Süddeutsche Zeitung

Reiseführer Nordseeküste Schleswig-Holstein:Stichworte

Von Gezeiten und über den Wind: Interessantes über das Leben und die Natur hinter und vor den Deichen

Deiche

Friesen aus dem Gebiet der Rheinmündung brachten die Fertigkeit des Deichbaus um das Jahr 1000 ins Land. 2–3 m hoch waren die ersten Erdwälle, die das Wasser zurückhalten sollten. Natürlich reichte diese Deichhöhe nicht aus, das Land vor Sturmfluten im Herbst und Winter zu schützen. Diese sogenannten Überlaufdeiche oder auch Sommerdeiche dienten lediglich dazu, Weiden und Felder zumindest im Sommer trocken zu halten. Einst war der Deichbau Knochenarbeit. Die ersten Deiche wurden von Hand, mit Schaufeln und Schubkarren aus Klei, also Marschboden aufgeschüttet. Der Deich des 21. Jhs. ist bis zu 8 m hoch, hat einen Sandkern mit einer Kleidecke. Der Vorteil: Die Deichbauer benötigen weniger kostbaren Marschboden und können sich den reichlich vorhandenen Sand aus dem Meer holen. Um das Grün kümmern sich vierbeinige Helfer: Schafe ziehen über die Deiche, halten das Gras kurz und verdichten den Boden, sodass Maulwürfe und Mäuse kaum eine Chance haben, im Deich herumzuwühlen.

Fauna mal fünf

Als das Wattenmeer zum Weltnaturerbe erklärt wurde, haben sich die Touristikstrategen in der ihnen eigenen Sprache mal wieder etwas einfallen lassen: die „Big Five“, die „Small Five“ und die „Flying Five“. Aber: Was zunächst nur nach einem weiteren Marketinggag aussieht, ist bei näherer Betrachtung durchaus sinnvoll. Unter diesen Slogans sollen Besuchern die wichtigsten und spektakulärsten tierischen Bewohner im Meer, im Watt und an der Küste nahegebracht werden: Seehund, Kegelrobbe, Schweinswal, Stör und Seeadler sind die „Großen“; Strandkrabbe, Nordseegarnele („Krabbe“), Herzmuschel, Wattschnecke und Wattwurm die „Kleinen“, und Silbermöwe, Ringelgans, Brandgans, Austernfischer und Alpenstrandläufer bilden die Kategorie der „Fliegenden“. Überall in der Region werden zu diesen „fünfzehn“ Veranstaltungen und Führungen angeboten.

Gezeiten

Unter Gezeit oder Tide werden Wasserstandsänderungen des Meers verstanden. Der täglich zweimalige Höchststand wird als Hochwasser, der Niedrigstand als Niedrigwasser bezeichnet. Wobei der Begriff Hochwasser nichts mit Über-die-Ufer-Treten zu tun hat. An der Küste spricht man dann von Sturmfluten. Hochwasser hingegen ist an der Nordsee alltäglich. Ursache für die Gezeiten sind die Anziehungs- und Fliehkräfte von Erde, Mond und Sonne.

Einerseits baut der Mond mit seiner Anziehungskraft auf der ihm zugewandten Erdhälfte Wassermassen auf, einen sogenannten „Flutberg“; andererseits entstehen durch die Drehung der Planeten Fliehkräfte, sodass sich auf der anderen Erdhälfte ebenfalls ein Flutberg bildet. Da diese Kräfte Wassermassen binden, schaffen sie zugleich „Ebbtäler“. Nun dreht sich die Erde alle 24 Stunden einmal um ihre eigene Achse, was bedeutet, sie dreht sich unter den Flutbergen und Ebbtälern hindurch. Folglich hat jeder Punkt der Erde zweimal einen Flutberg und ein Ebbtal. Eine Tide, bestehend aus Ebbe und Flut, dauert an der Nordsee 12 Stunden, 25 Minuten. Zirka sechs Stunden steigt das Wasser an, sechs Stunden fällt der Wasserspiegel. Die Differenz zwischen diesen beiden Wasserständen wird Tidenhub genannt; er liegt an der Nordsee zwischen 2 und 4 m.

