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Reiseführer Stuttgart:Stichworte

Die „Stuttgart 21“-Proteste prägten das Image der Stadt – und sind doch nur ein Aspekt ihrer schwäbischen Persönlichkeit

Autostadt

„Wenn der Daimler huschtet, dann isch’s Ländle krank.“ Ein launiger Spruch, der beweist, wie sehr der Daimler-Konzern mit seinen rund 47 000 Mitarbeitern in den beiden Hauptwerken Untertürkheim und Sindelfingen die Landeshauptstadt und das Umland prägt. Weltweit sind es übrigens mehr als 270 000 Menschen, die für die Daimler AG arbeiten. Insgesamt „nur“ rund 20 000 Mitarbeiter hat Porsche, der zweite große Autobauer. Das gescheiterte Engagement bei VW kratzte ordentlich am Nimbus des Musterschülers, aber mittlerweile befindet sich der Sportwagenhersteller wieder im Höhenflug, und die Bilanzen sorgen wie früher regelmäßig für Begeisterung.

Dennoch ist das Bild von der Autostadt Stuttgart nicht mehr ganz makellos: Abgesehen davon, dass auch Größen wie die Daimler AG von der Finanzkrise gebeutelt wurden (und sich erholten), gibt es auch stadtplanerisch ein Umdenken. Immer öfter werden Überlegungen laut, die großen Verkehrsachsen, von denen Stuttgart zerschnitten wird, zugunsten einer „menschlicheren“ Stadt aufzugeben. Diese Pläne, die es schon gab, bevor die Grünen bei der Wahl 2009 stärkste Fraktion im Gemeinderat wurden und bevor sie den Oberbürgermeister stellten, sind bisher an den Finanzen gescheitert.

Den Titel Autostadt verdient Stuttgart aber aus einem anderen Grund. Immerhin sorgten hier Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach 1885 mit ihrer Erfindung des schnell laufenden Benzinmotors für den Siegeszug des Automobils. Rund um „den Daimler“ und Porsche hat sich eine ganze Liga von Zulieferfirmen angesiedelt, die zum Teil selbst, wie etwa die Firma Bosch, in der Weltspitze mitspielen.

Baustellen

In Stuttgart fahren die Bagger und drehen sich die Kräne – und zwar längst nicht nur rund um den Bahnhof. Das Gesicht der Stadt verändert sich: Während auf dem Killesberg an der Stelle des alten Messegeländes ein völlig neues Stadtquartier mit viel Grün entstand, ist am südwestlichen Rand der Innenstadt mit dem „Gerber“ ein Projekt verwirklicht worden, das Läden, Lokale, Büros und Wohnungen auf mehr als 34 000 m2 vereint. Genau auf der anderen Seite der City, in direkter Nachbarschaft zur „Stuttgart 21“-Baustelle, steht mit dem „Milaneo“ das zweite neue Einkaufszentrum, das mit 200 Geschäften auf 43 000 m2 zum Shoppen verlockt. Nicht ohne Sorge werden die beiden Mega-Malls von den alteingesessenen Händlern in der Innenstadt betrachtet. Dort wiederum wird am „Dorotheenviertel“ gebaut: So soll der Bereich zwischen Kaufhaus Breuninger und Karlsplatz heißen, wenn die neuen Gebäude für Ministerien, Shops, Gastronomie und ein Luxushotel fertig sind. Als Gedenkort erhalten bleiben soll das „Hotel Silber“, in dem von 1936 bis 1945 die Gestapo-Zentrale untergebracht war und in dessen Keller Gefangene von den Nazis gefoltert wurden. Das Wilhelmspalais gegenüber vom Neuen Schloss soll nach dem Umbau das neue Stadtmuseum beherbergen.

Ein riesiges Bauvorhaben ist zudem der Rosensteintunnel, der die chronisch verstopfte B 10 zwischen Stuttgarts Osten und Zuffenhausen entlasten soll. Ausgebaut werden soll auch der Neckarpark rund um die Mercedes-Benz Arena, umgebaut und modernisiert wird das Klinikum Stuttgart, dazu kommen eine Reihe weiterer Baustellen für Büro- und Wohnkomplexe in der Innenstadt.

