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Reiseführer Frankreich:Stichworte

Frankreich zwischen Historie und Moderne – was die Nation bewegt, was sie ausmacht, was sie diskutiert

MARCO POLO Koautorin Andrea Reidt

Architektur

Macht und Architektur gehen in Frankreich Hand in Hand. Es gehört zum guten Ton eines Regenten, sich in Bauwerken zu verewigen. Angefangen hat damit bereits Kaiser Augustus (43 v. Chr.–14 n. Chr.). In Nîmes und an anderen Orten im Süden Frankreichs ließ der Herrscher des römischen Reichs Tempel, Thermen und Arenen errichten. Später machten es ihm die kirchlichen Regenten nach. Ihnen verdankt das Land eine große Anzahl an romanischen Kirchen, allen voran Cluny und die Basilika Saint-Sernin in Toulouse, und später Meisterwerke der Gotik, wie Saint-Denis, Reims und Chartres. Innerhalb von 500 Jahren wurden 141 gotische Kathedralen in Frankreich errichtet.

Der gotische Stil mit seinen Spitzbögen hielt sich bis ins 16. Jh. hinein, um dann von einem regelrechten Bauboom im Stil der Renaissance abgelöst zu werden. Die Schlösser an der Loire wie Azay-le-Rideau oder Chambord, später Fontainebleau, überboten sich gegenseitig an Pracht und Ausstattung. Doch es ging noch monumentaler: Im Klassizismus schuf Ludwig XIV. mit Versailles ein Bauwerk, dass alle anderen Schlösser in den Schatten stellte.

Im 18. Jh. entstanden vor allem Stadthäuser, unter der napoleonischen Herrschaft ziemlich verschnörkelte Empire- und später Rokokobauten. Mit der Dritten Republik übernahmen vom Volk gewählte Präsidenten das architektonische Zepter. Präsident Georges Pompidou initiierte das nach ihm benannte Kunstzentrum, und François Mitterrand war in seiner Bauwut kaum noch zu bremsen. Er ließ die besten Architekten der Welt nach Paris einfliegen: Der Chinese Ieho Ming Pei errichtete die Pyramide im Louvre, der Lateinamerikaner Carlos Ott die neue Oper, der Däne Johann Otto von Spreckelsen die Grande Arche de la Défense, um nur einige zu nennen. Mitterrands Nachfolger Jacques Chirac begnügte sich damit, das Musée du Quai Branly von Jean Nouvel zu vollenden. Nicolas Sarkozy seinerseits hat hochfliegende Pläne für eine Welthauptstadt Grand Paris.

Banlieue

Der Begriff, der wörtlich übersetzt „Ort des Banns“ bedeutet, bezeichnet die armen Vorstädte in Frankreich. Die Entstehung dieser quartiers sensibles setzte in den 1950er-Jahren ein, als Frankreich peu à peu seine nordafrikanischen Kolonien verlor und die vertriebenen Franzosen zurück ins Heimatland strömten. Zu ihnen gesellten sich dann später, in den 1970er-Jahren, viele Immigranten. Frankreich hat die höchste Gesamtzahl an Einwanderern in Europa – etwa 5 Mio. Menschen kamen seit 1948 ins Land. Um der heranströmenden Bevölkerung Herr zu werden, zogen die Großstadtverwaltungen im Umkreis massenweise Sozialwohnungen in Plattenbauweise hoch, was zu einer Gettoisierung der Vorstädte führte. Zu trauriger Berühmtheit gelangten die Banlieues, als es im Oktober 2005, bedingt durch den Tod zweier Jugendlicher, die vor der Polizei auf ein Starkstromgelände geflohen waren, zu Unruhen kam. Über Wochen hinweg brannten Autos in den Vorstädten; vor allem die jugendliche Bevölkerung lieferte sich einen erbitterten Kampf mit den Ordnungshütern. Die Ausschreitungen waren die schlimmsten seit den Studentenunruhen im Jahr 1968. An der prekären Lage der Banlieuebewohner, die allein wegen ihrer „schlechten“ Adresse oft keinen Job bekommen und damit keine Zukunftschancen haben, hat sich dadurch jedoch kaum etwas geändert.

