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Reiseführer Indien:Auftakt

Entdecken Sie Indien!

Wer nach der Landung die neue Empfangshalle des Flughafens Delhi erstmals betritt, gerät ins Staunen. Unverwechselbar haben die Designer für ein exotisches - indisches - Ambiente gesorgt! Überlebensgroß dominieren auf hohen Podesten zwei Elefanten das Erlebnis der Ankunft - ermunternd nach langem Flug! Und die Ermunterung stimmt gleich auf ein Land ein, das kein Armutsland mehr ist.

Als rückständig und arm ist Indien vom Rest der Welt jahrzehntelang bedauert und abgetan worden, heute diskutieren Wirtschaftsexperten, ob in 30 Jahren China oder Indien den Spitzenplatz bei den am stärksten boomenden Nationen erreichen wird. Die Zahl der indischen Millionäre ist siebenstellig. Mukesh Ambani, einer der rund 40 indischen Milliardäre und einer der reichsten Männer der Welt, kaufte seiner Frau einen Airbus und baute in Mumbai ein privates Hochhaus - nur für seine Familie und Gäste. Der indische Stahlmilliardär Lakshmi Mittal, angeblich sechstreichster Mann der Welt, erwarb den europäischen Arcelor-Konzern und besitzt jetzt den größten Stahlkonzern der Welt.

Der unbestreitbar gigantische ökonomische Sprung nach vorn beeinflusst vorerst kaum das Leben der rund 300 bis 400 Mio. Inder, die unter der Armutsgrenze leben. Aber jeder, der schon vor fünf oder zehn Jahren in Indien gereist ist, spürt die Veränderung: Viele Inder blicken heute zuversichtlich in die Zukunft und freuen sich an den ersten Zeichen neuen Wohlstands

Der Aufschwung zeigt sich auch an besseren Straßen, ersten Autobahnen, an neuen Flughäfen, exklusiven Hotels, hoch komfortablen Resorts und familiär geführten homestays. Außer dem Urlaub an Palmenstränden und den Exkursionen im Kamelsattel finden Ayurvedakuren, Trekkingtouren und Gleitschirmfliegen im Himalaya, Hausbootferien auf den Backwaters von Südindien, Wildwasserfahrten im Gebirge, Reiterferien in Rajasthan oder Fahrten im historischen Luxuszug großes Interesse.

Die Vielfalt der Landschaften ist einzigartig - von den majestätischen Himalaya-Gipfeln über die Wüste Thar bis zu den kilometerlangen, meist noch unverbauten tropischen Stränden. Faszinierend auch, wie eine Milliarde Inder die Lebensformen uralter Kulturen bewahren und gleichzeitig ein enormer Modernitätsschub das Land verändert. In Tempeln und Palästen, Dörfern und Nationalparks erleben Sie das ursprüngliche Indien, in den boomenden Megastädten die Hightechzukunft. Abenteuerlustige finden auf den Lakkadiven-Inseln mit ihren Korallenriffs oder auf den Andamanen auf jeden Fall ihr Traumdomizil. Die indische Tourismusindustrie hat einen neuen Trend ausgerufen: Urlaub auf dem Land. Immerhin gibt es mehr als 500000 Dörfer in Indien. Unverwechselbar indisch sind Meditations- und Yogakurse in einem Ashram. Indien zählt mittlerweile zu den attraktivsten Reisezielen weltweit.

Der wirtschaftliche Aufschwung ermöglicht immer mehr Indern, das eigene Land zu bereisen. Doch die meisten Bürger können von solchem Luxus nur träumen. Im Bundesstaat Bihar haben Misswirtschaft und korrupte Regierungen den Anteil der Armen auf über 40 Prozent steigen lassen. Auch wenn die Armut nicht immer offensichtlich ist, unübersehbar sind die neuen Kaufpaläste der Juweliere, zum Beispiel im südindischen Kerala. So ist Indien das Land mit dem weltweit größten privaten Goldbesitz.

Globetrotter brauchen nicht zu fürchten, dass über alldem das alte, abenteuerbunte Indien verschwunden ist. Das bäuerliche oder ganz im Naturzustand belassene Hinterland zwischen Arabischem Meer und Indischem Ozean, zwischen Himalaya und Cape Comorin an der Südspitze ist immer noch riesig - mit seinen Dschungeln und Steppen, Wüsten und Schneegebirgen. Das Indien der Tiger-, Elefanten- und Leopardenpirsch (mit der Kamera, versteht sich) überdauert ebenso wie das Indien der prächtigen Felsheiligtümer, mittelalterlichen Forts und Maharajapaläste, Hindu-Tempel und Mogulmoscheen.

