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FC Bayern München Der teuerste Co-Trainer der Welt

Arbeitsteilung: Peter Hermann leitet das Training, Jupp Heynckes konzentriert sich auf die Mannschaftsführung.

(Foto: dpa)
Von Philipp Selldorf

Selbstverständlich waren die Leute am Montag zur Säbener Straße gekommen, um leibhaftig und in Farbe Jupp Heynckes zu erleben. Aber der Mann, der sich dann beim ersten Training des neuen Betreuerstabes des FC Bayern am meisten bemerkbar machte, das war Peter Hermann. Während Heynckes schweigend die Szene überblickte und Hermann Gerland fachgerecht die Stoppuhr bediente, kommandierte Peter Hermann, 65, die Spieler beim "Rondo". Bei dieser Übung geht es um Ballzirkulation, Balleroberung und Umschalten auf Angriff, alles im zeitgemäß hohen Tempo und begleitet von den niemals endenden Zwischenrufen des Assistenztrainers. "Hier wird jeder Pass analysiert", konstatierte der Kommentator des live übertragenden Vereins-Fernsehens und erfasste damit etwas Wesentliches. Denn das ist eine der Hauptsachen in Peter Hermanns viel gerühmter Trainingslehre: Jeder Pass soll eine (gute) Botschaft sein.

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Wie Heynckes hatte auch Hermann den FC Bayern 2013 nach dem Triple verlassen, doch wie er jetzt auf dem Vereinsgelände stand und die Veranstaltung beherrschte, sah er nicht aus wie einer, der erst mal ankommen muss. Die Spieler aus den Nachwuchsteams, die in der lückenhaften Trainingsgruppe aushalfen, wusste er alle beim Vornamen zu nennen. Auch das gehört zu seinem Repertoire: die persönliche Ansprache. "Das ist ganz entscheidend bei ihm", sagt Reiner Calmund. Man könne jeden einzelnen der Spieler anrufen, mit denen Hermann in all den Jahren gearbeitet hat, "du wirst keinen finden, der sagt: Der Hermann ist ein Arschloch".

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Düsseldorf sah sich moralisch zu einer Freigabe Hermanns genötigt

Seit 1989 fungiert Peter Hermann als Co-Trainer, nachdem Calmund den vormaligen Bayer-04-Profi auf den Posten in Leverkusen gelotst hatte. Der Manager musste das nicht bereuen. Hermann stand als Assistent den unterschiedlichsten Menschen zur Seite: Dragoslav Stepanovic und Christoph Daum, Klaus Toppmöller und Klaus Augenthaler, Berti Vogts und Michael Skibbe. Die meisten wollten ihn nicht wieder hergeben, Hermann hätte mit Toppmöller in den Kaukasus, mit Skibbe nach Istanbul, mit Augenthaler nach Wolfsburg gehen können. Aber er blieb immer in Leverkusen. Nur einmal, im Jahr 2008, wechselte er zum 1. FC Nürnberg, und dass er 2009 wiederkam, hatte einen Grund: Und der hieß Jupp Heynckes. Ansonsten wäre Hermann in Nürnberg geblieben, wo er gebraucht und geschätzt wurde.

Bei der Düsseldorfer Fortuna, wo Peter Hermann zuletzt dem Trainer Friedhelm Funkel assistierte, haben sie schnell verstanden, dass auch sie gegen Heynckes keine Chance haben würden. Anfangs stand die Anti-Bayern-Front noch fest zusammen: Geschäftsführer Robert Schäfer, Sportvorstand Erich Rutemöller und Trainer Funkel vereinbarten ein starkes Nein. "Aber das ist dann gebröckelt", erzählt Rutemöller, "wie sollten wir ihn halten? Er wollte unbedingt zum Jupp, und er wäre schwer enttäuscht gewesen, wenn wir seinem Wunsch nicht nachgegeben hätten."

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Im Sommer hatte sich Hermann noch loyal gezeigt, als Domenico Tedesco anrief, um ihn als Assistenten auf Schalke zu gewinnen, nun sah sich die Fortuna moralisch zur Freigabe genötigt. Auf das Geld der Bayern hätte der Klub lieber verzichtet, aber so ist es immerhin "eine gute Beigabe" (Rutemöller) und eine schöne Pointe: dass der Mann, den die Leverkusener stets als den besten Co-Trainer der Welt gerühmt haben, nun auch der teuerste Co-Trainer der Welt ist. Mindestens 1,75 Millionen Euro ist sein Wechsel dem FC Bayern wert.

Heynckes braucht Hermann: Die beiden ergänzen sich optimal

Fragt man Calmund, was Hermann so Besonderes anstellt, dann erzählt er sofort von einer Gelegenheit, bei der er mit wichtigen Leuten zusammensaß und die ganze Wahrheit erfuhr. Diese wichtigen Leute waren Heynckes und Hermann persönlich, als sie noch in München am Triple arbeiteten, und während der eine vor Calmund das Geständnis ablegte, dass er in seinem Alter gar nicht mehr in der Lage sei, so ein kompliziertes, individualisiertes Training zu konzipieren, sagte der andere, dass er sich außerstande sähe, ein Team mit so vielen Stars und Interessen zu führen. "Sie ergänzen sich, das ist das Geheimnis", so Calmund. Beförderungen auf den Chefsessel lehnte Hermann stets ab, Avancen gab es genügend. Aber der Mittelpunkt liegt dem ruhigen Mann aus dem Westerwald nicht.

Hermanns Ruf als Fußballlehrer beruht nicht nur auf Trainingsformen von "aaaabsoluter Topqualität" (Calmund), sondern auch auf fortgeschrittener Fußball-Verrücktheit. "Peter ist nicht der wissenschaftliche Typ, der sich über Bücher und Fachmagazine Wissen verschafft, aber er ist ein Fußball-Narr im positiven Sinn", weiß Rutemöller. "Fachlich und menschlich unantastbar" hat Funkel seinen engsten Mitarbeiter genannt, dem er ausdrücklich das "Co" verweigerte: "Er ist nicht mein Co-Trainer, er ist Trainer."

Die Arbeit beim Zweitligisten Düsseldorf betrachtete Hermann nicht als Abstieg. Er ging genauso methodisch vor wie immer, "jeden Jugendspieler hat er gekannt", sagt Rutemöller, und während andere neulich den freien Samstagmittag genossen, saß Hermann im Stadion des SC Wiedenbrück und guckte die Regionalligapartie gegen Fortunas U 23. Fußball ist Fußball, so sieht Peter Hermann das.

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