Von Susan Vahabzadeh

Angie kämpft darum, nicht zu den Verlierern zu gehören - und beutet dafür Schwächere aus. Ken Loachs neuer Film dreht sich um die Gier.

Filmszene Its a Free World

Angie (Kierston Wareing) beutet Schwächere aus, um nicht selbst zu den Verlierern zu gehören. (Foto: ddp)

Die Spielregeln, nach denen Menschen sich verhalten, ihre Gemeinschaft organisieren, sind kompliziert - das macht es einfach, sich über die eigene Rolle darin hinwegzutäuschen. Was ist, beispielsweise, grausamer: einem illegalen Einwanderer, der keine andere Chance hat, einen illegalen Job zu verwehren, nach dem Motto "no papers, no work"? Oder ihm den Job zu geben, obwohl ihn das auf Gedeih und Verderb einer Profitmaschine ausliefert, die ihn nur deshalb will, weil er schutz- und wehrlos ist?

Es sind solche moralischen Selbstbetrugstechniken, mit denen sich Angie (Kierston Wareing) über Wasser hält. Zu Beginn von Ken Loachs neuem Film "It's a Free World" lügt sie für eine windige Londoner Jobvermittlungsfirma Arbeitern aus dem Ostblock das Blaue vom Himmel herunter.

Dann, als sie sich von einem Kollegen nicht betatschen lässt, wird sie gefeuert und wechselt die Seiten: Ihr Körper gehört ihr, nur ihre Seele ist käuflich. Sie macht ihre eigene Arbeitsvermittlung auf. Und findet bald Menschen, die sie ihrerseits ausbeuten kann, bis auf den letzten in der Kette.

Von allem zu wenig

Ken Loachs Filme spielen dort, wo die Politik das persönliche Leben bestimmt, und hier geht es um Verlierer und Gewinner eines knallharten Profitstrebens, um das unerschwinglich gewordene Luxusgut Moral.

Angie lebt mit ihrer Freundin und Geschäftspartnerin Rose in einem verwinkelten kleinen Haus, ihren Sohn hat sie bei den Eltern untergebracht - zu wenig Zeit und zu wenig Platz, sie will ihn zu sich zurückholen, sobald sie mal mit einem Job auf einen grünen Zweig kommt. Das soll nun die neue Selbständigkeit herbeiführen, und zunächst einmal läuft die Sache gut für Angie und schlecht für jeden, der mit ihr zu tun bekommt - die Cockney-Kleinkapitalisten, denen sie Arbeiter vermittelt, sind auf den Trichter gekommen, dass illegale Kräfte leichter zu drangsalieren sind, und Angie macht mit.

Und tut ihr Möglichstes, damit der Laden läuft - begeht übelsten Verrat an einer iranischen Familie, um die sie sich ursprünglich kümmern wollte, hetzt den Bewohnern eines Trailerparks die Einwanderungsbehörde auf den Hals, weil sie den Platz anderweitig braucht - bis sie keine Freunde mehr hat und keinen, der sie noch mag.

Der Treibstoff in der Maschine des Kapitalismus, sagt Ken Loach, ist die Gier nach mehr. Höchstens die Angst könnte Angie noch stoppen - aber wer etwas hat, hat auch etwas zu verlieren, und Angie steht am Ende vor der Frage, welche Angst größer ist: die vor der Rache ihrer Opfer oder die vor dem totalen finanziellen Ruin.

Keine einfachen Lösungen

Diesen Film hat ein Mann gemacht, der hofft, dass das Kino keinen Einfluss hat, weil wir sonst verloren wären - "die meisten Filme handeln von einem Kerl, der mit einer Knarre ein Problem löst. Die Ideologie des Mainstream-Kinos ist rechts. "

Loach ist ein bekennender Linker und kein Freund einfacher Lösungen. Und obwohl er eigentlich einer der anerkanntesten Regisseure Europas ist - elf seiner Filme liefen im Wettbewerb in Cannes, vier in Berlin und vier in Venedig, das dürfte Rekord sein -, ist er immer mehr in den Ruf geraten, zu viel Ideologie in seine Filme zu stecken. Nun hat er tatsächlich immer einen politischen Plan, wenn er eine Geschichte erzählt, aber "It's a Free World", spannend, menschlich, warm, ist für sich genommen schon Beweis genug, dass er kein von der börsenregierten Moderne überholter Intellektueller ist.

