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Konzerne:Gefährliche Konzentration der Macht

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Marktmacht treibt für Kunden meist die Preise hoch. Sie kann Innovationen und Investitionen bremsen und damit die ganze Volkswirtschaft. Und sie kann durch Riesengewinne die Ungleichheit verstärken.

(Foto: AFP)

In den USA gibt es einen Trend zu Monopolen, auch außerhalb der Techindustrie. Europa darf die Warnzeichen nicht übersehen.

Essay von Alexander Hagelüken

Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigten sich Ökonomen und Politiker relativ einig: Die Kartelle und Monopole, die sich in den 1920er- und 1930er-Jahren in vielen Ländern ausbreiteten, waren verheerend. Wirtschaftlich sowieso, in Deutschland aber auch politisch, weil mächtige Unternehmen den Aufstieg Adolf Hitlers förderten. Das Mantra der Nachkriegsära lautete Wettbewerb. In Deutschland wie in den USA entstanden starke Gesetze und Behörden, um die Konkurrenz zu fördern und die Macht der Unternehmen zu beschränken.

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Genau diese historische Einsicht wird heute ignoriert, argumentiert der US-Jurist Tim Wu in seinem Buch "Der Fluch der Größe". In den Vereinigten Staaten werde der Anti Merger Act von 1950 seit Dekaden durch Ideologie, Firmenlobby und zögerliche Behörden durchlöchert: "Wir erlauben leichtsinnig globale Monopole und Oligopole in der Finanz- und Medienbranche, im Luftverkehr und der Telekommunikation, ganz zu schweigen von der wachsenden Größe digitaler Plattformen."

Entsteht da ein gefährlicher Trend? Diese These ist es wert, diskutiert zu werden, denn es steht für die Menschen viel auf dem Spiel. Marktmacht treibt für Kunden meist die Preise hoch. Sie kann Innovationen und Investitionen bremsen und damit die ganze Volkswirtschaft. Und sie kann durch Riesengewinne die Ungleichheit verstärken und politischen Einfluss gewähren, der zulasten der Allgemeinheit geht.

Die Dominanz der Internetkonzerne wird schon länger beklagt. Google beherrscht Suchmaschinen, Facebook soziale Medien, Amazon zunehmend den Handel. Plattformen profitieren vom Netzwerkeffekt: Je mehr Menschen auf Whatsapp oder Facebook sind, desto attraktiver wird es für andere, auch dort zu sein, was Konkurrenzangebote zurückdrängt. Wettbewerbshütern fehlt darauf noch eine schlüssige Antwort. Ebenso auf die Frage, ob ein riesiger Datenschatz Konzernen Vorteile verschafft, die Rivalen kaum mehr einholen können.

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Bei vielen Produkten kontrollieren die zwei größten Anbieter das Geschäft

Neu ist, dass gerade in den USA auch außerhalb des Digitalen ein Monopoltrend konstatiert wird. So verdoppelten die vier größten Handelskonzerne in den vergangenen Jahrzehnten ihren Marktanteil. Bei so unterschiedlichen Produkten wie Zigaretten, Baumaterial, Medikamenten oder Lastern kontrollieren die zwei größten Anbieter inzwischen 60 bis 80 Prozent des Geschäfts, stellt das Open Markets Institute fest. Waren früher kleine Betriebe die größten Arbeitgeber im Land, sind es heute Firmen mit mehr als zehntausend Stellen.

Was sich da womöglich weltweit anbahnt, beschäftigt inzwischen auch den Internationalen Währungsfonds (IWF). "Die Menschen sorgen sich, für das träge Wirtschaftswachstum und die zunehmende Ungleichheit könnte die Macht großer Firmen verantwortlich sein", schreiben die Washingtoner Ökonomen. Sie untersuchten, welche Gewinnmarge knapp eine Million Unternehmen in 27 Staaten auf ihre Herstellungskosten aufschlagen.

