Reisetipps Tokio

Auftakt Tokio Was für eine Stadt!

Tokio ist die Megastadt von morgen: Auf dem größten Fischmarkt der Welt reihen sich riesige tiefgefrorene Thunfische aneinander. Kabukikünstler in farbenfrohen Kimonos und die weltbesten Sumo-Ringer entführen in das alte Japan der Samurai und Geishas. Shoppingfans streifen durch edle Einkaufszentren, stöbern in Elektronikläden nach Weltneuheiten und entdecken Devotionalien der hippsten Popkultur der Welt. Und wer während der „Blue hour“ vom obersten Stockwerk eines Wolkenkratzers auf die größte Stadt der industrialisierten Welt schaut, bekommt das Gefühl, einen Zeitsprung zu machen: mitten in die Zukunft.

Abstoßend, liebenswürdig, ein Moloch, eine Ansammlung von Dörfern, aufregend, provinziell, hässlich, exotisch, steif, vital ... Greifen Sie eins dieser Merkmale heraus - oder erweitern Sie die Liste - und setzen Sie davor: „Tokio ist ...“. Stimmt, Sie haben soeben eine richtige Aussage über Japans Metropole getroffen. So unendlich viele Facetten hat diese Stadt, dass wohl niemand sie auf einen einzigen Nenner bringen kann. Nur eines gilt mit Sicherheit: Langweilig ist Tokio nie, sondern eine Herausforderung, ein Abenteuer.

Wie lernt man Tokio am besten kennen? Wer einen Kulturschock fürchtet, beginnt am besten auf der Omotesandō in Harajuku. In den Cafés begegnen einem Fremde wie du und ich, die sich offensichtlich prächtig zurechtfinden. Hier, an der „Tokioter Champs-Élysées“, ist die Fernostmetropole am europäischsten.

Danach bietet sich eine Stadtrundfahrt besonderer Art an. Sie dauert exakt 60 Minuten und kostet nicht mal 1 Euro (130 Yen). Gemeint ist eine Rundfahrt mit der S-Bahn auf der Yamanote-Ringlinie. Dazu lösen Sie nur eine Karte bis zur nächsten Haltestelle, also zum Beispiel ab Harajuku bis Yoyogi. Statt dort auszusteigen, bleiben Sie einfach sitzen. Ob Sie einen Sitzplatz bekommen, hängt freilich davon ab, wann Sie fahren. Zu den Stoßzeiten, also gegen 8 bis 9 Uhr und gegen 18 bis 19 Uhr, sollte man die öffentlichen Verkehrsmittel besser nicht benutzen.

Eine Weile grüßen zur Linken noch die hohen Baumwipfel aus dem Parkgelände des Meiji-Schreins herüber, dann bestimmen die himmelstürmenden Wolkenkratzer von Shinjuku das Panorama. Der höchste ist das neue Rathaus, Sitz des Gouverneurs der Riesenmetropole. Die Zahlen sprechen für sich: Rund 12 Mio. Menschen leben im Großraum Tokio auf einer Fläche von 2186 km², aufgegliedert in 23 Bezirke (ku). Hinzu kommen 27 eingemeindete Städte, fünf kleinere Ortschaften und acht Dörfer.

Mit der Yamanote-Bahn gelangen Sie bald an die Station Takadanobaba. Zwei der angesehensten Universitäten liegen in dieser Gegend: die Waseda und die Gakushūin. An Letzterer hat Kaiser Akihito studiert, ebenso wie seine beiden Söhne.

„Ikebukuro“ verkündet die Lautsprecherstimme. Dieses moderne Nebenzentrum der Hauptstadt wird überragt von der 60-stöckigen Sunshine City. Es steht auf historischem Boden: Hier befand sich einst das Sugamo-Gefängnis, in dem die Kriegsverbrecher der Klasse A inhaftiert und die Hauptangeklagten am 23. Dezember 1948 hingerichtet wurden.

Komagome, meldet der Schaffner, Tabata, Nippori und Uguisudani. Auf Deutsch heißen diese Namen so viel wie Pferdekoppel, Reisfeldrain, Sonnenuntergangsdorf und Nachtigallental - lauter Erinnerungen an ferne Zeiten. Heute dagegen gleitet der Zug an monotonen Häuserfronten entlang. Wäre das Tempo nur ein wenig langsamer, ließen sich Einblicke in die Wohnsituation der Durchschnittsjapaner gewinnen, trostlose Einblicke zumeist, denn die Wohnungen sind winzig, ohne besonderen Komfort und teuer obendrein.

Zurück zur Pferdekoppel und dem Tal der Nachtigallen. Gesetzt den Fall, Sie würden an einer dieser Stationen aussteigen und durch die Gegend streifen: Auch ein Tokio-Neuling würde den Unterschied spüren zu Vierteln wie Shinjuku oder Ihrem Ausgangspunkt, der Omotesandō. Ursprünglicher ist es hier, direkter und ungeschminkter - das Hässliche ebenso wie das Schöne. Irgendwo in dieser Gegend verläuft eine imaginäre Grenze, die Tokio schon eh und je in zwei Bereiche geteilt hat: in Yamanote, die Oberstadt, und Shitamachi, die Unterstadt der kleinen Leute. Der nächste Bahnhof heißt Ueno - ein geeigneter Anlass, einen kurzen Blick auf die bewegte Stadtgeschichte zu werfen.