Er habe soviel Zeit damit verbracht, seine Filme zu verteidigen, wie es gedauert habe, sie zu machen, sagt Loach. Sein Werk wird gern boshaft dem sozialistischen Realismus zugeschrieben, er würde, statt seine Charaktere zu entwickeln, sie nur als Sprachrohr nutzen. Das stimmt so nicht - Angie spricht nicht mit Loachs Stimme. Loach selbst fühlt sich eher der Tradition von Dickens verwandt; und "It's a Free World" ist das genaue Gegenteil eines sozialistischen Heldenepos. Loachs Welt ist tatsächlich frei - sie verlangt einem nämlich als Zuschauer permanent eigene Entscheidungen ab.

Natürlich sind seine Figuren parabelhafte Stellvertreter - Angies Partnerin, die aus Gewissensgründen aussteigt, ihr Vater, ein alter Mann mit Ehrgefühl. Aber sie fügen sich in ihre Geschichte, sind ein Produkt ihrer Zeit, so wie die Gestalten es sind, mit denen es Dickens' David Copperfield es zu tun bekommt.

Bloß eine gesellschaftliche Verliererin

Angie ist ein Kind aus dem London der Bankentürme und des Kreditkartenreichtums. Aber ein Monster ist sie nie, bloß eine gesellschaftliche Verliererin, die sich weigert, zu akzeptieren, dass jeder mit ihr machen kann, was er will. Sie will ihr Selbstwertgefühl zurück , will zu den Gewinnern gehören, und das geht nicht mit Verantwortungs- oder Mitgefühl.

Würde sie es einem nicht trotzdem so schwer machen, sie abzulehnen - Kierston Wareing, ein absoluter Leinwandneuling spielt sie hervorragend, mit viel Energie und Charme - hätte sie nicht den selben Effekt. Loach interessiert die Psychologie, die dahintersteht, die Mechanik einer Gesellschaft, wo an der Grenze zwischen Gewinnern und Verlieren mit immer brutaleren Methoden gekämpft wird - und dafür ist Angie, an der man immer dranbleiben will, die perfekte Projektionsfläche.

Die Unruhe in den Kamerafahrten, die Distanz, aus der man Angie auf ihrem Motorrad hinterherschaut, unterstreicht ihr getriebenes Handeln, ihre Rastlosigkeit, unterbricht den Loach eigenen Stil, seine typischen Elemente: naturalistisch, immer on location gedreht, und oft mit Diskussionszenen zwischen den Figuren, gezeigt fast ohne Großaufnahmen und Totalen - das ergibt die Küchentisch-Perspektive, man kann und man soll sich diesen Diskussionen als Zuschauer nicht entziehen.

"It's a Free Word" ist schon im vergangenen Jahr in Venedig gelaufen. Dass er hier jetzt doch noch ins Kino kommt, liegt dann vielleicht daran, dass er in der Zwischenzeit an Aktualität gewonnen hat. Loachs Filme werden eines Tages die akkuratesten Protokolle des gesellschaftlichen Unterbewusstseins sein, akkurater als irgendeine andere Regiearbeit, hat Vincent Canby vor zwanzig Jahren geschrieben. Wie recht er hatte, kann man heute vielleicht besser erkennen als je zuvor.

It's a Free World, GB 2007 - Regie: Ken Loach. Buch: Paul Laverty. Kamera: Nigel Willoughby. Mit: Kierston Wareing, Juliet Ellis. Neue Visionen, 95 Min.

(SZ vom 26.11.2008/jb)

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Leserkommentare (1)



26.11.2008 13:55:38

petz64: Ideologie-Kritik

"ist er immer mehr in den Ruf geraten, zu viel Ideologie in seine Filme zu stecken ... " -- ja wie mag er nur in diesen Ruf gekommen sein ? Viele Schreiber in den Main-Stream-Medien sind sich halt über ihre Position in diesem System auch nicht im Klaren, gerade auch in der SZ (bei BLÖD dürfte das anders sein) - und leisten so ihren Beitrag dazu, den schweren Weg aus der Krise zu verteufeln. Und nur nicht falsch verstehen - ich schätze die Kritiken der Frau Vahabzadeh ! Ken Loach ist wirklich ein ganz Großer, und allein dafür: "die meisten Filme handeln von einem Kerl, der mit einer Knarre ein Problem löst. Die Ideologie des Mainstream-Kinos ist rechts. " hat sich das Lesen des Beitrages gelohnt.


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