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In den Industriestaaten nahm die Marge seit der Jahrtausendwende um acht Prozent zu, besonders stark bei Dienstleistern und beim Einsatz digitaler Technologie. Der IWF stellt fest, dass diese Marktmacht den Anteil der Löhne am volkswirtschaftlichen Kuchen drückt - zugunsten der Gewinne. Und: Wer Profite durch hohe Preise steigern kann, interessiert sich weniger für Umsatz. Er reduziert deshalb Investitionen - schlecht fürs Wirtschaftswachstum.

In Europa zeichnet sich noch keine solche Monopolisierung ab wie in den USA

Der IWF kommt zu dem Schluss, dass die ökonomischen Schäden derzeit noch relativ beschränkt sind. "Wenn die zunehmende Marktmacht der Unternehmen nicht begrenzt wird, könnte sie dem Wachstum und den Löhnen aber künftig mehr schaden", mahnt die Organisation.

Wichtig erscheint, bei dem Thema zu differenzieren. In Europa zeichnet sich noch keine solche Monopolisierung ab wie in den USA, was maßgeblich am härteren Auftreten der Kartellbehörden liegen dürfte. "In Deutschland ist kein allgemeiner Trend zur Marktmacht erkennbar", befindet Justus Haucap, ehemals Vorsitzender der Monopolkommission. Auch der IWF sieht Unterschiede zwischen den Weltregionen. So verbuchen Firmen in Schwellenländern kaum höhere Gewinnmargen als früher. US-Unternehmen dagegen schlagen sogar doppelt so hohe Margen auf wie im Durchschnitt der Industriestaaten.

Kein Wunder, dass in den USA die Sorgen bereits deutlich größer sind als anderswo. Laut Tim Wu von der New Yorker Columbia University nimmt die Konzentration in drei Viertel aller Branchen zu. Die Platzhirsche verändern offenbar die Wirtschaftsstruktur: Sie schrecken Existenzgründer ab. Der Anteil der Firmen, die jünger als ein Jahr sind, hat sich halbiert. "Die neuen Giganten sind gut für ihre Manager und Großaktionäre, aber schlecht für fast alle anderen", bilanziert der Kolumnist Dave Leonhardt in der New York Times. Er warnt, dass die Riesenkonzerne ihre beträchtlichen Ressourcen einsetzen, um die Politik in ihrem Sinne zu beeinflussen.

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Warum Europa wachsam sein sollte

Das wirft die Frage auf, wohin die neben China größte Wirtschaftsmacht steuert - und welcher Schaden entsteht. In den USA, aber auch woanders. Europa rühmt sich seiner starken Wettbewerbsbehörden, die etwa mehrere Missbrauchsverfahren gegen Google durchführten. Auf der anderen Seite ist nicht zu übersehen, dass die digitalen Plattformen trotz solcher Aktionen auch in Europa viel Macht haben.

Justus Haucap argumentiert, die Digitalisierung bringe teils mehr Wettbewerb, wenn Kunden zum Beispiel über den Amazon-Marktplatz mehr Preise vergleichen könnten als früher. Der Düsseldorfer Ökonom sieht aber klaren Handlungsbedarf: "Es ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich fragen lässt, ob der Staat die Macht der Digitalkonzerne nicht stärker begrenzen muss." Haucap schlägt in einem Gutachten für Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier drei Schritte vor.

Kartellbehörden sollen schon eingreifen dürfen, bevor zum Beispiel eine Plattform marktbeherrschend wird. Wenn eine Fusion zu genehmigen ist, sollen sie zudem die Gesamtstrategie des Aufkäufers in den Blick nehmen können - dann wäre Facebook 2014 womöglich untersagt worden, den Chatdienst Whatsapp zu schlucken und so die Dominanz bei sozialen Medien auszubauen. Und drittens sollen Konkurrenten unter bestimmten Umständen auf den Datenschatz von Digitalkonzernen zugreifen dürfen, was auch SPD-Chefin Andrea Nahles fordert. Das könnte heißen, dass etwa Rewe oder Edeka Einblick in die anonymisierten Einkaufsdaten von Amazon-Kunden erhalten, um als Wettbewerber im Geschäft zu bleiben. Haucap: "Diese drei Dinge sollte man angehen, damit es nicht zu einer größeren Monopolisierungstendenz kommt."