Als Stadtgründer gilt der Fürst Ōta Dōkan, der im 15. Jh. auf den Grundmauern einer alten Burganlage eine Festung errichten ließ. Doch als „Stadt“ kann man wohl kaum bezeichnen, was Tokugawa Ieyasu, Herr der acht Kanto-Provinzen, ein gutes Jahrhundert später hier vorfindet: Nicht mehr als 100 Häuser zählt die Ansiedlung, die sich Edo - das Tor zum Fluss - nennt. Dennoch beschließt der weitsichtige Kriegsherr, wegen der strategisch günstigen Lage hier sein Hauptquartier aufzuschlagen. Noch einmal vergehen zehn Jahre, dann hat sich die Situation schlagartig verändert. 1600, in der Schlacht von Sekigahara, besiegt Ieyasu seine fürstlichen Rivalen und wird 1603 zum Shōgun, zum obersten Militärherrn, ernannt. Der Kaiser - ohne Macht und Einfluss - residiert weiterhin in Kyoto. Politik wird von jetzt an in Edo gemacht. Das Fischerdorf mausert sich zur Metropole. Ab 1634 werden alle Lehnsherren gezwungen, sich jedes zweite Jahr mitsamt Gefolge in Edo einzufinden. Ihre Familien müssen ohnehin in Edo bleiben - als Geiseln.

Im Süden und Westen der Burg liegen ihre Residenzen - in Yamanote. Im Norden und Osten - in Shitamachi - ist der Platz für das einfache Volk. Während die Vornehmen in der Oberstadt ein reglementiertes, tristes Dasein führen, brodelt hier das Leben, blüht die städtische Kultur.

Ab Mitte des vorigen Jahrhunderts verfällt die Macht des Tokugawa-Shogunats. In der Bucht vor Edo kreuzen die „Schwarzen Schiffe“ des amerikanischen Kommodore Perry, der Einlass begehrt in das seit über 200 Jahren abgeschottete Land. Mit der Thronbesteigung von Kaiser Mutsuhito 1867 beginnt eine neue Ära: Der letzte Shōgun wird entmachtet, und Edo wird zu Tokio, der „östlichen Hauptstadt“, denn nun siedelt der Kaiser hierher um. Grundlegende Reformen in dessen als „Meiji-Ära“ bekannter Regierungszeit ebnen den Weg zu Japans rascher Industrialisierung.

Langsam dürften Sie am Bahnhof Tokio angelangt sein. Durch die geöffneten Zugtüren dringt Meeresluft? Gut möglich. Wenn der Wind günstig steht, kann das in dieser Gegend durchaus passieren. Zu leicht vergisst man, dass Tokio eine Hafenstadt ist und Wasserstraßen ihre Lebensadern waren. Schon früh begannen die Stadtplaner auch damit, die Hauptstadt hinaus in die Tokio-Bucht auszudehnen. Bauschutt und Müll gibt es ja ausreichend. Das jüngste Aufschüttungsprojekt war wohl auch das ambitionierteste: Odaiba. Mit einem Budget von rund 25 Milliarden Euro sollte auf 4,5 km² ein supermoderner Stadtteil entstehen. Doch als Anfang der 1990er-Jahre die Spekulations-Seifenblase platzte und sich die Investoren zurückzogen, mussten die Stadtväter umdenken. Ein Glück für die Tokioter! Denn jetzt bleiben große Flächen zwischen den utopisch anmutenden Bauwerken frei für Parkanlagen, Promenaden und - tatsächlich! - Sandstrand.

Mit der computergesteuerten Yurikamome-Bahn ab Shimbashi über die 750 Mio. Euro teure Tokyo Bay Bridge hinüber nach Odaiba ist eine Fahrt in ein ganz anderes Tokio - eine charmant-skurrile Mischung aus Freizeitzone und Zukunftsarchitektur. Zu Beginn dieses Jahrhunderts ist am Bahnhof Shimbashi das neue Wolkenkratzerviertel Shiodome entstanden: mit Wohnungen, Hotels, Restaurants und Geschäften. Drei Stationen weiter gleich noch ein imposanter Bau: der neue Shinagawa-Bahnhof mit Shinkansenanschluss.

Gotanda, Shibuya - die Stationsnamen erinnern an Reisfelder und Täler, doch ihre Spuren sind verwischt. Der Moloch Tokio hat sie verschlungen. Harajuku - Sie sind an Ihrem Ausgangspunkt angelangt. Sie können wählen: eine Station weiterfahren in dem Gefühl, soeben die preiswerteste Stadtrundfahrt Ihres Lebens absolviert zu haben - oder aussteigen und brav, wie es sich eigentlich gehört, am Schalter nachzahlen! Sie brauchen weder eine Strafe noch ein böses Wort zu fürchten.

Das also ist Tokio? Beileibe nicht: Die Yamanote-Linie umkreist nur einen kleinen Teil des Stadtgebiets. Was glauben Sie, was es da noch alles zu entdecken gibt!