Reisetipps Polnische Ostseeküste

Auftakt Polnische Ostseeküste Was für eine Küste!

Die Polnische Ostseeküste hat viel zu bieten zwischen Stettiner Haff und Danziger Bucht. Natur pur, raue Kliffe und Wanderdünen, schier endlose Strände. Im Hinterland ein Mosaik aus Seen, Wald und Feldern. Alte Pommernstädte, deren Backsteinbauten von hanseatischer Geschichte erzählen und tausend Jahren Kulturerbe; in allem überragt von Danzig, dem städtischen Juwel der Ostsee. Kein Wunder, dass die Küste seit Jahren zu den beliebtesten Urlaubsregionen der Polen zählt. Auch immer mehr Deutsche entdecken sie als Reiseziel. Durchaus naheliegend: Stettin liegt von Berlin gerade eine Autostunde entfernt.

Schneeweißer Strand, von Dünen und Kiefernwald gesäumt, raue Kliffe, an denen im Herbst die Stürme nagen, Strandseen, Salzwiesen und Haffs, von Nehrungen geschaffen, halb Meer, halb Lagune: Polens Ostseeküste trägt viele Gesichter. 524 km zieht sie sich hin vom Zipfel der vorpommerschen Insel Usedom im Westen über die Danziger Bucht bis zur Frischen Nehrung, deren Spitze schon in der russischen Exklave Kaliningrad (Königsberg) liegt. Fast 100 m ragt die Steilküste der Insel Wollin nördlich von Stettin auf, ein Massiv aus Kreide und Lehm, von Buchen und Eichenurwald bewachsen. Weiter nach Osten fällt die Küste ab, geht auf in den breiten Dünenketten von Pomorze Zachodnie (Westpommern) mit nicht enden wollenden Stränden. Schließlich wieder ansteigend, nun aber sanfter, zum Słowiński-Nationalpark hin, wo der Wind den Sand zu 50 m hohen Wanderdünen aufgetürmt hat.

Touristische Wüste ist dieses Badeparadies längst nicht mehr. Die Ostseeküste zählt zu den beliebtesten Ferienregionen Polens. Fischerdörfchen von Rowy bis Hel werden im Sommer zu überlaufenen Urlaubszielen sonnenhungriger Großstädter, Seebäder wie Międzyzdroje (Misdroy) und Sopot suchen Anschluss an Glanz und Gloria ihrer eleganten Vergangenheit. Villen im verspielten Stil der Bäderarchitektur erstrahlen frisch restauriert oder wurden stilecht nachgebaut, Promenaden und Seebrücken nach alten Vorbildern erneuert. Kołobrzeg (Kolberg) wirbt selbstbewusst als „sonnenreichste Stadt des Nordens“. Dabei hätte das renommierte Kurbad Werbung kaum mehr nötig. 1,5 Mio. Gäste zieht es Jahr für Jahr an den feinen Strand. Alles in den Schatten stellte Zoppot, einst „Deutschlands mondänstes Seebad“ mit Kasino und Villen, in den goldenen Zwanzigern avantgardistische Sommerfrische der Gutbetuchten. Seine schillerndste Zeit schien der Ort hinter sich zu haben, zumal die Wasserqualität in den letzten Jahren unter den nahen Industriehäfen von Gdingen und Danzig litt. Doch jenseits des lähmenden Sozialismus avanciert nun auch das heutige Sopot wieder zum Seebad der Schönen und Reichen. Wenn von der Terrasse des legendären Grand Hotels der Klang eines Cellos herüberweht, dann liegt wieder mehr als ein Hauch von Boheme und eleganter Lebenslust über Polens Nobelbadeort, dessen schönste Straße die hölzerne Seebrücke ist.

Wer statt des Strandtrubels ländliche Beschaulichkeit sucht, muss nicht weit reisen. Südlich der Küste schließt sich die Moränenlandschaft des Baltischen Höhenrückens an, ein Mosaik aus sanften Hügelketten, unberührt scheinenden Wäldern und Seen. In den verschlafenen Dörfern gehören Störche und Pferdefuhrwerke noch zum Alltag. Die Menschen leben mehr schlecht als recht von dem, was ihre kleinen Felder hergeben. Immer mehr junge Leute ziehen in die Städte oder suchen einen Job im Westen. Dafür entdecken Touristen und Naturliebhaber dieses fragile Paradies. Die alleengesäumten Nebenstraßen sind wie geschaffen fürs Radwandern. Angler und Kanuten fasziniert die Pommersche Seenplatte mit ihren 3000 blauen Augen. Eine Perle dieser Landschaft schimmert südwärts der Halbinsel Hel: die Kaschubische Schweiz.

