Reisetipps Normandie

Auftakt Normandie Was für eine Region!

Seit mehr als einem Jahrtausend gilt Millionen Menschen aus ganz Europa schon der Weg in die Normandie als Ziel: Sie streb(t)en als Pilger zum Mont-Saint-Michel, dem „Wunder des Abendlands“. Trotz ihres Weltruhms ist die imposante Klosterfestung auf einem Felskegel im Meer aber nur eine unter vielen Attraktionen der Region im Nordwesten Frankreichs. Ob Ihre Urlaubsträume eher mit Strandspaß und sportbedingten Adrenalinstößen zu tun haben, mit üppig wuchernder, grüner Natur oder eher mit Kulturerlebnis und kulinarischem Genuss: Sie werden hier den Stoff finden, aus dem diese Träume sind!

Die Normandie - auch und vor allem ein Inbegriff klassischer „Sommerfrische“: In Seebädern wie Cabourg, Deauville, Dieppe oder Granville begann für Kontinentaleuropa die Geschichte des Küstentourismus. Schon 1812 begab sich der Pariser Hofstaat nach Dieppe pour prendre l'air (um Luft zu schnappen). Mitte des 19. Jhs. importierten dann die Engländer, Nachbarn auf dem anderen Ufer des Ärmelkanals, das Baden im Meer.

Jahrhundertelang war die Normandie die reichste Provinz Frankreichs. Sie versorgte die rasch wachsende Bevölkerung von Paris mit Lebensmitteln, ihr Steueraufkommen finanzierte ein Viertel des Staatshaushalts. Wirtschaftlicher Reichtum zog den kulturellen nach sich. So weist die Region einen üppigen Schatz an Baudenkmälern auf - allen voran das Wahrzeichen der Normandie: der Klosterberg Mont-Saint-Michel. Die gotischen Kathedralen von Rouen, Bayeux oder Coutances zählen ebenso dazu wie prachtvolle Abteien oder deren immer noch beeindruckende Ruinen. Dazu Hunderte Schlösser aller Stilrichtungen sowie zahllose Herrensitze (manoirs) und Gutshöfe, die unweigerlich den Traum vom „Schöner Wohnen“ wecken.

Normannen neigen nicht zur Euphorie - und schon gar nicht zum überschwänglichen Geldausgeben. Wer mit dem Meer lebt, dieser, wie man hier sagt, „großen Dame“, der man tunlichst Respekt zollen sollte, tendiert wohl zur Vorsicht. Denn wo gerade noch eine sanfte Dünung an der Küste ausrollt, krachen vielleicht morgen schon mächtige Brecher an Land. Und wer kann sagen, ob das Schiff am Horizont friedliche Absichten hegt? Kamen doch die Wikinger, die die Region erst ausraubten, danach besiedelten und ihr als „nortimannen“ anschließend zum Namen verhalfen, übers Meer. So wie die Engländer im Hundertjährigen Krieg, die spanische Armada, die deutsche Kriegsmarine ...

Am 6. Juni 1944 allerdings war klar, wer in welcher Absicht über den Ärmelkanal kam: die alliierte Landungsflotte auf dem Weg, die „Festung Europa“ vom Naziregime zu befreien. Wochenlang herrschte danach in der Normandie das flammende Inferno. Städte wie Caen, Le Havre, Cherbourg oder Saint-Lô lagen in Schutt und Asche. Eine Periode, die vor allem im Umfeld der Landungsstrände gegenwärtig bleibt. Die Normandie hat historisch gesehen aber nicht nur eingesteckt, sie hat auch kräftig ausgeteilt - in Person von Wilhelm dem Eroberer etwa, der 1066 auszog, um England für sich zu gewinnen. Später raubten seine Landsleute als Korsaren auf den Weltmeeren nach allen Regeln der Piratenkunst.

Der berühmteste Normanne? Mit Sicherheit Christian Dior. Sein Geburtshaus in Granville gilt vielen als Kultstätte der Haute Couture. Der Staatsphilosoph Alexis de Tocqueville gehört zu den Geistesgrößen der Normandie, ebenso der Dichter Jacques Prévert. Und was wäre aus dem Impressionismus eines Claude Monet, Edgar Degas, Eugène Boudin oder Camille Pissarro geworden, hätte ihnen das Land nicht seine unvergleichlichen Vorlagen geliefert?

