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Haar bei München:Im Visier der Wahrheitswächter

Grünen-Politiker sieht sich wegen einer Korrektur auf Wikipedia Drohungen im Internet ausgesetzt.

Von Bernhard Lohr, Haar

Haars Zweiter Bürgermeister Ulrich Leiner (Grüne) sieht sich durch eine konzertierte Aktion der Betreiber des Internet-Blogs "Geschichten aus Wikihausen" verunglimpft. Leiner, der ehrenamtlich an dem Internet-Lexikon Wikipedia mitarbeitet, erhält nach eigener Aussage Anrufe und E-Mails, in denen ihm vorgeworfen wird, durch eine Korrektur in einem Wikipedia-Artikel im Sinne einer "Gesinnungspolizei" zu agieren. Der Grünen-Politiker wird in diesen als "übler Verleumder" beschimpft, ein Absender droht ihm mit dem "Straf- und Zivilrecht". Leiner erwägt, selbst Anzeige zu erstatten.

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Leiner ist im Bereich Künstlicher Intelligenz Forscher am Fraunhofer-Institut. Ins Visier der selbst ernannten Wikipedia-Wächter von Wikihausen ist er wegen eines privat verfassten Eintrags in dem Artikel über den Komponisten Elias Davidsson geraten, der zwei Bücher über den Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 und den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin vor vier Jahren verfasst hat. Darin schreibt der in Deutschland lebende isländische Komponist Davidsson über "die Legende des 9/11 und die Fiktion der Terrorbedrohung" und spekuliert: "Was geschah wirklich am Breitscheidplatz in Berlin?"

Auf Wikipedia hieß es über den 79-Jährigen, dass er "verschwörungstheoretische Positionen vertritt". Als Leiner bemerkte, dass auf der Seite über Davidsson diese aus seiner Sicht wichtige Information gelöscht worden war, reagierte er und fügte sie wieder hinzu. Leiner hat als engagierter Mitarbeiter im Wikipedia-Netzwerk, wie er sagt, Hunderte Einträge im Blick, um zu sehen, was sich dort tut. Einige, wie etwa über aus seiner Sicht erwiesene Verschwörungstheoretiker, habe er sich vorgemerkt. Denn Artikel auf Wikipedia sind recht leicht veränderbar.

Es kann dort gelöscht werden, Nutzer können Einträge hinzufügen. So hat sich die Online-Enzyklopädie zu einer Plattform entwickelt, auf der über die Deutungshoheit gerungen wird. In einer Welt, in der unterschiedliche Wahrheiten propagiert werden, wird auch über Lexikoneinträge diskutiert. Anhänger abseitiger Verschwörungstheorien, rechte Trolle und linke Aktivisten treffen dabei regelmäßig aufeinander. Durch seine Korrektur des Davidsson-Beitrags ist Leiner in diese Auseinandersetzung geraten.

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Blogger mit eigener Agenda

In einem auf Youtube zu findenden aktuellen Video-Blog von Wikihausen sitzt Elias Davidsson nun den beiden Bloggern Markus Fiedler und Dirk Pohlmann gegenüber und erklärt den fleißig nickenden Wahrheitswächtern, welch ein Unrecht ihm mit der Bezeichnung als "Verschwörungstheoretiker" widerfahren ist. Dabei verfolgen Fiedler und Pohlmann eine eigene Agenda, indem sie eine angebliche Unterwanderung von Wikipedia durch linksradikale, pro-amerikanische und pro-israelische Gruppen beschreiben. Selbst sind sie schon mal Gast beim russischen Staatssender Russia Today und liefern Beiträge zu umstrittenen Internetportalen wie "KenFM", die verbreiten, dass "Mainstream-Medien" durch eine amerikafreundliche Lobby gesteuert würden.

Ulrich Leiner, der sich auf Wikipedia nicht hinter Pseudonymen versteckt, haben die drei schließlich als leichten Angriffspunkt ausgemacht. Ein Grünen-Politiker ist für Pohlmann ein gefundenes Fressen. Er verweist in dem Video-Blog auf ein Urteil wegen Diffamierung und sagt: "Ich beglückwünsche die Bürger in Haar für ihren zweiten Bürgermeister, der demnächst sehr bekannt werden wird und auch die Stadt in ganz Deutschland in die Öffentlichkeit bringen wird."

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Dann wird in dem Video Leiners Foto, Telefonnummer und E-Mail-Adresse eingeblendet, mit der Aufforderung, ihm zu sagen, was man von seinen Aktivitäten hält. "Bitte im Rahmen der üblichen Wortwahl. Bitte ohne Drohung", sagt Pohlmann noch an seine Internet-Gemeinde. Die legt dann los. Leiner fühlt sich im Netz öffentlich an den Pranger gestellt.

© SZ vom 22.01.2021/belo