Stehen Erde, Mond und Sonne in einer Linie, addieren sich die Anziehungskräfte, Ebbe und Flut sind dann besonders stark (Springtide); stehen Sonne und Mond im rechten Winkel zur Erde, sind die Gezeiten besonders schwach (Nipptide).

Haubarg

Die mächtigen Höfe auf Eiderstedt sind einzigartig. Die ersten dieser größten Bauernhäuser der Welt wurden um 1600 errichtet. Die Idee: alles unter einem Dach. Kernstück eines Haubargs ist der „Vierkant“. Vier gewaltige Eichenpfähle, die „Ständer“, die auf Findlingen im Erdreich stehen, tragen das wuchtige, bis zu 20 m hohe Reetdach. Größere Haubarge haben gar mehrere Vierkante aus sechs oder acht Ständern. In diesem Vierkant wurde das Heu „geborgen“ (daher Haubarg), drum herum wurde das Getreide gedroschen, das Vieh versorgt, die Arbeitspferde gehalten; und im Südteil, auf der Sonnenseite, lebte die Familie. Vor 200 Jahren gab es auf Eiderstedt etwa 400 Haubarge. Heute stehen noch ca. 50, die meisten davon sind in Privatbesitz. Besichtigen können Sie den Roten Haubarg in Witzwort, den Haubarg Peerboos in Vollerwiek (www.haubarge.de) und den Mars-Skipper-Hof in Kotzenbüll (www.eingartenfuerdiesinne.de).

Koog

Eingedeichtes Marschland nennt man Koog. Ein solcher entsteht in drei Schritten: Erst wird das Land gewonnen (siehe Lahnungen) und als sogenanntes Vorland gepflegt. Hat dieses die „Deichreife“ erreicht, kann es eingedeicht, bewirtschaftet und schließlich besiedelt werden. Deichreif ist ein Vorland, wenn es eine bestimmte Höhenlage erreicht hat und der Boden landwirtschaftlichen Anforderungen genügt, wenn dort also bestimmte Pflanzen, z. B. Weißklee, wachsen können. Die Zeiten der Eindeichung zur Gewinnung von neuem Ackerland sind lange vorbei. Neue Deiche und Köge dienen heute ausschließlich dem Küstenschutz.

Krabben

Bei den außerordentlich schmackhaften gekrümmten rosa Würmchen, die Sie an der Küste als „Krabben“ oder „Büsumer Krabben“ im Brötchen, in der Suppe oder unterm Spiegelei zu sich nehmen, handelt es sich eigentlich um Nordseegarnelen (Crangon crangon). Sie werden im Wattenmeer von Krabbenkuttern z. B. aus Büsum und Friedrichskoog mit Grundschleppnetzen gefischt und noch an Bord gekocht – erst dadurch bekommen die blassbeigen Tiere ihre rosabraune Farbe. In allen Häfen an der Küste werden die Tierchen direkt vom Kutter verkauft. Lassen Sie sich den unvergleichlichen Genuss frisch „gepulter“ (geschälter) Krabben nicht entgehen und vom Fischer kurz zeigen, wie man so eine Garnele von ihrem Panzer befreit: Es ist leichter, als man denkt – und außerdem erheblich günstiger, als gepulte Krabben im Laden zu kaufen. Um ein Pfund Krabbenfleisch zu erhalten, müssen Sie etwa drei Pfund Krabben pulen.

Lahnungen

Sie teilen das Vorland, die Wiesen und das Watt vor dem Deich in Landgewinnungsfelder. Diese Pfahlzäune beruhigen das aufgelaufene Wasser, dämpfen die Wellenbewegung; zwischen den Lahnungen bilden sich sogenannte Stillwasserzonen. Hier setzen sich die von der Flut angespülten Sedimente ab. Diese sogenannte Aufschlickung ist der erste Schritt der Landgewinnung. Bei wind- und strömungsgünstiger Wattlage fallen bis zu 30 cm Schlick im Jahr an; in ungünstigen Küstenabschnitten können es auch nur 2 cm sein.