Besenwirtschaft

Nein, der über der Haustür hängende Reisigbesen bedeutet keinesfalls, dass hier einer seiner Kehrwochenpflicht nachkommen muss. Er sagt viel eher: Jetzt wird’s gemütlich. Denn im „Bäsa“ rücken die Schwaben eng zusammen und „schlotzen“ den Wein, den der Wengerter (Weingärtner) höchstselbst angebaut haben muss. Weil die Besenwirte dies ohne Konzession tun dürfen, müssen sie gewisse Regeln einhalten: Der Besen darf maximal zweimal im Jahr für vier Monate geöffnet sein, serviert wird Deftiges wie Schlachtplatte, Sauerkraut oder Zwiebelkuchen, auch Maultaschen und mal ein Rostbraten.

Ursprünglich servierten die Wirte in ihren Wohnstuben, heute laden sie oft in einen Schuppen, einen Kellerraum oder die Garage ein. Sind Sie also zur Besenzeit im Frühjahr und Herbst in Stuttgart, sollten Sie auf jeden Fall in einem der etwa 30 „Besen“ vorbeischauen (www.besentermine.de). Dann erleben Sie die Schwaben als gesellige, feierfreudige Gastgeber – solange Sie kein Bier oder irgendwelche anderen Getränke bestellen. Das gilt nämlich als Todsünde, selbst wenn der ausgeschenkte Wein ein wenig „räs“ (sauer) sein sollte. Besonders viele Besen liegen in Unter- und Obertürkheim.

Grüne

Am 27. März 2011 geschah das im „Ländle“ Undenkbare: Die seit 58 Jahren in Baden-Württemberg regierende CDU wurde abgelöst – von den Grünen! 24,2 Prozent der Wähler im Land votierten für die Ökopartei, genug, dass sie zusammen mit dem Juniorpartner SPD eine Regierungskoalition bilden konnte. Gründe für den Machtwechsel gab es wohl einige: das Dauerthema „Stuttgart 21“, die kurz zuvor stattgefundene Reaktorkatastrophe im japanischen Fukuschima, die Basta-Politik des Ministerpräsidenten Stefan Mappus. Auf jeden Fall zog nun Winfried Kretschmann als erster grüner Ministerpräsident der Bundesrepublik Deutschland in der Regierungszentrale in Stuttgart ein. Der gläubige Katholik mit dem silbernen Bürstenhaarschnitt, der markanten Sprechweise und einer eher konservativen Haltung wollte „einen neuen Politikstil der Offenheit und Beteiligung“ prägen. Ob ihm das gelungen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Konsequenz war jedenfalls dieVolksabstimmung zu „Stuttgart 21“ im November 2011, welche die Gegner des Projekts, zu denen auch Winfried Kretschmann und seine Partei gehören, nicht gewinnen konnten. „Kritisch begleiten“ wollten die Grünen das Projekt nach der verlorenen Abstimmung – für manchen ihrer Wähler machen sie das allerdings nicht kritisch genug.

Noch eins drauf setzte dann die Oberbürgermeisterwahl im Herbst 2012. Fritz Kuhn sicherte sich in der Stichwahl 52,9 Prozent der Stimmen gegen den von CDU, FDP und den Freien Wählern unterstützten Kandidaten Sebastian Turner. Damit wurde Stuttgart die erste Landeshauptstadt in der Geschichte der Bundesrepublik, die von einem Grünen regiert wird.

Kehrwoche

Was ist nicht schon alles an Hohn und Spott über das schwäbische Reinheitsritual ausgegossen worden. Dennoch gehört für viele in und um Stuttgart die Kehrwoche nach wie vor zu den ehernen Gesetzmäßigkeiten, selbst wenn das eigentliche Gesetz seit 1988 nicht mehr gilt. Sauberkeit muss sein – und so ist jede Woche eine andere Mietpartei dafür zuständig, Haus und Hof ordentlich zu halten. Wenn, ja wenn nicht längst einer der vielen Hausmeisterdienste, wie in anderen deutschen Großstädten, die Reinigung professionell übernimmt.

