Von Gerti Schön

Trend im US-Fernsehen: Männlichkeit hat ausgedient. Die Serienstars von heute sind Antihelden, die im Leben und an der emanzipierten Frau scheitern.

Danny DeVito und Kaitlin Olson in It's Always Sunny in Philadelphia

Männlich sein ist ziemlich schwer: Danny DeVito als Loser Frank in der US-Serie "It's Always Sunny in Philadelphia". (Foto: ap)

Einen Rekord wird die US-Serie "It is Always Sunny in Philadelphia", die dort derzeit auf dem Murdoch-Sender FX läuft, mit Sicherheit aufstellen: nämlich die meisten Geschmacklosigkeiten und Tabubrüche in einer einzigen TV-Folge unterzubringen. Zum Beispiel: Käse auf einer Mausefalle essen, den Eimer mit Pisse umstoßen, Katzenfutter aus der Dose löffeln, sich Jesus' Stigmata aufmalen, in den öffentlichen Brunnen pinkeln.

Hauptfiguren der Reihe sind drei junge Männer und eine junge Frau Ende zwanzig, die erfolglos eine irische Bar in Philadelphia betreiben. Sie sind unmotiviert, träge, verdruckst und im allgemeinen unfähig, sich auf eine Beziehung oder ein Berufsziel festzulegen.

Der Star der Serie ist Danny de Vito, der den Vater von zwei der Kids spielt. Er gibt jedoch keineswegs eine Vaterfigur ab, sondern pflegt vielmehr den gleichen Lifestyle wie seine missratenen Gören: Er schläft im gleichen Bett mit seinem Sohn, verdient seinen Lebensunterhalt mit zwielichtigen Geschäften und kann sich nicht von seiner Midlife-Crisis losmachen.

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"It's Always Sunny in Philadelphia" ist nur ein Beispiel für eine ganze Latte neuer Anti-Helden im US-Fernsehen. Sie bevölkern die Sitcoms im Network-TV, die Jungmänner-Slots im Kabel und die Late-Night-Schicht im Bezahlfernsehen. Die Webseite Salon.com warnt gar vor den "Losern auf dem Vormarsch".

Autor Michael Kimmel sieht darin jedoch "nur eines von einer ganzen Reihe von Role Models, die das Fernsehen bietet und andeutet, wie wichtig diese 'Band of Brothers' für junge Männer ist".

Männlichkeits-Beweise

Kimmel, Kultursoziologe an der Universität Stony Brook in New York, beschreibt in seinem Buch "Guyland" jenes Phänomen, das derzeit auch die Fernsehschirme beherrscht: Amerikas junge Männer wollen nicht erwachsen werden. Sie heiraten frühestens Ende zwanzig und haben nach dem College ganze zehn Jahre, um zu sich selbst zu finden. Also leben sie lieber zu Hause bei den Eltern oder in der Männer-WG als in einer Beziehung, trinken Bier mit den Kumpels oder spielen Videogames, machen Witze über Masturbieren und Urinieren und können sich schlichtweg nicht entscheiden, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen.

"Viele junge Männer sind zutiefst verunsichert, was es heute bedeutet ein Mann zu sein", sagt Kimmel: "Sie suchen nach Wegen ihre Männlichkeit zu beweisen."

Junge Männer gelten in den USA als notorisch schwer zu erreichende Gruppe, was die werbetreibende Wirtschaft angeht. Also versuchen die Programmveranstalter an sie zu appellieren, indem sie sich ihren Humor aneignen.

Und das tut keine neue Serie besser als "Testees", eine phonetische Anspielung auf die Hauptfiguren, zwei männliche Versuchskaninchen und gleichzeitig auf das ebenso ausgesprochene "testes", eine Abkürzung von "testacles", English für Hoden. Die Reihe wurde von Kenny Hotz erfunden, der früher als Autor für South Park gearbeitet hat.

Peter und Ron (Steve Marke und Jeff Kassel) leben in einem siffigen Apartment irgendwo in Amerika und verdienen ihre Lebensunterhalt damit, für "Testaco" Pillen zu schlucken, Klebstoff zu schnüffeln oder Einläufe zu durchleiden. Es geht, in Peters Worten, "um das Unbekannte in meinem Hintern". Die beiden Kumpels sind fasziniert von allem, was mit ihren Genitalien oder ihrem Verdauungssystem zu tun hat, und genau in diesen beiden Regionen scheint sich der Haupteffekt ihrer medizinischen Tätigkeit abzuspielen.

Nach einer erfolgreichen Gehirnwäsche bei "Testaco" müssen Peter und Ron mühsam bei den Nachbarn erfragen, wer sie früher ein mal waren. Ihr Freund Nugget, noch immer stinksauer, weil die beiden ihm zum Geburtstag einen männlichen Striper geschickt hatten, erzählt ihnen, sie seien ein schwules Pärchen, das im Begriff war den Liebesakt vor ihren Freunden und der Familie vorzuführen. Peter und Ron, obwohl skeptisch, fangen an die Performance zu wiederholen, als sie - erweckt durch einen besonders ekelhaften Rülpser - magisch ihr Gedächtnis wiedererlangen.

