Reisetipps Potsdam

Stadtspaziergänge Potsdam

Architekturkopien aus ganz Europa

Potsdams Altstadt bietet einen Streifzug durch internationale Architektur. In vielen Ländern hatten die Potsdamer Bauherren im königlichen Auftrag abgekupfert. Und so können Sie in der City Bauwerke sehen, die schon lange vorher in anderen europäischen Städten standen. Der Spaziergang dauert etwa 90 Minuten.

Das Gesicht des Alten Marktes bestimmt die Nikolaikirche mit ihrer mächtigen Kuppel, die große Ähnlichkeit mit der Londoner St.-Pauls-Kathedrale hat. Zu dem prachtvollen Bau, der heute Altes Rathaus heißt, kam Potsdam durch glückliche Umstände. Der Renaissance-Baumeister Andrea Palladio hatte ihn für das italienische Vicenza erdacht, doch dort wollte man den Palazzo nicht haben. So wurde Potsdams viertes Rathaus nach Palladios Entwürfen errichtet. Bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg prägte das Stadtschloss diesen Platz.

Am Eingang zur Breiten Straße laufen Sie am lang gestreckten Marstall vorbei, der das Filmmuseum aufnahm, und kommen dann zur Ecke Dortustraße mit den sorgfältig restaurierten Hiller-Brandtschen-Häusern, für die der nicht mehr existierende königliche Palast Whitehall in London Pate stand. Vor allem auf Befehl von König Friedrich dem Großen entstanden zahlreiche Kopien von europäischen Bauten des 16.-18. Jhs. So ähnelt das nahe Brandenburger Tor einem dreipfortigen römischen Triumphbogen und die Friedenskirche am Rande des Parks von Sanssouci der Basilika San Clemente in Rom.

In der Yorckstraße kann man an einem Teil des rekonstruierten Stadtkanals entlanggelaufen. Damit hat Potsdam wieder einen Hauch von Venedig in seiner Stadt. Rund 200 Jahre zog sich der Kanal durch Potsdam, bis er 1965 zugeschüttet wurde. Die weitere Rekonstruktion hängt von Geldspenden ab.

Über den Neuen Markt mit dem Kutschstall an der Westseite und der alten Stadtwaage in der Mitte, die zum Restaurant wurde, erreichen Sie die Schlossstraße hinter dem Marstall. Hier steht das Denkmal für Friedrich Wilhelm von Steuben (1730-94), den Helden des nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Steuben war nach dem Siebenjährigen Krieg in die Neue Welt ausgewandert, trat in die Armee von George Washington ein und hatte als Generalinspekteur erheblichen Anteil am Sieg über das britische Heer. Das Denkmal kam 1911 als Geschenk des US-Kongresses nach Potsdam, wurde 1950 von den kommunistischen Machthabern entfernt und nach deren Sturz wieder aufgestellt.

Nächste Station: die Friedrich-Ebert-Straße. Hier sehen Sie am Ende das Nauener Tor, errichtet nach dem Vorbild von Inveraray Castle in Schottland. Weiter geht es zum Bassinplatz. Die Französische Kirche gleicht dem Pantheon in Rom, und die Apsis der Peter-Pauls-Kirche am westlichen Platzende ähnelt der Hagia Sophia in Istanbul, während ihr Turm als Nachbildung des Campanile von San Zeno Maggiore in Verona entstand. Die Nordseite des Platzes begrenzt das Holländische Viertel.

Beverly Hills am Griebnitzsee

Wer es sich leisten konnte, verließ in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. die Zentren von Berlin und Potsdam. Am Südufer des Griebnitzsees, buchstäblich zu Füßen des Kaiserschlosses Babelsberg, und in der Nachbarschaft des Ufa-Filmgeländes, entstanden hochherrschaftliche Villen, in denen zahlreiche Filmstars, Regisseure sowie Bankiers und Wissenschaftler lebten. Truman, Churchill, Attlee und Stalin wohnten hier während der Potsdamer Konferenz. Neu-Babelsberg lag zu DDR-Zeiten direkt an der Grenze zu Westberlin, der Griebnitzsee war geteilt. Für die zwangsenteigneten Villen und Landhäuser fühlte sich niemand zuständig, und so waren sie zwischenzeitlich in einem desolaten Zustand. Nach der Einheit haben viele der ehemaligen Besitzer ihr Eigentum zurückerhalten und renoviert. Der Rundgang durch das geschichtsträchtige Viertel dauert etwa 120 Minuten.