Das Jahr 1991 ebnete den Weg für Indiens wirtschaftlichen Aufschwung. Indien stand dicht vor dem Staatsbankrott, aber ein kluger Finanzminister bewirkte wichtige Veränderungen im Wirtschaftsrecht und den Abbau von bürokratischen Barrieren. Sein Name: Manmohan Singh. Heute ist er Indiens Ministerpräsident. Indische Unternehmer und ausländische Investoren haben seitdem an Bewegungsfreiheit gewonnen, aber der Kurs auf die Marktwirtschaft wird vorsichtig gesteuert.

Indien ist mit rund 3,3 Mio. km2 Fläche zwar kleiner als Europa oder die USA, aber im Land leben mit rund 1,3 Mrd. Menschen mehr Einwohner als in Europa und den USA zusammen. Vermutlich wird Indien in einigen Jahren noch vor China der bevölkerungsreichste Staat der Erde sein. Asienexperten sehen das Land im Vergleich mit China und Japan als aussichtsreichsten Anwärter auf den Spitzenplatz - zumindest in der Wirtschaft Asiens. An Ideenreichtum, Flexibilität und Sprachkenntnissen sei Indien überlegen, meinen sie. Die Zuwachsraten der indischen Wirtschaft gehören schon jetzt zu den weltweit höchsten.

Aufschwung, Zuwachsraten, wachsende Bevölkerung - das alles hat auch seine Schattenseiten: für Natur, Mensch und Tier. Delhis Grundwasserspiegel z. B. ist in mehreren Stadtteilen auf unter 60 m gesunken (10 m galten bisher als normal). Das städtische Wasseramt lässt die Wasserleitungen nur für wenige Stunden täglich laufen. Doch die Anwohner haben einen Ausweg zum Sparen gefunden, zumindest für die Regenzeiten: das Regenwasser wird gesammelt, filtriert und im Rohrsystem für jedes Haus nochmals filtriert.

Wie lebenswichtig und zugleich wie schwierig die Wasserverteilung im großen Maßstab ist, erweist sich in den Verhandlungen mit China und Pakistan über das Wasser von Indus und Brahmaputra. Diese Konflikte kommen zu den alten mit den beiden Nachbarn hinzu, bei denen Grenzverläufe als Anlass für Kriege herhalten mussten. Davon abgesehen, hat sich die indische Demokratrie zumeist aus den kriegerischen Konflikten herausgehalten. Auch die innenpolitische Stabilität ist für die indische Bevölkerung ein kostbares Gut. In der 1947 eilig geschaffenen Republik Indien leben Menschen von ganz unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe. An Tempeln, Moscheen und Kirchen kann jeder erkennen, dass keineswegs alle Inder Hindu-Gläubige sind. Nicht nur der Hinduismus, auch Jainimus und Sikhismus sind auf indischem Boden entstanden, ebenso der Buddhismus, der in Indien hauptsächlich in Sikkim und Ladakh seine Anhänger hat. Durch kriegerische Eroberung breitete sich schon vor bald tausend Jahren der Islam aus und mit ihm die mittelöstliche Formensprache in Architektur und Ornamentik, die im kaiserlichen Grabmal des Taj Mahal ihren Höhepunkt erreichte. Thomas-Christen leben seit dem 1. Jh. in Indien. Unter der Kolonialherrschaft der Portugiesen, Holländer, Franzosen und Briten kamen immer mehr christliche Gläubige in die Kirchen.

Noch immer schwelt der Konflikt um Kaschmir. Der ist so alt wie die Gründung der Bundesstaaten Indien und Pakistan: Politisch hatte Mohammed Ali Jinnah, langjähriger Präsident der indischen Muslimliga, die Spaltung Indiens durchgesetzt. Unterstützung fand er 1947 bei britischen Diplomaten: die entließen Indien aus ihrer Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit, versuchten aber doch, die künftige Großmacht klein zu halten. Die Vermittlung durch die Vereinten Nationen führte zu einem offensichtlich aussichtslosen Patt. Die politisch und praktisch ungelöste Kaschmirfrage trieb Indien und Pakistan mehrmals in den Krieg.

Im neuen Jahrtausend, das die streitenden Nachbarn als Atommächte begrüßte, ist Kaschmir noch immer auf beiden Seiten militärisch besetzt. Übergriffe wurden jedoch jüngst immer seltener. Die Anschläge in Mumbai von 2008, deren Hintermänner von Pakistan aus die Fäden zogen, trübten das indo-pakistanische Verhältnis aufs neue, bei Redaktionsschluss hatte aber eine neuerliche Annäherung der Regierungen eingesetzt. Für den Tourismus nimmt die Sicherheit in dieser wahrhaft großartigen Landschaft allmählich wieder zu.

