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Reiseführer Mailand - Lombardei:Stichworte

Mode und Design, Inter und Aperitif: Mailand ist ein Durchlauferhitzer für Stilfragen aller Art

Aperitif

Am frühen Abend ist es Zeit für die Happy Hour und einen Aperitif in der Bar. Mailand darf man wohl ohne Übertreibung als die Welthauptstadt für kleine alkoholische und nichtalkoholische Appetitanreger bezeichnen. Ganz klassisch mit Campari-Soda oder Ramazzotti, elegant mit Prosecco oder Spumantino, kräftig mit Negrotto oder Vodka Sour. Dazu stehen Snacks und Oliven, Salzgebäck und Gemüsehäppchen auf dem Tresen der Bar. Und manch einer bleibt den ganzen Abend hier hängen.

Design

Sein oder Design, das ist hier keine Frage. Milano und die Lombardei bilden die Topregion für Design in Europa. Eine Zeitschrift wie „Domus“ konnte gar nicht anderswo entstehen. Die schöne Form von Alltagsgegenständen, Möbeln oder auch Industrieprodukten wird in Hunderten von Werkstätten, Studios und Agenturen immer wieder aufs Neue gesucht und ausprobiert. Die aufsehenerregenden Objekte und Entwürfe berühmter Altmeister wie Ettore Sottsass oder Enzo Mari kann man heute im Triennale Design Museum bewundern, während die zahlreichen Talente der jüngeren Generationen in den sogenannten Designdistrikten wie Brera, Tortona oder Bovisa arbeiten. Alljährliche Höhepunkte sind die große Möbelmesse Salone del Mobile sowie die Off-Initiativen der jungen Kreativen wie der Fuorisalone und die Tortona Design Week.

Expo 2015

Mailand richtet die nächste Weltausstellung vom 1. Mai bis zum 31. Oktober 2015 aus. Schon 1906 fand in Mailand eine Expo statt, damals zum Thema Verkehr. Diesmal brachte den Zuschlag sicherlich auch das zukunftsträchtige Thema „Feeding the Planet – Energy for Life“ (Den Planeten ernähren – Energie für das Leben). Die teilnehmenden Länder sind aufgefordert, ihre Vorschläge und Ressourcen für eine gesunde Ernährung aller Menschen und für die ökologisch verträgliche, nachhaltige Nahrungsherstellung vorzustellen. Eines der zentralen Themen des 21. Jhs. Hauptschauplatz wird das riesige Messegelände von Rho-Pero im Nordwesten der Stadt sein, das sich in das Modell eines globalen Gemüsegartens verwandeln soll. Zum Thema Wasser plant man u. a. die Erweiterung des Kanalsystems der Navigli von der innerstädtischen Darsena bis hinaus zum Ausstellungsgelände. So ein Event ist für Mailand eine einmalige Gelegenheit, Strukturprobleme der Stadt anzugehen, etwa die Verbesserung des Straßennetzes in der Peripherie. Und auch lebhafte Diskussionen stößt die Expo an: Die vielerorts neue Gestaltung des Stadtbilds (wovon die riesigen Baustellen zeugen) hat die Bürgerschaft wie schon lange nicht mehr auf den Plan gerufen. Denn es geht nicht nur um mehr Hochhäuser, sondern auch um städtische Lebensqualität: endlich mal wieder für die Gemeinschaft und nicht nur für die Bereicherung einiger weniger Bauherren – so lautet die Forderung, mit der die Mailänder die Expo-Vorbereitungen begleiten.

Futurismo

Die übermächtige Vergangenheit – der großen Historie der Antike, der großen Kunst der Renaissance, des Katholizismus –: All das wollte man endlich abwerfen, sich frei machen für die Moderne, für die Zukunft, für Technik, Dynamik, den modernen Großstadtmenschen. Für die Künstlerbewegung des Futurismus unter ihrem energischen Anführer Filippo Tommaso Marinetti musste Mailand, Italiens größte moderne Stadt mit ihren Fabriken, ihren Trambahnen, dem abendlichen Lichtermeer, den vielen eilenden Menschen, zum inspirierenden Epizentrum werden. Es entstanden kühne Bilder, auf denen sich die Figuren in reine Bewegungsabläufe auflösen. Die erste Ausstellung 1910 in Mailand schlug wie eine Bombe ein, schnell gelangte dieser neue künstlerische Schwung nach Frankreich und Russland, regte Bildhauerei, Tanz, Musik, Poesie an. Die herausragenden Künstler waren Umberto Boccioni, Giacomo Balla, Carlo Carrà, Gino Severini. Boccionis berühmtes Bild aus der ersten Ausstellung heißt „Rissa in Galleria“ (Streitigkeiten in der Galerie); es zeigt eine aufgebrachte Menge Frauen vor den Fenstern der Bar Zucca-Campari in der Galleria Vittorio Emanuele. Heute hängt das Bild im erst kürzlich eröffneten Museo del Novecento, das eine reiche Auswahl dieser Kunstrichtung zeigt, die immerhin das Konzept (und das Wort) Avantgarde entwickelt hat. Zu ihren dunklen Seiten gehört die spätere Verherrlichung des Kriegs und die Sympathien für den Faschismus als moderne Massenbewegung.