Der Spaziergang beginnt am S-Bahnhof Griebnitzsee, der in den 1930er-Jahren den Namen Ufa-Stadt trug. Von hier aus geht es in die Karl-Marx-Straße hinein, die Hauptallee des Viertels, die einst Kaiserstraße hieß und einige Jahre Straße der SA. Die Villa Müller-Grote mit der Nr. 2 am Pfeiler der Gartenpforte, direkt am Griebnitzsee gelegen, ließ sich der Verleger Carl Müller-Grote 1892 als Sommersitz erbauen. Im Mai 1945 erhielt die Familie den Befehl der Sowjets, das Haus innerhalb weniger Stunden zu verlassen, nur das Nötigste durfte mitgenommen werden. Die östliche Siegermacht des Zweiten Weltkrieges hatte die Gründerzeitvilla für den amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman ausgesucht, der nach Potsdam zum Gipfeltreffen der großen Drei kam. Truman residierte in der Villa, die er in seinen Memoiren „Little White House“ nannte, vom 15. Juli bis 2. August 1945. Hier erteilte er als 33. Präsident der USA den Befehl zum Abwurf der ersten Atombombe. Heute hat das Landesbüro Brandenburg der Friedrich-Ebert-Stiftung in dem nun Truman Villa genannten Gebäude seinen Sitz.

Es geht weiter zur Nr. 66 auf der linken Seite, der Villa Lilienthal. Der Architekt Gustav Lilienthal, der jüngere Bruder des Pioniers der Fliegerei Otto Lilienthal, hatte sich das Haus im englischen Tudorstil mit Zinnenkranz und Türmchen erbaut. In den 1930er-Jahren diente die Villa als Ufa-Gästehaus, zum Beispiel für Heinz Rühmann und Willy Fritsch. Sie wohnten in guter Nachbarschaft, denn viele Filmstars nutzten die Nähe zu den Filmstudios der Ufa und kauften sich in der vornehmen Villengegend ein. Zu ihnen gehörte Gustav Fröhlich - damals der populärste deutsche Ufa-Schauspieler -, der auf der rechten Seite im Haus Nr. 8 wohnte. Der Filmstar bemühte sich, wie übrigens auch NS-Propagandaminister Goebbels, um die Zuneigung der Schauspielerin Lida Baarova. Fröhlich soll, so erzählte man sich seinerzeit, Goebbels geohrfeigt haben, als sich dieser der Baarova intim näherte. Seitdem wurde in Potsdam hinter der vorgehaltenen Hand gewitzelt: „Ich möcht auch mal fröhlich sein.“

Wenden Sie sich nun nach links und biegen Sie in die Domstraße ein. Etwa die Hälfte der edlen Liegenschaften befand sich bei Machtantritt der Nazis in jüdischem Eigentum, den Zwangskaufpreis behielten die Nazis als „Reichsfluchtsteuer“ ein. Der jüdische Ufa-Produzent Alfred Zeisler beispielsweise, Namensgeber und Vorbesitzer der späteren Villa von Marika Rökk und ihrem Ehemann, dem Regisseur Georg Jacoby, in der Domstr. 28 lebte nach seiner Flucht aus Deutschland von Sozialhilfe und erklärte 1983: „Das Haus ist mir einfach weggestohlen worden. Ich habe keinen Pfennig gesehen.“

Jetzt geht es nach rechts, in die Rosa-Luxemburg-Straße, die frühere Augustastraße. Im Haus Nr. 27 wohnte bis zu seinem Tod 1965 der kommunistische Arbeiterschriftsteller und Potsdamer Ehrenbürger Hans Marchwitza.

Das Haus Nr. 40 an der Ecke zur Maaß-Straße, die Villa Wiener, beherbergte von Mai 1934 bis April 1935 Konrad Adenauer und dessen Familie. Der spätere Bundeskanzler hatte sich hierher zurückgezogen, nachdem er von den Nationalsozialisten als Oberbürgermeister von Köln und Präsident des Preußischen Staatsrates entlassen worden war.