Politisch gliedert sich die Normandie in fünf Departements: Manche, Calvados und Orne im Westen bilden zusammen die Basse (Untere) Normandie, Seine-Maritime und Eure im Osten die Haute (Obere) Normandie. Die Landwirtschaft gibt hier wie dort den Ton an. Sie profitiert vom wärmenden Golfstrom, der nebenbei für erfreulich milde Wassertemperaturen im Meer sorgt. Ein guter Teil der französischen Milchkühe grast hier, ein noch größerer Teil der Vollblutpferde ebenso. Einige Dutzend Fischerhäfen prägen nach wie vor das Bild der Küste, wenngleich auch für die normannische Fangflotte die Ressourcen knapper werden.

Die Arbeit von Bauern und Fischern findet ihren Widerhall auf den Speisekarten der Region. Bei den Franzosen steht die Normandie für Käse, Butter und Sahne einerseits sowie für Calvados und Cidre andererseits. Kurze Wege vom Produzenten zum Verbraucher sorgen für eine hervorragende Qualität der meisten Lebensmittel. Leider haben auch Fische und Meeresfrüchte trotz der Küstenlage angesichts weltweiter Überfischung ihren Preis.

Apropos Küste: Da gibt es auf mehr als 600 km Länge etwas für jeden Geschmack. Im Nordosten stehen mächtige Kreideklippen Fuß bei Fuß hinter den Kiesstränden der Côte d'Albâtre, der Alabasterküste, darunter das zweite Wahrzeichen der Normandie, die 70 m hohe, fast nadelspitze Aiguille bei Étretat. Weiter westlich folgen die mondäne Côte Fleurie (Blumenküste), die Côte de Nacre (Perlmuttküste) und die Plages de Débarquement, die Landungsstrände im Calvados mit Namen wie Utah Beach oder Omaha Beach. Ganz im Westen locken die fast unendlichen Sandstrände des Departements Manche, unterbrochen von faszinierenden Felskaps wie am Nez de Jobourg, am Cap de Carteret oder in und südlich von Granville.

Wer aber glaubt, die Normannen verstünden sich als reine Meeresanrainer, irrt: Entdeckungstouren durch das grüne Hinterland zeigen, warum. Die von unendlich vielen Flusstälern - allen voran natürlich das der Seine - geprägte Landschaft entwickelt mit ihrer Ruhe und ihrer Farbenpracht einen Reiz, dem man sich kaum entziehen kann. Weite Teile der Region wurden als Naturparks ausgewiesen. Und trotz der touristischen Beliebtheit hat sich die Normandie ihren urtümlichen Charme bewahrt. Sie kommt praktisch ohne Bettenburgen aus. Die Gästebetten verteilen sich auf nahezu 1000 Hotels. Rund 400 Campingplätze bieten relativ preiswerte Urlaubsdomizile. Und vom Schloss über Ferienhäuser und -appartements bis zum Wohnwagen kann man nahezu alles mieten - außer vielleicht im Hochsommer: Dann sind die meisten Adressen schon lange im Voraus ausgebucht.

Das Spektrum für Aktivitäten beschränkt sich nicht auf Wasser- und Strandsport. Ein gut strukturiertes Netz von Wanderwegen - allen voran der „Zöllnerpfad“, der die gesamte Normandieküste erschließt -, lockt Spaziergänger, Jogger und Nordic Walker. Wer seine Strecken klug plant, erschließt sich die Region auf verkehrsarmen Straßen durch Bilderbuchlandschaften mit dem Rad. Auf den größeren Flüssen finden Kanu- und Kajakfreunde ihr Revier. Golfern gilt die schon häufig für ihr Angebot ausgezeichnete Region als ideales Terrain. Und selbst Felskletterer müssen nicht auf ihren Sport verzichten.

Kurzum: Die Normandie bietet eine Palette an Attraktionen, die kaum einen Wunsch offen lässt. Die Frische des Maritimen, der rustikale Reiz des Hinterlands und das urbane Flair von Großstädten wie Caen, Rouen oder Le Havre - das mit seiner stilprägenden Nachkriegsarchitektur inzwischen zum Unesco-Erbe der Menschheit zählt - mischen sich zu einem faszinierenden Cocktail.