Anspielungen auf Homosexualität oder die Panik, als schwul identifiziert zu werden, zieht sich wie ein roter Faden durch diese Shows - wie in der Regel auch durch die angesprochene Klientel des männlichen Publikums zwischen 18 und 29 Jahren.

Urlaub vom täglichen Druck

Für Kimmel ist dies lediglich ein weiteres Element in der Identitätskrise des amerikanischen Mannes. "Die Angst schwul zu sein hat den Hintergrund nicht als richtiger Mann angesehen zu werden", interpretiert er. Männer seien generell verunsichert, weil Frauen genauso erfolgreich in traditionellen Männerdomänen wie Karriere und Sport sind. Hinter aller Protzigkeit stecke jede Menge Angst wie auch Unmut gegenüber Frauen. Sich als Loser darzustellen ist nur eine Variante dieser Unsicherheit.

Obwohl die FX-Shows, beide aus dem Hause der News Corporation, die wohl eklatantesten Versionen des neuen Narziss porträtieren, tauchen diverse Mutanten auch auf zahlreichen anderen Sendern auf. Im Mainstream-TV etwa tummelt sich auf CBS jede Woche ein tolpatschiger Bräutigam, der es immerhin zur Verlobung geschafft hat, aber regelmäßig in die peinlichsten Situationen mit seinen künftigen Schwiegereltern gerät. "Worst Week" ist eigentlich eine britische Kreation und wurde für das US-Publikum leicht abgemildert, enthält jedoch noch immer jede Menge Erbrochenes, Verdautes und andere Körperflüssigkeiten.

Mit einigen muss schon fast Erbarmen haben, zum Beispiel dem "Star" der Cartoonserie "The Life and Times of Tim" auf HBO. Der Schöpfer, Steve Dildarian, machte sich vor Jahren einen Namen mit einer Budweiser-Werbekampagne mit zwei sprechenden Eidechsen in der Hauptrolle, damals ein Hit bei der Zielgruppe der jungen Männer.

Tim ist ein Schwächling, man muss es so sagen. Als er mit seiner Freundin in seinem geräumigen Sitz direkt beim Notausgang des Flugzeugs sitzt und sich mit ihr auf den Urlaub freut, pöbelt ein Fluggast ihn von hinten an, er sei nicht Manns genug, im Notfall die Tür aufstemmen zu können. "Ich bin ein erwachsener Mann. Ich bin Mitglied im Fitnessstudio", rechtfertigt Tim sich lahm. Doch auch die Stewardess erspart ihm nicht die Demütigung, anschließend mit seiner Sitznachbarin, einer alten Dame, Armdrücken zu müssen, die ihn vor lauter Überraschung sofort abräumt.

Vielleicht muss man also doch Erbarmen mit der ganzen Bande grüner Mannsbilder haben, die sich schon mit 19 Jahren in einer "Early-Life-Crisis" befinden und ihnen ein paar Jahre geben, erwachsen zu werden. "Diese TV-Shows sind wie ein Urlaub vom täglichen Druck, den diese Generation empfindet", appelliert Kimmel, wohl an uns Frauen. "Sie erlauben es uns, die Männer mit ein bisschen mehr Humor zu sehen".

(SZ vom 17.11.2008/jb)

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Leserkommentare (3)



05.12.2008 11:10:35

Roslin: Michael Kimmel und die Fernsehserien

Ihr Kronzeuge, Michael Kimmel, ist kein neutraler Wissenschaftler, sondern ein männlicher Vertreter jener feministischen "Männerforschung", deren als Wissenschaftlichkeit getarnte Diffamierungen einen Zeitgeist mit prägen, der solche Hervorbringungen wie die geschilderten Serien möglich macht.

Ein Männer nicht mehr wertschätzender, sie verachtender Feminismus sorgt für "Girls Empowerment" und Herabwürdigung der Männer.

Eine Entwicklung, die längst auch in unseren Medien Platz gegriffen hat.

Man denke nur an die vielen Werbespots, in denen Männer als Trottel, Dummköpfe oder vulgare Dumpfbacken chargieren dürfen, gerade gut genug, um von klugen Frauen mit Versandhauskatalogen zusammengeschlagen zu werden.

Derweil verkommen unsere Jungen in diesem, sie verächtlich machenden Klima in den Schulen.

Dem Girls Empowerment - Programm auf der einen Seite steht ein umfassendes, unabgesprochenes, ebenfalls sehr erfolgreiches Programm der Jungen - und Männerdemütigung gegenüber.

Die Gesellschaft wird die Männer bekommen, die sie mit Fleiß heranzieht.

Sie werden wenigstens keine ernsthafte Konkurrenz mehr für die Alphamädchen sein und diese beim Einnehmen der erstrebten Vorstandsposten nicht weiter behindern.

Offenbar ist für viele diese Form der Erleichterung der Gleichstellung der Frauen durchaus erwünscht.

Denn nur wenige Männer und Frauen zeigen angesichts dieses antimännlichen Sexismus jene Empörung, die er verdiente und wäre es ein antiweiblicher Sexismus, der mit solchen Methoden arbeitete, auch erführe.

Im Gegenteil.

Man und frau finden es lustig.


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