Inter & AC Milan

Im calcio, dem Fußball, ist Mailand streng zweigeteilt: in rot-schwarz gestreifte milanisti, das sind die Fans des AC Mailand, und blau-schwarz gestreifte interisti, die Anhänger von Inter. Fan ist man von Geburt an – und so müssen viele stramme Linke politische Überzeugungen zu Hause lassen, wenn es um den Fußball geht: Der AC Mailand gehört dem rechten Expremier und Milliardär Silvio Berlusconi. Etwas zu feiern hatten zuletzt beide Lager: Inter gewann die italienische Meisterschaft 2010 zum fünften Mal in Folge, Erzrivale Milan wurde 2011 italienischer Meister. Ihre Heimspiele tragen beide Clubs im Stadio Giuseppe Meazza Via Piccolomini 5 Tram 16 mit 85 000 überdachten Sitzplätzen aus. Karten gibt es über die Website der Vereine: www.inter.it/en/biglietti/acquista.html (Inter) und www.acmilan.com/en/tickets/how_to_purchase (Milan). Dort finden sich auch die offiziellen Vorverkaufsstellen. Das Stadion – die tifosi nennen es bei seinem traditionellen Namen San Siro, weil es im gleichnamigen Stadtteil liegt – können Sie auch besichtigen, wenn kein Spiel ansteht ( tgl. 10–17 Uhr Eingang bei Tor 14 12,50 Euro www.sansirotour.com ).

Manzoni

Seit Generationen mühen sich die italienischen Gymnasiasten durch „Die Brautleute“ (I Promessi Sposi), wie das mit den großen Literaturklassikern nun mal so ist. Italiens berühmtester Roman des 19. Jhs. kam 1827 heraus, und noch druckfrisch schickte ihn sein Autor, der Mailänder Alessandro Manzoni (1785–1873), umgehend an Goethe. Der las die über 1100 Seiten in einer Woche, befand begeistert, dass das Werk „alles überflügelt, was wir in dieser Art kennen“, und ließ es sofort ins Deutsche übersetzen. Es ist die zwischen Mailand und Comer See angesiedelte Geschichte von Renzo und Lucia, zwei ganz normalen jungen Leuten, deren Leben und Liebe in den historischen Wirren des 17. Jhs. unterzugehen drohen. Der Roman wirft ein Schlaglicht auf die Klassen- und Ständegesellschaft ruchloser Feudalherren, zwielichtiger Klerikaler und der spanischen Fremdherrschaft im Herzogtum Mailand; hinzu kommen Hungersnöte, Pest, Dreißigjähriger Krieg ... ein Kaleidoskop des einstigen Italien, aus dem sich viele Phänomene des heutigen erklären lassen. Dieser lange historische Atem des Romans und sein geschmeidiger, lebhafter Stil machen ihn auch heute noch zu einem Lesegenuss – auch auf Deutsch in der preisgekrönten jüngsten Übersetzung von Burkhart Kroeber. Die Geschichte von Renzo und Lucia regt auch immer wieder zu neuen TV-Verfilmungen an. Als Bronzestatue verewigt steht Manzoni auf der Piazza San Fedele unweit seines Wohnhauses in der Via Gerolamo Morone 1. Aufgebahrt liegt er im den Größen Mailands gewidmeten Tempel Famedio auf dem Cimitero Monumentale. Giuseppe Verdi widmete ihm seine berühmte Messa da Requiem. Dem Namen Manzoni begegnen Sie überall in der Stadt: Die Via Manzoni ist eine der besonders edlen Einkaufsstraßen, auch das Stadttheater trägt natürlich seinen Namen, dazu Kinos, Hotels und mehr.