Lahnungen müssen schwere Sturmfluten und auch den Eisschub im Winter überstehen. Deshalb werden die Pfähle mit Motorhilfe in Doppelreihen tief in den schweren Schlickboden gerammt. Der Zwischenraum wird mit Heidekraut und Buschwerk gestopft. Um die Reihen zusätzlich zu stabilisieren, werden die Pfähle kreuzweise mit verzinktem Draht fest verspannt.

Moin

Glauben Sie bloß nicht, die Küstenmenschen würden sich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang einen guten Morgen wünschen. Der Ruf Moin meint nicht Morgen. Moi heißt auf Plattdeutsch: gut, schön. Entsprechend bedeutet Moin: einen Guten. Wird Ihnen ein freundliches Moin zugerufen, grüßen Sie mit einem einfachen Moin zurück, niemals mit einem Moin, Moin!, das ist für die Nordfriesen Touristenplatt. Zur Aussprache: In Moin gibt es kein j. Also nicht Meujen. Richtig ist ein kurzes Meun, ähnlich wie neun. Verabschieden Sie sich, sagen Sie einfach Tschüs!

Mehr plattdeutsche Begriffe finden Sie im Kasten „Plattdüütsch“.

Reet

Das auch Ried genannte Schilfrohr wird in Bündeln im Winter geerntet. Dann sind die Blätter welk, und die saftlosen Halme lassen sich gut schneiden. Da der heimische Reetbestand lange nicht mehr genügt, werden die Halme aus Rumänien und Ungarn importiert. Frisch gedeckt hat die Strohhaube eines Hauses eine Stärke von 40 cm. Das Reetdach hat an der stürmischen Küste den Vorteil, dass es dem Wind nachgibt; manch starke Böe, die ein Pfannendach abdecken würde, kann der dicken, aber weichen Halmhaube nichts anhaben. Und das Stroh isoliert: Im Winter hält es die wohlige Wärme, im Sommer sorgt es unter dem Dach für kühle Räume. Kommt ein Reetdach in die Jahre, haben Wind und Wetter an den Halmen gezerrt, wird die Strohlage dünner. So hat ein Reetdach eine Lebensdauer auf der Wetterseite von dreißig bis fünfzig Jahren, auf der geschützten Seite kann es bis zu hundert Jahre alt werden.

Einziger Nachteil eines Strohdachs und für die Besitzer zugleich ein Albtraum: Reet ist leicht entzündbar. Brennt das Dach, führt solch eine Katastrophe meist zum Totalschaden. So sind die Versicherungsprämien im Vergleich zum sogenannten Hartdach dreimal so hoch.

Reizklima

Jeder Nordseeurlauber schwärmt davon: Es ist ja so gesund! Doch was reizt am Reizklima? Bereits die alten Römer wussten: „Neptunus omnia sanat – das Meer heilt alles.“ Für den Badearzt der Neuzeit sind es drei Dinge, die den Menschen an der Küste „reizen“: der Wind, die Luft und das Wasser, wobei der Wind dies am intensivsten tun kann. Sein Zerren und Drängen gleicht einer Massage und hat direkten Einfluss auf die Nervenzellen und Blutgefäße in der Haut. Zudem ist er staub- und allergenfrei und mit feinen Mineralsalzen durchsetzt. Besonders reizvoll sind Spaziergänge nah der Wasserlinie. Dort ist die Luft feucht, und sie belebt dank ihres hohen Jodgehalts alle Drüsen mit hormoneller Funktion. Am Strand und bei Ebbe auf den Watten atmen Sie zehnmal mehr Jod ein als im Binnenland. Dritter im Bunde des Reizklimas ist das Wasser. Ein Bad im Meer belebt, nicht nur weil das Wasser kalt ist, auch Wellen, Salz und Gasbläschen im Schaum der Gischt massieren den Körper, röten die Haut.