Die meisten Inder, die heute inmitten von Kolkata auf das Bronzedenkmal der monumental thronenden Queen Victoria blicken, sind viel zu jung, um noch persönliche Erinnerungen an die Kolonialzeit zu haben. Dass sich die Queen zur "Kaiserin von Indien" krönen ließ, ist für die junge Generation ein Ereignis aus grauer Vorzeit. Aber schon ihre Väter empfanden das Bronzedenkmal der Queen nicht als Provokation. Sie haben die neoklassizistischen oder indosarazenischen Regierungsbauten der Briten in Delhi und Mumbai, die alten Markthallen und Villen der Portugiesen in Goa nicht abgerissen, sondern erhalten, so wie sie auch viel vom britischen Verwaltungs- und Rechtssystem übernommen haben - auch das von den Briten installierte Eisenbahnnetz. Noch sechs Jahrzehnte nach dem Erringen der Unabhängigkeit leben viele Familien portugiesischer Herkunft in Indien, und für Hunderttausende von Briten ist Indien ihr bevorzugtes Urlaubsziel.

Im Gegenzug bevorzugen indische Auswanderer, die in ihrer Heimat keine Arbeit finden, englischsprachige Länder. So ist der Anteil indischer Ärzte im Gesundheitswesen der USA enorm hoch, in manchen Regionen liegt er bei bis zu 40 Prozent. Wer allerdings ohne Englischunterricht auf dem Land aufgewachsen und arbeitslos ist, geht meist in die Golfstaaten. Doch die meisten Inder kehren zurück, sobald es geht. Der wirtschaftliche Aufschwung schafft Arbeit in den rasant wachsenden Städten. So leben die Rückkehrer wieder in der vertrauten Hindu-Gesellschaft - zumeist abseits der touristischen Zentren. Dort stehen in den meisten Wohnungen Hausaltäre mit Götterfiguren, und vor der Haustür zeichnen in ländlichen Gebieten oft noch die Frauen mit Reispulver und bunten Farben kunstfertige Muster auf die Straße - jeden Morgen neu. Bunt und laut werden zu Ehren der Götter die Feste gefeiert, die in Indien zahlreich und kaum überschaubar sind. Von diesem Alltagsleben nehmen Urlauber aus aller Welt allerdings nur wenig wahr.

Ist doch allein die Größe des Landes eine Herausforderung! Seine Ausdehnung vom Himalaya im Norden zur südlichen Landspitze misst 3200 km, die vom Westen nach Osten über 3000 km. Das bedeutet keineswegs Menschenleere: In Indien kommen auf den Quadratkilometer im Durchschnitt mehr Menschen (283) als im dicht besiedelten Deutschland (227). Und der so andere Lebensstandard vieler Inder, der sich in unzureichenden Wohnungen, mangelnder Hygiene und Straßenbettelei zeigt, schockiert die Besucher immer wieder und schreckt viele von einer Reise in das aufregende Land ab. Rasantes Bevölkerungswachstum sowie Landflucht erschweren die Durchsetzung staatlicher Reformen. Existenzbedrohendes Elend entsteht dabei in den Städten unter den Kranken und Behinderten, bei den vielen Analphabeten und anderen ausgebeuteten Hilflosen. Die überwiegende Zahl der Inder lebt zwar sehr einfach, hat aber ein bescheidenes Auskommen, sozialen Rückhalt und den festen Willen zum Aufstieg.

Starke Hoffnungen richten sich auf die Frauen. Millionen von gut ausgebildeten Inderinnen üben einen qualifizierten Beruf aus, z. B. als Lehrerinnen, technische Assistentinnen, Angestellte im IT-Bereich oder in der Textilindustrie. Frauen auf dem Land schaffen sich und ihrer Familie mit kleinen Krediten eine Existenz. Dabei gibt es jedoch zwischen den nördlichen und südlichen Gebieten ein deutliches wirtschaftliches Gefälle. Die Hauptursache ist die bessere Schulbildung im Süden, vor allem in Kerala, die dort auch den Mädchen zugute kommt.

Indien hat Fremdherrschaft und große Not ertragen. Ungebrochen ist dennoch der offene, fast überall freundliche Charakter der Völker Indiens, der sich selbst bei denjenigen, die nicht viel besitzen, in selbstverständlich geübter Gastfreundschaft äußert. Man bietet Tee oder eine Frucht an - und will den Gast ansehen, ihm Gutes tun, selbst wenn man mit ihm augrund der Sprachbarrieren nicht sprechen kann. Die Heiterkeit auf indischen Gesichtern ist schon Grund genug für einen Besuch des Landes. Hinzu kommen der Glanz der kräftigen Farben, die Paläste und Ruinen, Tempelpracht und Affenfrechheit, Urwald und Wüste: Indien ist immer das völlig Unerwartete, das gänzlich Andere. Indien wandelt sich täglich - es lohnt, gerade jetzt dorthin zu fahren.

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Eine staubige Piste voller Schlaglöcher diente als Landebahn, als Michael Neumann-Adrian 1966 das Dorf Khajuraho besuchte. Gemeinsam mit Ehefrau Edda veröffentlichte er viele Bücher zu Indien. Der Journalist Gabriel A. Neumann studierte Hindi und die Geschichte des Subkontinents und schreibt heute gemeinsam mit seinen Eltern über Südasien.

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Quelle: www.marcopolo.de

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