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Europa sollte generell wachsam sein, dass der Trend zur Größe nicht überhand- nimmt. Nach der untersagten Fusion der Zugsparten von Siemens und Alstom gibt es den Vorstoß, solche Entscheidungen nicht mehr allein der EU-Kommission zu überlassen. Nationale Regierungen wollen mehr Einfluss. Sie dürften ihn häufig im Interesse der Konzerne ausüben. Da droht eine Schwächung der Wettbewerbsaufsicht.

Während die Gewinne explodieren, stagnieren die Familieneinkommen

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Europa wachsam sein sollte. Schon in der Vergangenheit schwappten amerikanische Wirtschaftstrends später über den Atlantik, vom Fast Food über Supermärkte bis zu digitalen Plattformen. Warum sollte es diesmal anders sein?

Bei den sogenannten Superstars zeichnet sich das bereits ab, so eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Das Phänomen beschreibt hochdigitalisierte Firmen, die mit einem Bruchteil des Personals herkömmlicher Unternehmen erfolgreich sind. Die Forscher entdeckten eine Dominanz einzelner deutscher Spediteure, Großhändler, Klinik- und Müllfirmen. Diese Firmen machen hohe Gewinne und drücken den Anteil der Löhne in der gesamten Branche. Jedem Arbeitnehmer entgingen so über mehrere Jahre im Durchschnitt 2000 Euro Einkommen.

Das passt zur Forschung des US-Ökonomen David Autor, der schon vor einiger Zeit eine Parallele zwischen Marktmacht und Druck auf die Löhne entdeckte. Während Unternehmen immer größer werden, schrumpfte die Lohnquote in den Industriestaaten von 70 auf unter 60 Prozent. "Seit der modernen Ära der Übernahmen explodieren die Gewinne, während die Familieneinkommen stagnieren und die Ungleichheit zunimmt", konstatiert auch der Journalist Dave Leonhardt. Damit kommt zu den traditionellen Argumenten gegen Konzentration ein wichtiges dazu: Die Arbeitnehmer leiden, wenn manche Unternehmen immer dominanter werden.

Was also tun, um den Trend zum Monopol aufzuhalten? Der IWF fordert, im Sinne des historischen Konsenses nach dem Zweiten Weltkrieg den Wettbewerb zu forcieren: Einfacherer Markteintritt für junge Firmen, stärkere Besteuerung von Gewinnen durch Marktmacht, Stärkung der Aufsicht. Die Münchner Ökonomin Dalia Marin schlägt vor, dass Wettbewerbshüter global zusammenarbeiten, um der neuen Firmenriesen Herr zu werden.

"Wir können Demokratie haben oder Vermögen konzentriert in der Hand weniger. Aber nicht beides"

Entscheidend wäre wohl, sich insgesamt politisch darauf zu besinnen, dass sich die Wirtschaft wieder in Richtung verhängnisvoller Größe entwickeln könnte. Und dass das wieder entschieden gestoppt werden muss, wie schon zu anderen Zeiten. Gerade die USA, die bereits einen klaren Monopoltrend aufweisen, demonstrierten das mehrfach. Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Zerschlagung von John Rockefellers Standard Oil, in den 1980er-Jahren mit dem Aufbrechen des Telekomgiganten AT&T.

Kurz danach rief allerdings Präsident Ronald Reagan seine neoliberale Revolution aus. Seitdem wird die US-Politik gegenüber Konzernmacht immer passiver. Je größer die Unternehmen werden, desto mehr beeinflussen sie die Politik in ihrem Sinne - zulasten der Allgemeinheit. Das ist die große Gefahr. Schon Louis Brandeis sah sie, Verfassungsrichter zu der Zeit, als Standard Oil zerschlagen wurde. Brandeis prägte den Begriff vom Fluch der Größe, nach dem Tim Wu sein Buch betitelte. Und er warnte, wie Riesenkonzerne unsere Gesellschaft bedrohen: "Wir müssen uns entscheiden. Wir können Demokratie haben oder Vermögen konzentriert in der Hand weniger. Aber nicht beides."

© SZ vom 01.06.2019/hgn/jps
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