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RTL arbeitet an einem Unsittengemälde: der Welt der „Bravo“-Leserinnen – ein Gespräch mit dem Produzenten der neuen Serie.

(Foto: RTL)

Der Sender RTL erkundet jetzt verstärkt den Gedankenkosmos und das Lebensgefühl von Jugendlichen. Am heutigen Freitag startet die sechsteilige Reihe Schulmädchen, eine turbulente „Teenie-Comedy“ (21.45 Uhr). Die SZ sprach mit dem Produzenten der Serie, Philip Voges, Geschäftsführer der Firma Hofmann & Voges Entertainment, die unter anderem die beiden Erkan & Stefan-Kinofilme herstellte.


» Wenn man Sexbewegungen sieht und dazu Push it hört, entsteht ein komischer Effekt. «

SZ: Zu Beginn eine Detailfrage. Es gibt da diese Szene, in der die Schulmädchen an ihrem Cabrio lehnen und interessiert das Geschehen auf dem Sportplatz gegenüber verfolgen. Beim Anblick eines basketballspielenden Schuljungen läuft ihnen das Wasser im Mund zusammen. Warum wird in diesem Moment Mister Lova-Lova von Shaggy gespielt?

Philip Voges: (lacht) Oh, das sind aber sehr detaillierte Fragen. Nun, wir haben versucht, Musik zu finden, die Spaß macht, eine Stimmung transportiert. Bestenfalls noch Witz und Ironie. Der Typ ist Mr. Lova-Lova. Oder: Er wäre gern so.

SZ: „Mister Lova-Lova“, das ist eine sehr nahe liegende Wahl – so wie überhaupt in jeder Szene immer genau die Musik gespielt wird, auf die man als Zuschauer auch sofort kommen würde.

Voges: Also, mir würde Shaggy nicht gleich einfallen. Ich hab die CD auch nicht zuhause. Ich höre eher so Sachen wie The Thrills.

SZ: Sie lenken ab. Die Sexszene mit dem Englisch-Referendar wird untermalt mit Push it, bei einer erotisch aufgeladenen Party läuft – natürlich – Sex Machine. Ist das nicht arg . . .

Voges: . . . nahe liegend? Mag sein. Die Musik dient hier dazu, eine Stimmung zu unterstützen und ironisch zu brechen. Wenn man Sexbewegungen sieht und dazu Push it hört, entsteht ein komischer Effekt – anders als etwa zu Musik von Mozart. Ihnen ist die Musik nicht cool, modern und geschmackvoll genug. Interpretiere ich Ihre Frage so richtig?


» An den Schulen geht es heute heftiger zu als in den sozialdemokratischen Siebzigern. «

SZ: Korrekt. Grundsätzlich: Wenn ich sagen würde, Ihre Serie sei rundum gelungen, wäre das sehr unehrlich.
Voges: Es ist Ihr gutes Recht, die Serie schlecht zu finden.

SZ: Kennen Sie im wirklichen Leben Mädchen, die sich so verhalten wie die RTL-Schulmädchen?

Voges: Ich kenne Frauen, die so ähnlich ticken, aber die sind meist älter. Aber es ist doch klar, dass wir bei der Figuren-Entwicklung keine hundert Prozent realen Personen vor Augen hatten. Das Ziel war, das Thema Sex mit Humor zu behandeln. Damit liegen wir im Trend. Denken Sie an Sex and the City.

SZ: Eine sehr lustige Serie, die mit den Neurosen weiblicher Singles in Manhattan spielt. Was ist an deutschen Schulmädchen komisch?

Voges: Komisch finde ich die Überzeichnung der Charaktere, das parodistische Element. Das sind alles verwöhnte Mädchen aus reichem Elternhaus, die sehr krasse Sprüche bringen. Extrem großstädtische Existenzen. Komisch ist außerdem ihr Scheitern. Oft zeigt sich ja, dass sie keineswegs so cool sind, wie sie gerne glauben würden. Letzlich sind es eben dann doch ganz normale Mädchen.

SZ: In einer Szene treffen sich zwei Schulmädchchen auf dem Flur. Die eine sagt: „Na, heute schon gefickt?“ Die Antwort: „Na, heute schon ein neues Gesicht bestellt?“ Sowas finden Sie normal?

Voges: Das ist keine meiner ausgesprochenen Lieblingsszenen. Aber bei den 14- bis 19-Jährigen hatten wir mit dem Pilotfilm einen Marktanteil von 45 Prozent. Sie dürfen nicht vergessen: An den Schulen geht es heute heftiger zu als in den sozialdemokratischen Siebzigern.

SZ: Ihre Schulzeit?

Voges: Eher die Achtziger. Ich lebte in dieser speziellen Hamburger Welt . . .

SZ: Also Hafenstraße, Hausbesetzer?

Voges: Nein, Pöseldorf, der Geburtsort der Popper. Wenn man da nicht das richtige Mofa hatte, war man unten durch. Heute ist das extremer. Schulmädchen handelt genau davon: Man will cool und sexy sein. Das führt zu Versagensangst.

SZ: Versagensangst ist ein sympathischer Charakterzug. Warum wirken alle Ihre Figuren so unsympathisch?

Voges: (lacht) Sie finden keine einzige Figur nett? Schade. Traurig für Sie! Bei der Marktforschung kamen sie gut an. Wobei die Zuschauer auch zu schätzen wissen, dass sie Einsicht zeigen, Ihr Verhalten zu korrigieren.

SZ: Wie in der ersten Folge Cara, die einsieht, dass man einen Penis nicht lieben kann, und sei er noch so groß?
Voges: Exakt. Am Ende heißt es: „Ein Penis hat auch ein Herz.“

SZ: Das ist die Moral? Ernsthaft?
Voges: Absolut. Ist doch völlig klar: Sie findet ihn nur attraktiv, weil er einen Riesenpenis hat. Das kränkt ihn natürlich. Dieses Thema ist dauernd präsent unter Jugendlichen. Wir haben einfach nur fleißig Bravo gelesen und uns bei Dr. Sommer bedient. Die Serie reagiert auf eine Realität, die Sie als Dreißigjähriger wahrscheinlich nicht kennen: Jugendliche, die sehr offen über Sex reden, Teenager, für die eine Brust-OP genauso alltäglich ist wie ein Frisörbesuch . . .

SZ: Das Hauptproblem an der Serie scheint mir zu sein, dass die Figuren kein Schamgefühl haben. Denen graust es vor nichts – nichts ist ihnen peinlich.

Voges: Ich höre aus Ihrer Frage eine gewisse Grundaggressivität heraus. Ich spüre auch, dass Ihnen die Serie nicht gleichgültig ist. Sie würden gern verstehen . . .

SZ: Stimmt. Würd’ ich gern. Aber ich schaff’ es nicht. Danke für das Gespräch.

Interview: Oliver Fuchs

SZ v. 30.01.2004

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