Das Haus in der Rosa-Luxemburg-Str. 24 ist als Richard-Tauber-Villa bekannt, da in ihm in den 1920er-Jahren der berühmte Tenor wohnte. Tauber musste als Jude nach der Machtergreifung der Nazis Deutschland verlassen. Schräg gegenüber, Johann-Strauß-Platz11, liegt die Villa Gugenheim, in der nach 1938 die Schauspielerin Brigitte Horney wohnte. Die Villa im Stil eines alten englischen Landhauses versteckt sich hinter großen Bäumen, die einst der Bauherr, der jüdische Textilindustrielle Fritz Gugenheim, und sein Sohn Hans pflanzen ließen. An den Bauherrn erinnern noch die verschlungenen Initialen „H.G.“ am schmiedeeisernen Eingangstor.

Rechtsherum biegen Sie in die Spitzweggasse ab. Die dreigeschossige Villa Sarre mit der Nr. 6 ließ sich der Kunsthistoriker Friedrich Sarre im italienischen Renaissancestil erbauen. Sarre war Direktor der Islamischen Abteilung des Berliner Museum für Islamische Kunst. Den 12 m langen, farbigen Löwenfries, der unter dem überdachten Turmgang zu sehen ist, brachte er von einer seiner Orientreisen mit.

Fast am Ende der Spitzweggasse steht die Villa Riehl mit der Nr. 3. Besitzer des Hauses, das einem italienischen Landhaus ähnelt, war der Philosophieprofessor Alois Riehl, Verfasser der ersten, 1887 erschienenen Biografie des Philosophen Friedrich Nietzsche. Die 1907 gebaute ockerfarbene Villa gilt als das Erstlingswerk des damals 20-jährigen Ludwig Mies van der Rohe, der später als Bauhausdirektor Weltruhm erlangte.

Aufmerksamkeit verdient auch das Gelände am Ende der Spitzweggasse. Hier steht die nicht zu übersehende Babelsberger Sternwarte, die 1913 als Nachfolgeeinrichtung der Berliner Universitätssternwarte erbaut wurde. Sie war einst das bestausgerüstete Observatorium Europas. Von der Spitzweggasse führt ein schmaler Treppenweg hinunter zur Karl-Marx-Straße, die Sie in Richtung S-Bahnhof zurücklaufen. Das Haus Nr. 23, in das 1926 der Berliner Bankier Mosler zog, ist ebenfalls ein Mies-van-der-Rohe-Bau.

Auf dem Grundstück mit der Nr. 27 steht die Villa Herpich. Der Mitinhaber des Berliner Kaufhauses für Gardinen, Wäsche, Stoffe und Teppiche „C. A. Herpich Söhne“ hatte sich das zweigeschossige Haus 1911 erbauen lassen. 1945 musste auch dieses binnen weniger Stunden geräumt werden: für den sowjetischen Diktator Josef Stalin, der hier während der Potsdamer Konferenz residierte. Heute dient die repäsentative Villa dem Bauindustrieverband Berlin-Brandenburg.

Von der Villa Herpich biegen Sie etwa 300 m weiter links in die lindengesäumte Virchowstraße ein, denn dort steht die Villa Urbig mit der Nr. 23 am Eingangspfeiler. Auch der Entwurf für dieses Haus stammt von Mies van der Rohe. Bauherr war der Bankier der Deutschen Bank, Franz Urbig. 1945, während der Potsdamer Konferenz, zog in das Haus der englische Premierminister Winston Churchill, dem später Premier Clement Attlee folgte.

Das parkartige Grundstück Virchowstr. 1-3 besaß einst der Potsdamer Schulrat Wilhelm von Türk, ein Verfechter der Ideen des Pädagogen Pestalozzi. Deshalb heißt das in der Mitte stehende Haus Villa Türk. Die drei modernen Häuser auf dem Grundstück wurden 1997 fertiggestellt. Die Villa Türk hatte Ende der 1920er-Jahre der damalige Großindustrielle Günther Quandt gekauft, bei dem Joseph Goebbels als Hauslehrer angestellt war. Goebbels beschäftigte sich aber nicht nur mit den Quandt-Kindern, sondern auch mit deren Mutter Magda. Der Industrielle ließ sich 1929 scheiden, zwei Jahre später wurde aus Frau Quandt die Gemahlin von Joseph Goebbels, dem späteren nationalsozialistischen Propagandaminister.