Reisetipps Kanada West

Auftakt Kanada West Was für eine Region!

Die Naturschönheit des kanadischen Westens ist legendär. Und tatsächlich ist es für Outdoorfans nicht schwer, hier Träume zu erleben: eine Bärenfamilie am Ufer eines Fjordes zu beobachten, die Stille am Ufer des weiten Yukon River zu genießen, bei Cowboys in der Weite der Prärie zu campieren oder beim Rafting einen wilden Fluss zu reiten. Als Kontrastprogramm locken trendiges Shopping und urbane Multikultiszene in Metropolen wie Vancouver oder Calgary. Mit schicken Lounges und Designerboutiquen, mit Country-Rock in heißen Saloons oder Westcoast-Sound in coolen Bars.

Irgendwie glaubt man, dieses Kanada zu kennen. Es liegt auf demselben Breitengrad wie Mitteleuropa, das Klima unterscheidet sich nicht besonders von dem zu Hause, die Berge ähneln den Alpen, die Küsten denen in Norwegen. Irgendwie. Und doch ist Westkanada ganz anders - gewaltiger, eindrucksvoller, einsamer. Es fehlen die Menschen, es fehlen die lauten Autobahnen und die zersiedelte, in kleine Parzellen und Felder untergliederte Landschaft. Unendliche Weite regiert, und fast jede Wanderung auf einen Berggipfel wird mit einem Panorama über eine Landschaft ohne Straßen oder Häuser belohnt. Hier ist die Natur noch weitgehend ursprünglich. So, wie wohl unser heute dicht besiedeltes Europa früher einmal war.

Als Erstes gilt es, sich an die Dimensionen Kanadas zu gewöhnen. Eine Fahrt zum nächsten, 50 km entfernten Laden ist nicht der Rede wert. Der Westen Kanadas, die Provinzen Alberta und British Columbia, das Yukon Territory und die Northwest Territories, umfasst gut 3 Mio. km². Allein in die Provinz British Columbia, die knapp 950000 km² groß ist und nur 4,3 Mio. Einwohner hat, würde Deutschland fast dreimal hineinpassen.

Besonders für eine erste Reise nach Kanada ist der Westen mit seinen vielfältigen Landschaften ideal. An der fjordreichen Pazifikküste steigen die gletschergekrönten Coast Mountains mit ihren uralten, geheimnisvollen Regenwäldern aus dem dunklen Wasser, der Heimat von Walen und Königslachsen. Dahinter, im Schatten der Berge, erstrecken sich sonnige, wald- und seenreiche, immer wieder von Bergketten unterbrochene Hochplateaus bis zu den Rocky Mountains. Das Felsengebirge birgt die schönsten National Parks des Landes - Banff und Jasper -, verbunden durch den Icefields Parkway, eine spektakuläre Panoramastraße. Noch weiter östlich, jenseits der Rockies, liegt das Ranchland Albertas, wo vor 60 Mio. Jahren Dinosaurier lebten, wie die reichen Fossilienfunde am Red Deer River belegen. Heute weiden hier große Rinderherden - in friedlichem Einklang mit Ölpumpen, die das schwarze Gold Albertas fördern. Mit den riesigen Vorkommen von Teersanden um Fort McMurray im Norden Albertas besitzt Kanada sogar die zweitgrößten Ölreserven der Welt nach Saudi Arabien. Dort und auf den großen Weizenfeldern im Süden der Region wird deutlich, dass hier die Wirtschaft bis heute stark von der Landwirtschaft und den reichlich vorhandenen Rohstoffen abhängt.

Im weiten Norden schließlich dehnen sich die spärlich begrünten Bergzüge und Hochtäler des Yukon Territory und der Northwest Territories aus, vor rund 100 Jahren Schauplätze des größten Goldrauschs der Geschichte - und seither wieder vergessen. Ähnlich vielfältig wie die Landschaftsformen sind auch die klimatischen Gegensätze: An der Pazifikküste herrscht feuchtes, mildes Meeresklima, im Binnenland Kanadas dagegen erleben Sie Kontinentalklima mit heißen Sommern und bitterkalten Wintern. Hoch im arktischen Norden dauert der Sommer kaum zwei Monate, während im Süden, auf dem gleichen Breitengrad wie Franken, im Okanagan Valley von British Columbia, Wein und Pfirsiche gedeihen. Doch sogar die extreme Hitze des Sommers in den Prärien Albertas und die polare Kälte in der winterlichen Arktis sind durch die geringe Luftfeuchtigkeit gut verträglich.