Mineralbäder

Neben Budapest hat keine andere Stadt in Europa ergiebigere Mineralwasservorkommen. In den Stadtteilen Bad Cannstatt und Berg sprudeln aus 19 Quellen, davon elf staatlich anerkannte Heilquellen, täglich mehr als 22 Mio. Liter kohlensäurehaltiges Wasser. Den Kur- und Badegästen stehen zwei Kurmittelhäuser, 20 öffentliche Mineralwasser-Trinkbrunnen und drei Mineralbäder zur Verfügung (www.stuttgart.de/baeder). Man geht zum Baden ins Leuze Am Leuzebad 2 0711 2164210 Eintritt ab 6,50 Euro tgl. 6–21 Uhr U 1, 2, 14 Mineralbäder mit Saunalandschaft, großer Warmbadehalle und verschiedenen Außenbecken. Charmanter als im benachbarten Mineral-Bad Berg Am Schwanenplatz 9 0711 2167090 Eintritt 7,60 Euro Mo–Sa 7–20, So 7–17, Okt.–März ab 8 Uhr U 1, 2, 14 Mineralbäder kann man nirgendwo im (kalten) Stuttgarter Mineralwasser seine Runden drehen, allerdings wartet das kultige 50er-Jahre-Bad auch seit Jahren auf die Sanierung. Das Mineralbad Cannstatt Sulzerrainstraße 2 0711 2169240 Eintritt ab 7,90 Euro tgl. 9–21.30 Uhr U 2 Kursaal mit seiner tollen Glaskonstruktion wird von fünf bis zu 36 Grad warmen Quellen gespeist.

RAF

Auf dem Dornhaldenfriedhof liegen sie begraben, die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Zwar wurde in Stuttgart nie ein Anschlag begangen, trotzdem ist der Name der Stadt untrennbar mit den Terroristen der „Rote Armee Fraktion“ verbunden: Ensslin, Baader und Raspe wurde in Stammheim der Prozess gemacht, im dortigen Hochsicherheitsgefängnis saßen sie ab 1975 ihre lebenslange Haft ab. Die Stuttgarter Polizei erlebte die Zeit als eine Art „Belagerungszustand“. Und als am 5. September 1977 Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer, der in Stuttgart lebte, in Köln von der RAF entführt wurde, starben sein Fahrer und drei Stuttgarter Polizisten im Kugelhagel. Die Entführer wollten das Terroristentrio freipressen – und die Landeshaupstadt rückte ins Licht der Weltöffentlichkeit.

Dass die RAF-Terroristen mit ihrem Austauschversuch scheiterten und Schleyer daraufhin ermordet wurde, ist längst Teil der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik. Auch, dass Ensslin, Baader und Raspe in Stammheim Selbstmord begingen. Wie Stuttgarts damaliger Oberbürgermeister Wolfgang Rommel auf die Bitte von Gudrun Ensslins Vater nach einem gemeinsam Grab für die Toten auf dem Dornhaldenfriedhof reagierte, gehört zu Stuttgarts großen Momenten. Er stemmte sich gegen den heftigen Widerstand mit den Worten: „Nach dem Tod endet die Feindschaft.“

Schillerstadt

Stuttgart begreift sich seit jeher als Schillerstadt, obwohl der Poet (1759 bis 1805) einst von hier Reißaus nahm. Herzog Carl Eugen hatte ein Schreibverbot verhängt, und wegen unerlaubter Entfernung von der Truppe – zu zwei Aufführungen der „Räuber“ in Mannheim – drohten dem Dichter 14 Tage Arrest. Ganze zehn Jahre lebte Schiller in Stuttgart. Erzählt wird, der Dichter habe seinen Freunden im Waldgebiet auf dem Bopser Teile aus seinen „Räubern“ vorgelesen. Stuttgart organisierte das erste Schiller-Fest (1825), hier gab es den ersten Schiller-Verein (1827) und das Denkmal des Dichters auf dem Schillerplatz (1839) ist das erste, das in Deutschland einem Bürgerlichen gewidmet wurde.

