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Datenschutz Facebook hat das Netz verwanzt

Like-Buttons im Netz funktionieren wie Wanzen, die Facebook benachrichtigen, wer die Seite aufruft. So erfährt Facebook den Browser-Verlauf.

(Foto: dpa)
Von Simon Hurtz

Es klang zu schön, um wahr zu sein: Am 1. Mai des vergangenen Jahres machte Facebook-Chef Mark Zuckerberg ein großes Versprechen. Sein Unternehmen werde eine neue Funktion namens "Clear History" einführen, kündigte er auf Facebooks Entwicklerkonferenz an. Nutzer könnten damit alle Daten löschen, die Facebook über sie gesammelt habe - nicht nur Informationen, die sie selbst auf dem sozialen Netzwerk hinterlassen, sondern auch ihren Browserverlauf außerhalb von Facebook, den das Unternehmen ebenfalls sammelt.

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Kurz zuvor hatte die Cambridge-Analytica-Affäre Facebook erschüttert. Das Datenanalyse-Unternehmen hatte Nutzerdaten von Facebook abgegriffen und versucht, damit Wähler in den USA zu beeinflussen. Zuckerberg gelobte Besserung. "Clear History" wäre ein konsequenter Schritt gewesen. Die Funktion würde Nutzern einen Teil der Kontrolle über ihre Daten zurückgeben. Doch wenn viele Menschen davon Gebrauch machen würden, könnte das Facebooks Werbegeschäft schaden. Dann wären weniger Daten vorhanden, um Anzeigen zu personalisieren.

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Würde, könnte, wäre. Womöglich bleibt Zuckerbergs Ankündigung nur ein Versprechen. Schon damals dämpfte Facebook die Erwartungen. Es werde "einige Monate" dauern. Daraus ist nun ein Dreivierteljahr geworden, und "Clear History" ist nicht in Sicht. Im Dezember sagte ein Facebook-Manager dem Technik-Portal Recode, dass im Frühjahr erste Tests mit Nutzern beginnen sollten. Technische Probleme seien für die Verzögerung verantwortlich.

Das ist peinlich für Facebook und ärgerlich für Nutzer. Viele Menschen wissen, dass Facebook alle Daten speichert, die sie von sich aus preisgeben: Likes, die sie hinterlassen, Beiträge, die sie schreiben, Fotos, die sie hochladen. Doch das macht nur einen Bruchteil der Daten aus, die Facebook sammelt. Das Unternehmen überwacht Internetnutzer - und dazu gehören auch Menschen ohne Facebook-Konto - viel lückenloser, als die meisten ahnen.

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Facebooks Like-Buttons telefonieren nach Hause

Sogar Zuckerberg selbst verliert dabei bisweilen den Überblick. Bei einer Anhörung im US-Kongress sagte der Facebook-Chef, dass Nutzer alle Informationen, die Facebook über sie besitze, in ihrem Profil einsehen könnten. Wenn die außerhalb von Facebook besuchten Webseiten dort nicht auftauchten, habe Facebook den Browsing-Verlauf auch nicht mitgeschnitten. Kurz darauf besprach sich Zuckerberg mit seinen Mitarbeitern und korrigierte sich.

Dass selbst Zuckerberg durcheinanderkommt, zeigt, wie unübersichtlich Facebooks Tracking-Werkzeuge mittlerweile sind. Mit seinen Like-Buttons hat Facebook das Netz verwanzt. Auf fast jeder Webseite finden sich diese Schaltflächen oder andere Facebook-Elemente, und sie alle telefonieren nach Hause: Facebook erfährt, wer diese Webseite besucht. Das geht mithilfe sogenannter Cookies, die angeklickte Webseiten auf Handys, Laptops oder PCs hinterlassen. Damit lassen sich alle Geräte identifizieren. Ob Nutzer bei Facebook angemeldet sind oder nicht, spielt keine Rolle. Selbst wer gar kein Konto besitzt, landet so auf Facebooks Servern - angeblich speichert Facebook diese sogenannten Schattenprofile nur vorübergehend.

Dieser Verlauf der aufgerufenen Webseiten verrät oft mehr über die Persönlichkeit als Beiträge und Fotos, die man freiwillig teilt. Hinzu kommt die automatische und vollumfängliche Verhaltensanalyse, die Facebook startet, wenn Nutzer durch ihren Newsfeed scrollen. Wie lange betrachten sie ein Foto? Bei welchen Inhalten scrollen sie schnell, wann scrollen sie langsam? Welche Links öffnen sie nur kurz, um direkt im Anschluss wieder zu Facebook zurückzukehren? Wie viel Zeit verbringen sie auf Nachrichtenseiten, die sie über Facebook aufgerufen haben?

52 000 unterschiedliche Attribute für personalisierte Anzeigen

Das sind nur einige der öffentlich bekannten Kriterien, die Facebook verwendet, um Nutzern personalisierte Inhalte anzuzeigen. Im vergangenen Juni listete das Medienportal Buzzfeed 18 Dinge auf, die Facebook trackt, ohne dass sich die Nutzer dessen bewusst sein dürften. Dazu zählen alle installierten Apps auf dem Smartphone, Bewegungen des Cursors auf dem Rechner, Verbindungsgeschwindigkeit, Adressbuch, Standortdaten und die verbleibende Akkulaufzeit.

Wie diese Informationen die Algorithmen beeinflussen, die Inhalte für den Newsfeed auswählen, ist nicht bekannt. Genauso unklar ist, wie Facebook die Daten verwendet, um Nutzer in möglichst fein abgestufte Zielgruppen einzuordnen, damit Werbetreibende passende Anzeigen schalten können. Der Recherche-Organisation Pro Publica zufolge greift Facebook dafür auf mehr als 52 000 unterschiedliche Attribute zurück, vom vermuteten Einkommen über den Beziehungsstatus bis zur politischen Überzeugung.

Zumindest könnten Nutzer im Laufe des Jahres ein bisschen Kontrolle über ihre Daten zurückerlangen. Wenn Facebook Wort hält.

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