Nur etwa 33 Mio. Menschen leben in Kanada, im gesamten Westen sind es sogar nur knapp 8 Mio. Da bleibt viel Platz: zum Campen, Angeln, Wandern, Kanufahren und Reiten. Doch es muss nicht immer Wildnis sein. Auch die Metropolen können sich sehen lassen. So gilt das meerumschlungene Vancouver als eine der schönsten Städte des nordamerikanischen Kontinents. Die wenigen Städte sind aber auch die einzigen Enklaven der modernen Zivilisation in Westkanada. Nur der Süden, die Region entlang der Grenze zu den USA, ist durch Highways und Siedlungen erschlossen. Im fruchtbaren Tal des Fraser River, in den warmen Tälern um Kelowna und Kamloops und in der Prärie Albertas leben rund 80 Prozent der Bevölkerung. Dagegen sind der Norden und die arktischen Gebiete fast menschenleer.

Der Westen Kanadas ist der jüngste Teil des Landes - geschichtlich wie auch geologisch. Erst vor 30 Mio. Jahren hoben sich die Rocky Mountains aus den Sedimentschichten der Urmeere empor. Durch die Kontinentalverschiebung, bei der die Pazifische Scholle gegen die Nordamerikanische Festlandscholle prallte, wurden die Bergzüge der Kordilleren aufgefaltet. Vor 30000 Jahren zogen dann die Ahnen der Indianer von der Beringstraße her durch Westkanada und besiedelten von dort aus den Kontinent. Ihre Nachfahren sind im Westen bis heute noch am stärksten vertreten. In ihren alten Stammesgebieten leben sie in kleinen Dörfern und kümmern sich mit wachsendem Selbstbewusstsein um ihre Rechte. Vor allem entlang der West Coast sind ihre Totempfähle und Plankenhäuser noch vielfach zu bewundern.

Viel später erst, vor etwas mehr als 200 Jahren, segelten die ersten weißen Entdecker, die Briten Captain Cook und Captain Vancouver, die West Coast entlang und begannen den Pelzhandel mit den Ureinwohnern. Gegen Anfang des 19. Jhs. kamen dann die wirklichen Siedler: Bauern aus der Ukraine, aus England, Deutschland und Skandinavien. Und gerade einmal 120 Jahre ist es her, dass die ersten Städte entstanden und die erste Eisenbahn von Montréal gen Westen dampfte.

Wirtschaftlich sind sich die Kanadier im Westen treu geblieben. Bergbau, Ranchwirtschaft und Fischerei, Weizenanbau und neuerdings auch die Kultivierung von Ginseng sind die wichtigsten Wirtschaftszweige im Süden der Provinzen. Im nach wie vor kaum erschlossenen Norden regiert die Forstwirtschaft, die derzeit reichlich Arbeit hat, tote Bäume zu fällen, in denen der Borkenkäfer wütet. Doch noch immer gibt es riesige, völlig unberührte und unbesiedelte Landschaften, die zum Teil auch unter dauerhaftem Naturschutz stehen - wie etwa in dem fast 10000 km² großen Tweedsmuir Provincial Park.

Westkanada ist nach wie vor ein Paradies für Wildnisfans. Gelegenheiten, Abenteuer zu erleben, gibt es viele. Doch warum an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit gehen, auch eine gemütliche Tour mit dem Wohnmobil kann das Gefühl von Freiheit und Weite vermitteln. Denn in Kanada ist es nicht so wichtig, Attraktionen abzuhaken. Nehmen Sie sich lieber Zeit für Tageswanderungen in den Bergen oder an den wilden Stränden, zum Grillen am Lagerfeuer oder einfach zum Durchatmen in der sauberen Luft dieses Landes.