Stuttgart 21

Die einen können’s nicht mehr hören, für die anderen ist es eine Glaubensfrage geworden: das Großprojekt „Stuttgart 21“, bei dem der Kopfbahnhof bis spätetstens 2020 zur unterirdischen Durchgangsstation umgestaltet und ein wichtiger Stopp auf der Trasse von Paris nach Bratislava werden soll. Das umstrittene Bauvorhaben, zu dem auch die Neubaustrecke nach Ulm gehört, ist mit einer Höchstgrenze von 4,5 Mrd. Euro kalkuliert, mit deutlichen Mehrkosten ist zu rechnen. In der Stuttgarter Stadtmitte wird nach dem Umbau statt der oberirdischen Gleisanlagen ein neues Stadtviertel mit Büros, Wohnungen, Geschäften und einem Einkaufszentrum entstehen. Die Befürworter des Projekts feiern die freiwerdenden Flächen als städtebauliche Chance, während die Gegner darin nur ein gigantisches Immobilienprojekt für Investoren sehen.

Die ersten Demonstrationen gegen „Stuttgart 21“ begannen 2007, später wurden die Montagsdemos zum wöchentlichen Ritual, und bei Großkundgebungen gingen Zehntausende Menschen auf die Straße – der von den Medien so getaufte „Wutbürger“ war geboren. Der brachiale Polizeieinsatz gegen S21-Gegner am 30.9.2010 ging als „Schwarzer Donnerstag“ in die Stadtgeschichte ein. Nach dem 27. November 2011 brach der Widerstand weitgehend zusammen: Bei der Volksabstimmung sprachen sich die Baden-Württemberger für den Weiterbau des Projekts aus, selbst in Stuttgart war eine knappe Mehrheit dafür.

Für das Projekt müssen im Schlossgarten viele zum Teil 200 Jahre alte Bäume gefällt werden. Im Zentrum der Stadt wird eine riesige Baugrube ausgehoben, mit entsprechenden Auswirkungen auf das städtische Leben. Kritiker befürchten eine Gefährdung der Mineralwasserquellen und weitere geologische Unwägbarkeiten beim Bau von insgesamt 33 km Tunneln im Stadtgebiet. Außerdem wird bemängelt, dass die Bahn als Bauherr nicht alle Informationen zu Machbarkeit und Finanzierung offengelegt hat.

Tüftler

Deutschlandweit lagen Baden-Württembergs Erfinder 2013 an zweiter Stelle mit ihren Patentanmeldungen, allein vom Stuttgarter Konzern Bosch kamen mehr als 1500. Der Grund: Not macht erfinderisch – und das Land war stets arm an natürlichen Rohstoffen. Nicht nur der Dampfpflug von Max Eyth und das Luftschiff von Ferdinand Graf von Zeppelin wurden hier erfunden, sondern 1895 auch der Hebelordner mit Exzenterverschluss – besser bekannt als Leitz-Ordner. Die elektrische Handbohrmaschine aus der Werkstatt W. E. Fein stammt aus Stuttgart, der arbeitsfreie Samstag und der Acht-Stunden-Tag aus dem Hause Bosch, und auch das schwäbische Fastfood, die Brezel, und der Büstenhalter (1913) wurden hier erfunden.

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Schon während seines Geografiestudiums in Tübingen hat sich Jens Bey mit Stuttgarts Eigenheiten beschäftigt. Dann übersiedelte der gelernte Journalist in die Landeshauptstadt, wo er heute als freier Redakteur, Lektor und Autor arbeitet – und die Erkundung all der schönen, versteckten Ecken der immer etwas verkannten Metropole zu seiner Passion gemacht hat. Imagepflege inklusive!

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Quelle: www.marcopolo.de