"Jeder, der sich an gesellschaftliche Grenzen begibt, muss zwangsläufig pornografisch sein." Hier ist R.W. Fassbinders letztes Interview. Geführt wenige Stunden vor seinem Tod.

Hanna Schygulla mit Rainer Werner Fassbinder in dem Fassbinder-Stück 'Blut am Hals der Katze'. 1971 auf der Bühne der Kammerspiele in Nürnberg. (Foto: AP)

Ein Ende in der Fremde ... Als vor 23 Jahren, am 10.Juni 1982, Rainer Werner Fassbinder starb, war er von dem, was sein Leben und Arbeiten ausmachte, so weit entfernt wie nie zuvor. Mit der deutschen Frauen-Trilogie – Maria Braun, Lili Marleen, Veronika Voss – hatte er sein Thema gefunden, das Elend der Nachkriegsdeutschen und ihr Leiden daran, und war zum Markenzeichen geworden. War zum Erfolg verdammt. Sein (letzter) Film „Querelle“, nach dem Roman von Jean Genet, war anders, ein Manifest der eigenen Unsicherheit. Einer Ungewissheit, die sich fortsetzen sollte bis heute – als vor wenigen Tagen sein sechzigster Geburtstag fällig war, war die Ratlosigkeit spürbar: Was bedeuten uns heute diese Filme, dieses Leben, dieser Impetus und Furor. Wir dokumentieren diesen Moment des Stillstands, der schließlich zur Finalität wurde. Das allerletzte Interview von Fassbinder, das er Dieter Schidor für dessen Film „Der Bauer von Babylon“ über die Dreharbeiten zu „Querelle“ gab, wenige Stunden vor seinem Tod, erscheint hier in leicht gekürzter Fassung.SZ

Du hast gerade deinen einundvierzigsten Film „Querelle“, nach dem Roman von Jean Genet, in Berlin abgedreht. Was hat dich dazu bewogen, nach den Frauenstoffen, angefangen bei „Die Ehe der Maria Braun“ bis zur „Sehnsucht der Veronika Voss“, diesen radikalen Roman von Genet zu verfilmen? Oder anders, warum hast du damit so lange gewartet?
Es waren ja keine Frauenfilme, die ich da gemacht habe, sondern es waren alles Filme über die Gesellschaft, während „Querelle“ eigentlich ein utopischer Entwurf im Gegensatz dazu ist. Das will ich dagegensetzen, und nicht Frauenfilm/Männerfilm. Diese Filme sollten die Gesellschaft so genau wie möglich beschreiben. Das geht anhand von Frauen besser. Bei „Querelle“ geht es um den Entwurf einer möglichen Gesellschaft, die nach aller Ekelhaftigkeit wunderbar ist. Deshalb stehen sie nicht konträr zueinander, sonder ergänzen sich.

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