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Digitale Universität:Generation unsichtbar

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Seminare ohne Köpfe? Einige Universitäten empfehlen den Lehrenden bereits, die Studierenden nachdrücklich zum Aktivieren ihrer Kameras aufzufordern.

(Foto: SZ)

Obwohl sie mit digitalen Medien sozialisiert sind, schalten Studierende in Videoseminaren lieber ihre Kamera aus. Warum?

Gastbeitrag von Christian Kirchmeier

Wer in den letzten Wochen an einer Hochschule ein virtuelles Seminar unterrichtet hat, konnte eine überraschende Erfahrung machen. Man war darauf vorbereitet, dass sich die komplexen Seminarinteraktionen nicht verlustfrei auf Videokonferenzen übertragen lassen: Sogar bei einer guten Verbindung kommt es zu Verzögerungen in der Übertragung, die genügen, um die sensiblen Mechanismen des Sprecherwechsels empfindlich zu stören. Das ist in den Kommunikationswissenschaften empirisch gut untersucht: Man fällt sich in der Videokonferenz häufiger ins Wort, wirkt weniger überzeugend und sogar weniger vertrauenswürdig als im persönlichen Gespräch.

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Tatsächlich kam es aber häufig gar nicht zu diesen Problemen, da die Studierenden bereits beim Einloggen ihre Mikrofone und Kameras deaktiviert hatten und nur schwer dazu zu bewegen waren, sich mit Bild und Ton am Kurs zu beteiligen. Es ist paradox: Lehrende, die bislang gut ohne Mikrofone und Kameras ausgekommen sind, fanden sich in der Rolle eines Online-Streamers wieder; und Studierende, die mit sozialen Medien sozialisiert wurden, blieben im virtuellen Seminar stumm und gesichtslos. Das von ihnen bevorzugte digitale Kommunikationsmedium ist zugleich das älteste: die Schrift im Chatfenster.

Ist das gewohnte Multitasking ein Grund für die Verweigerungshaltung?

Wer nach den Gründen dafür fragt, erhält ein ganzes Bündel an Antworten: Zu viele aktivierte Mikrofone erzeugen störende Nebengeräusche; bei eingeschaltetem Video ohne direkten Augenkontakt weiß man nicht, wer einen womöglich anstarrt; die Bandbreite zu Hause ist zu gering oder das WLAN nur im Wohnzimmer stark genug, wo die ganze Familie durchs Bild läuft. Manche wollten sich ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen auch einfach nicht in ihrem privaten Outfit zeigen. Einige Universitäten haben den Lehrenden bereits empfohlen, die Studierenden nachdrücklich zum Aktivieren der Kameras aufzufordern und sie explizit daran zu erinnern, sich angemessen zu kleiden - zumindest über der Gürtellinie.

Jenseits dieser Rationalisierungen gibt es allerdings noch einen tieferliegenden Grund für die Verweigerungshaltung. Der Autor Michel Houellebecq hat vor kurzem argumentiert, dass das Coronavirus lediglich einen seit Jahren laufenden sozialen Prozess beschleunige, in dem physische Kontakte abgebaut werden. Tatsächlich war es ja auch vor Corona schon so, dass die Lehrenden vor einer Wand aufgeklappter Laptops standen, hinter denen sich gut verbergen ließ, dass man sich nicht nur Notizen machte, sondern durch Instagram klickte und gegenseitig WhatsApp-Nachrichten schickte. Dank der virtuellen Seminare hat diese Art des Multitaskings ihren Höhepunkt erreicht. Derzeit wird so deutlich wie nie, dass Digitalisierung alleine noch keine bessere Lehre bedeutet.

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Die Hochschuldidaktik versucht ihr Möglichstes, um dieser Entwicklung gegenzusteuern, und empfiehlt beispielsweise Gruppenarbeiten in virtuellen Breakout-Räumen. Aber mit all ihren Vorschlägen verstärkt sie letztlich nur den Eindruck eines tiefgreifenden historischen Wandels. Eine Studierendengeneration, die gegen die verstaubten Ordinarienuniversitäten kämpfte, indem sie sich sichtbar und hörbar machte, ist einer Generation gewichen, die stumm und unsichtbar durch die Universität zu navigieren versucht. Ihr Protest gegen gesellschaftliche Missstände findet vor allem außerhalb der universitären Diskussion statt.

Man fordert Sichtbarkeit und Hörbarkeit von Benachteiligten - ohne selbst von diesem Recht Gebrauch zu machen

Es mag sein, dass schon 1968 eine Mehrheit daran interessiert war, ihr Studium möglichst schadlos zu überstehen. Aber gerade auf dem Stand der aktuellen Debatte in den Geisteswissenschaften offenbart das virtuelle Seminar ein weiteres Paradox: Sogar in den Geisteswissenschaften, die sich in den letzten Jahren immer wieder mit der politischen Bedeutung von Sichtbarkeit und Hörbarkeit beschäftigt haben, wird diese Erkenntnis ausgerechnet nicht auf den eigenen akademischen Diskurs bezogen. Man ist sich schnell darüber einig, sozial Schwachen das Recht auf Sichtbarkeit und Hörbarkeit zuzusprechen, ohne selbst von diesem Recht Gebrauch zu machen. Eine politische Haltung im akademischen Diskurs erfordert derzeit mehr Mut als sonst - vor allem, wenn es den Studierenden freigestellt ist, ob sie ihre Gesichter zeigen.

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In der Abschlusssitzung eines virtuellen Seminars nach dem Widerstand gegen die Kameras gefragt, antwortete eine Studentin, dass es schlicht unangenehm sei, das eigene Bild zu zeigen, wenn die meisten anderen das nicht täten. Da sie dennoch der Ansicht war, dass der gegenseitige Kontakt im Seminar wichtig sei und irgendwann jemand den Anfang machen müsse, schaltete sie demonstrativ ihre Kamera ein. Sie blieb die einzige.

Christian Kirchmeier ist Literatur- und Medienwissenschaftler. Er hat unter anderem an der LMU München und an der Yale University gearbeitet und lehrt seit 2019 an der Universität Groningen.

© SZ vom 05.06.2020/lalse
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