Modezaren

Armani und Prada, Gucci und Dolce & Gabbana sind diejenigen, die den Ton angeben. Sie kümmern sich um Mode und Design, um Parfum und Kultur. Armani hat sich von Tadao Ando sogar ein eigenes Theater bauen lassen und sponsert einen Basketballclub der Spitzenklasse: Armani Jeans Milano. Die Boutiquen und Showräume der Modekönige sind die Fixpunkte einer Stadt wie früher die Palazzi der Patrizier und die literarischen Salons der Intellektuellen. So lässt sich auch das moderne Mäzenatentum von Trussardi und Prada verstehen, die hin und wieder irgendwo im städtischen Raum mit interessanten Aktionen zeitgenössischer Kunst überraschen ( www.fondazionenicolatrussardi.com , www.fondazioneprada.org ). Besonders schillernd geht es während der Modewochen ( milanofashioncity.com , www.vogue.it ) zu, wenn die stilisti in Dutzenden von Showrooms ihre neuen Modelle zeigen. Da erstaunt es, dass es dieser città della moda immer noch an einem modernen, interessanten Modemuseum fehlt. Aber immerhin hat man der Mode ein Monument errichtet: eine überdimensionale Nadel mit Faden des amerikanischen Popkünstlers Claes Oldenburg auf der Verkehrsinsel Piazzale Cadorna vor dem S-Bahnhof Stazione Nord.

Musik

Mailand steht nicht nur für das Melodrama in der Scala und für hochkarätige klassische Orchestermusik. Die großen Diven der italienischen canzone haben sich in der urbanen Atmosphäre der Siebzigerjahre in Mailand entwickeln können: Die melancholisch-romantische Ornella Vanoni, einst auch in Deutschland gefeiert, wird heute noch in ihrer Heimatstadt verehrt. Die rothaarige Milva studierte hier mit dem Mailänder Theatergenie Giorgio Strehler ihre temperamentvollen Interpretationen der Kurt-Weill-Lieder ein, mit denen sie in Deutschland berühmt wurde. Aus der Nachbarstadt Cremona stammt die grandiose Popvokalistin Mina. Und nicht vergessen sei der in Mailand geborene Adriano Celentano. Auch aus dieser Generation und eine regelrechte Kultfigur ist der originelle Songschreiber, Sänger und Kabarettist Enzo Jannacci. Sein sarkastischer Stilmix aus Nonsense und Existenzialismus ist typisch für Mailand, auf dieser Schiene haben auch heutige Gruppen Erfolg, wie Elio e le Storie Tese mit ihrer Fusion aus Jazz, Rap, Rock und dadaistisch-rebellischen Textspielereien, deren Videos seit Jahren zu denen gehören, die auf Youtube von italienischen Usern am häufigsten angeklickt werden. Auch viele der besten Rockgruppen Italiens kommen aus Mailand, so die bewährten Afterhours und die Popgruppe Modà, fünf Mailänder Jungs, die sich beharrlich ganz oben in den Charts behaupten.

Öko-Mailand

Mailand hat dem Smog den Kampf angesagt. Nachdem vor einigen Jahren der ecopass für umweltbelastende Fahrzeuge eingeführt wurde, soll nun der Verkehr (ausgenommen Fahrzeuge mit Elektromotor) ganz aus der Innenstadt verbannt werden. Dazu werden auch das Carsharing (www.guidami.net) sowie das Bikesharing (www.bikemi.com) ausgebaut. Auch für die öffentlichen Verkehrsmittel werden Antriebssysteme entwickelt, die auf der Nutzung alternativer Energien basieren – die Metrolinie 1 fährt schon mit Sonnenenergie. Auch setzt sich der Biotrend zunehmend durch, etwa mit der Bio-Supermarktkette Natura Sì (www.naturasi.eu) oder Biogastronomen wie z. B. der Kette Mens@Sana (www.mensasana.it), mit immer mehr Bio- und Bauernmärkten in den Stadtteilen.

Schlangentiere

Schlangen sind in Mailand allgegenwärtig. Sie lauern auf Säulen in der Kirche Sant’Ambrogio. Sie schlängeln sich durchs Logo von Alfa Romeo wie durch das von Silvio Berlusconis Fernsehsender Canale Cinque. Sie tummeln sich auf der Brust von Inter-Kickern und prangen auf Wappen am Castello Sforzesco. Das Wappen der Visconti geht auf die Darstellung eines schlangenartigen Drachen zurück, der ein Kind verspeist. Angeblich hat einer der Stammväter, Ottone Visconti, während der Kreuzzüge einen Sarazenen besiegt, der jenes Wappen auf dem Schild führte. Seitdem schlängelt es sich durch die lombardische Grafik.

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Bettina Dürr pendelt seit bald drei Jahrzehnten zwischen Norditalien und Düsseldorf. Sie schreibt Reiseführer und kulinarische Sachbücher und übersetzt Kinder- und Jugendliteratur. Gelegentlich organisiert sie für kleine Gruppen Kurzreisen zu ausgewählten Themen. So kommt sie fast automatisch viel in Norditalien herum. Richtig Ferien machen kann sie kaum noch – eine Art Berufsdeformation.

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Quelle: www.marcopolo.de