontreffer – die meisten Stürmer wären stolz auf so eine Statistik.
Frimpong besetzt auf rechts konsequenter die Außenbahn. Der Niederländer rückt dabei ganz nach vorn, wodurch er bei Leverkusener Ballbesitz zu einer Art Flügelstürmer wird. Frimpong, wie er mit viel Platz auf seiner Seite lauert, während seine Kollegen in der Spielfeldmitte kombinieren – dieses Bild kommt einem in dieser Saison sehr bekannt vor.
Für die Gegner ist er ein permanenter Störfaktor. Vor allem durch sein Tempo kann er jederzeit eine Bedrohung werden. Er wurde in dieser Saison mit 35,96 Kilometern pro Stunde geblitzt, damit gehört er zu den schnellsten zehn Spielern der Bundesliga. Nur Tim Kleindienst vom 1. FC Heidenheim sprintete häufiger als er. Und: Frimpong dribbelte von allen Bundesligaspielern am häufigsten in den gegnerischen Strafraum.
Ausgerechnet beim wichtigsten Sieg der Saison, dem 3:0 gegen den FC Bayern, saß er allerdings zunächst auf der Bank. Der Erfolg zeigte einen großen Vorteil des Leverkusener Fußballs: Viele Spieler sind ersetzbar. Ergänzungsspieler wie Nathan Tella und Stürmer Patrik Schick in der Offensive sowie Josip Stanisic in der Defensive können einspringen, auch wenn sie ihre Rollen anders interpretieren und andere Stärken haben als die Stammspieler. Alonsos Idee ist trotzdem erkennbar.

Die perfekte Saison
Wer schlägt Bayer?
Bei allen Lobeshymnen auf die spektakuläre Offensive wird der im Grunde wichtigste Aspekt des Bayer-Fußballs oft etwas vernachlässigt: Er ist vor allem deshalb so erfolgreich, weil er auf einer stabilen Defensive aufbaut – so wie es sich für eine von ihrem Trainer geprägte Mannschaft gehört. Leverkusen hat in der Liga nicht die meisten Tore geschossen, aber die wenigsten kassiert.
Das liegt an der Spielkontrolle durch Ballbesitz, das liegt natürlich an den fürs Verteidigen in letzter Konsequenz verantwortlichen Abwehrspielern um Nationalspieler Jonathan Tah – und auch an der Positionierung der Offensivkräfte. Dadurch, dass die Leverkusener oft mit untereinander so engen Abständen angreifen, sind sie im Zweifel auch fürs sogenannte Gegenpressing gut aufgestellt, können den Ball nach Ballverlusten also schnell zurückgewinnen und schnell umschalten, wieder angreifen. Leverkusen hat von allen Bundesligisten am häufigsten den Ball zurückgewonnen.
All das klingt nach einer perfekten Taktik, gegen die derzeit kein Gegner genug auszurichten weiß, um Leverkusen zu schlagen. Ist die Mannschaft von Xabi Alonso, der Bayer 04 vorerst seine Treue versprochen hat, also weiter unschlagbar? Sind seine Ideen so raffiniert, dass niemand ein Gegenmittel findet? Die Antwort lautet trotz aller berechtigter Euphorie wohl eher Nein.
Einige Gegner haben schon Wege gefunden, Alonsos Team an seine Grenzen zu bringen: der VfB Stuttgart mit hohem Pressing, Qarabag Agdam in der Europa League mit konsequentem Konterfußball. Und einige Bayer-Siege in der Nachspielzeit hatten als Zutat neben viel Geduld und großer Willenskraft auch Glück. Beim sogenannten Expected-Goal-Wert, der die Wahrscheinlichkeit auf erzielte Tore berechnet, liegt Alonsos Mannschaft hinter dem FC Bayern und Stuttgart auf Platz drei.
Die Leverkusener Erfolgssaison könnte also einzigartig bleiben. Doch es klingt auch wie eine vielversprechende Perspektive, dass sich Xabi Alonso im Sommer vielleicht wieder etwas Neues ausdenken wird.