Und noch etwas regt das Nordseeklima an: Ihren Appetit. Die Seeluft erhöht den Stoffwechsel, Ihr Körper verbrennt mehr Kalorien. Die Folge: Sie haben Hunger. Ob Sie sich diesem Reiz hemmungslos hingeben, das müssen Sie selber entscheiden.

Sprache

Was Sie auf dem Markt oder beim Bäcker nicht verstehen, ist oft ein Gemisch aus vielen Sprachen. Dazu muss man wissen, dass im Land Schleswig-Holstein fünf Sprachen gesprochen werden: die zwei Standardsprachen Hochdeutsch und Reichsdänisch und die drei Volkssprachen Niederdeutsch (Plattdeutsch, kurz: Platt), Friesisch und Jütisch. Dabei ist die Nordseeküstenregion, besonders die Wiedingharde im Norden Nordfrieslands, das Babylon des Landes. Hier reicht das Sprachengewirr bis in die Familien. Die Großeltern sprechen Friesisch oder Jütisch, unterhalten sich mit ihren Kindern auf Niederdeutsch. Diese wiederum sprechen mit ihren Kindern, den Enkeln, Hochdeutsch.

Man schätzt, dass etwa 8000 Friesen die Sprache ihrer Vorfahren beherrschen. Was nicht heißt, dass ein Inselfriese einen Festlandfriesen versteht, denn im Friesischen gibt es wiederum zig Dialekte. Sind die Einheimischen unter sich, sprechen sie ihre Sprache. Das ist Teil ihrer Identität. Wollen die Enkel den Großvater verstehen, können sie in der Schule freiwillig Friesisch lernen.

Windkraft

Schleswig-Holstein ist Weltmeister in Sachen Windenergie. 2790 Windräder drehen sich zwischen Nord- und Ostsee. Anfang der 70er-Jahre experimentierten Israel, Dänemark, die USA und Deutschland mit dem Wind als Stromerzeuger. In Schleswig-Holstein ging die erste Großwindanlage, kurz „Growian“, 1983 ans Netz, das riesige Windrad wurde jedoch ein Flop. Den Erfolg brachten viele kleine Räder: So wurde 1987 im Kaiser-Wilhelm-Koog der erste Windpark mit 32 Windanlagen in Betrieb genommen. Bund und Länder subventionieren den Bau, die Bauern wittern ein gutes Geschäft. Der Wildwuchs der „Energiespargel“ führte zu einer heftigen Debatte im Land: Befürworter berufen sich auf den Umweltschutz, die Gegner fürchten um die Schönheit der Landschaft. Inzwischen dürfen nur noch in ausgewiesenen Gebieten Räder aufgestellt werden. Doch auch die Akzeptanz der Bürger ist größer geworden.

Da es im Land zwischen den Meeren zu eng wird, heißt die Zukunft Offshore-Windkraftanlagen draußen in der Nordsee: Bislang sind vor Schleswig-Holstein sieben sogenannte Offshore-Windparks mit insgesamt 790 Windanlagen genehmigt. Aber auch hier regt sich Widerstand, denn wie so oft wird erst genehmigt, dann geprüft: Meiden Fische aufgrund der Vibration der Anlagen das Gebiet, und ist damit den Fischern ihre Existenzgrundlage entzogen? Inwiefern beeinflussen die riesigen Mühlen den Vogelzug, und wie kommt der Strom von den Anlagen ohne substanzielle Eingriffe in den Nationalpark Wattenmeer zu den Relais an Land? Keine dieser und anderer Fragen war bei Redaktionsschluss geklärt. Das ehrgeizige Ziel der Landesregierung, die Hälfte des Stroms in Schleswig-Holstein mittels Windenergie zu erzeugen, rückt näher. 2010 waren es bereits 40 Prozent, 2020 sollen es 100 Prozent sein.

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