Weststandard sollten Sie, was die touristische Infrastruktur angeht, nicht überall erwarten. Besonders auf dem Land wird gern improvisiert. Doch darin sind die Menschen hier Meister, und macht nicht gerade das Unvollkommene den Reiz des Entdeckens aus?

Eine Reise durch die Landschaften hinter der Küste führt wie durch eine Zeitschleuse zurück in eine Ländlichkeit, wie sie im Westen längst Geschichte ist. Für viele ältere Besucher, die aus Deutschland kommen, ist es zuweilen auch eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit, an die Stätten der Kindheit. Jahrhundertelang, vom späten Mittelalter bis 1945, gehörten weite Teile des Landes zwischen Stettiner Haff und Frischer Nehrung zu Deutschland. Die großen und kleinen Städte längs der Küste bewahren ein reiches kulturelles Erbe: Ordensburgen, Backsteingotik, hanseatische Bürgerhäuser. Da ist Szczecin, das alte Stettin, mit dem Greifenschloss. In Kamień Pomorski, früher Cammin, steht die berühmte Bischofskathedrale, einst geistiges Zentrum Pommerns. Im Osten erinnert die Marienburg an die Herrschaft der Ordensritter, die im 13. Jh. in das slawisch-heidnische Land an der Weichsel vordrangen und von hier aus ihren theokratischen Militärstaat errichteten. Doch über allem thront Gdańsk, Danzig, das Juwel der Ostseestädte. Über tausend Jahre ist das mächtige Handelszentrum alt, und an allem gewachsen, wenn auch oft im Schmerz: unter dem Deutschen Orden und als Löwe im Hansebund, zu Zeiten der polnischen Teilung, später als Freie Stadt. Am 1. September 1939 entfesselte Hitler-Deutschland hier mit den Schüssen des Panzerschiffs „Schleswig-Holstein“ auf die Westerplatte den Zweiten Weltkrieg, an dessen Ende auch Danzig in Trümmern lag. Die Stadt erhob sich wieder, wie Phoenix aus der Asche, nun Gdańsk heißend, polnisch, nunmehr sozialistisch - doch immer noch an der Ostsee, dem Wind der Freiheit nah. Im August 1980 erstreikten 16000 Werftarbeiter, angeführt von Lech Wałęsa, die Gründung einer freien Gewerkschaft. Das war der Anfang vom Ende des Ostblocks unter Moskaus Fuchtel.

Die Solidarność-Revolution ist Geschichte. Heute präsentiert sich Gdańsk, mit Sopot und Gdynia zur „Dreistadt“ verschmolzen, als weltoffene Ostseemetropole. In der Rechtstadt, dem als Meisterwerk der polnischen Restauratorenschule akribisch wieder aufgebauten ältesten Stadtteil, drängen Tag für Tag Touristen aller Herren Länder durch die Langgasse. Danzig zieht Russen aus Kaliningrad ebenso in ihren Bann wie schwedische Studenten und die alten Danziger, die wehmütig die Straßen ihrer Kindheit durchstreifen.

Sie sind willkommen, die Deutschen, trotz manchen Vorurteils, das noch zwischen den Völkern steht. Am ehesten werden das die jüngeren Generationen abbauen, für die die unheilvolle Vergangenheit Geschichte ist und die Zukunft in einem offenen Europa liegt. Wer mit diesem Verständnis an die polnische Küste reist, wird Menschen mit einem großen Herzen voller Gastfreundschaft treffen. So sehr hat der Eiserne Vorhang die Mitte des Kontinents verschoben, dass die Wanderdünen von ŀeba manchem im Westen immer noch so entlegen scheinen wie die Sahara. Dabei führt eine Reise nach Pommern geradewegs zurück in das alte Herz Europas.