Bevölkerung

Frankreich hat seine Bevölkerung in zwei Jahrhunderten verdoppelt. 64,6 Mio. zählt die Nation (einschließlich der Regionen in Übersee). Nach Deutschland hat Frankreich damit die zweithöchste Einwohnerzahl in der EU (13 Prozent). Die Lebenserwartung liegt bei 84,5 Jahren für Frauen und bei 77,8 Jahren für Männer (in Deutschland 82,5 und 77,3). Mit einer Geburtenrate von 2 Kindern pro Frau liegt das Land mit Irland und Großbritannien an der Spitze. 53 Prozent der Kinder werden nichtehelich geboren. Im Land der liberté entscheiden sich viele für eine eingetragene Lebenspartnerschaft, die im Gegensatz zu Deutschland seit 1999 auch für heterosexuelle Paare erlaubt ist. Der „zivile Solidaritätspakt“ PACS als dritter Weg zwischen Ehe und freier Liebe ist bei jungen Paaren so beliebt geworden, dass mittlerweile auf drei Hochzeiten zwei frisch „gepacste“ Paare kommen. PACS-Partner sind Eheleuten weitgehend gleichgestellt, sie können sogar Familienrabatte in Anspruch nehmen. Eine Trennung geht rasch: Die gesetzliche Kündigungsfrist von drei Monaten kommt der Auflösung eines Mietvertrags gleich.

Dom-rom & Frankofonie

Vier französische Überseegebiete aus ehemaliger Kolonialzeit genießen seit 1946 den Status von Départements: Guadeloupe, Französisch-Guayana, Martinique, La Réunion. 2011 feierte Frankreich mit der Komoreninsel Mayotte die Aufnahme des 101. Départements. Die Überseeregionen werden von den abkürzungsfreudigen Franzosen liebevoll und stolz DOM-ROM genannt: Départements et Régions Outre-Mer. Etwa 160 bis 200 Mio. Menschen in der Welt sprechen Französisch als Mutter- oder Alltagssprache, nur 44 Prozent davon leben in Europa, vor allem in Frankreich, Belgien, Luxemburg und der Schweiz, 46 Prozent in Afrika, vor allem in den Maghreb-Staaten, aber auch südlich der Sahara. In vielen internationalen Organisationen wie Uno, Unesco, Europarat ist Französisch eine der Arbeitssprachen, der Europäische Gerichtshof verhandelt ausschließlich en français. In Deutschland dagegen sinkt das Interesse: Nur noch 2 Prozent der Deutschen können fließend Französisch sprechen. 19 Prozent der Schüler erlernen die Sprache des westlichen Nachbarn, wobei der bilinguale Unterricht beliebter wird.

Korsika

Eine gewisse Sonderstellung nimmt auch die Insel Korsika (300 000 Ew.) ein. Die „Insel der Schönheit“, wie sie gern genannt wird, ist das viertgrößte Eiland im Mittelmeer. Sie verfügt über 1000 km Küste, schneeweiße Strände, raues Gebirge, pittoreske Orte und einen der schwierigsten Wanderwege des Landes, den berühmten GR 20. Die Bewohner sind stolz, fühlen sich nicht als Franzosen, sondern als Korsen. Unabhängigkeitsbestrebungen gab es immer, inzwischen ist es aber um die separatistische Bewegung FLNC recht ruhig geworden. Die Insel ist in zwei Departements verwaltungstechnisch aufgeteilt: Ajaccio, die Geburtsstadt Napoleons, ist Hauptstadt von Corse-du-Sud und Bastia, die Business-Zentrale der Insel, die Hauptstadt von Haute-Corse. Über die Insel informiert ausführlich der MARCO POLO Band „Korsika“.

Mode

Die Mode- und Textilindustrie hat in Frankreich immer eine große Rolle gespielt. Bayeux ist für seine Spitze, Lyon für seine Seide bekannt. Zentrum der Mode ist jedoch heute wie früher Paris. Hier erfand der Engländer Charles Frederick Worth 1857 die Haute Couture, aus der in den 1960er-Jahren die Prêt-à-Porter-Mode hervorging. Viele altehrwürdige Unternehmen wie Chanel, Dior oder Givenchy geben noch heute den Ton an. In den vergangenen Jahren schafften es auch in Vergessenheit geratene Firmen wie Lanvin, Balenciaga oder Nina Ricci durch junge Designer, an alte Erfolge anzuknüpfen.

Regionen

Vor der Französischen Revolution von 1789 war Frankreich in 30 Provinzen gegliedert. Damals entstand eine neue Verwaltungsstruktur mit heute 96 Départements. Die Provinznamen der vorrevolutionären Monarchie überlebten teilweise in den Regionen – zum Beispiel Aquitanien, Auvergne, Bretagne, Burgund, Elsass oder Lothringen. Sie bieten Reisenden eine nützliche geografische Orientierung. Es gibt 22 Regionen einschließlich Korsika ohne die Überseegebiete.

Manche der beliebten Tourismusgebiete verstecken sich allerdings in Wortungetümen, so etwa die in einen Namen gepferchte Region Provence-Alpes-Côte-d’Azur. Und ganz logisch ist die Aufteilung auch nicht immer zu entschlüsseln, wie es etwa am Beispiel des Périgord zu sehen ist: Der frühere Grafschaftsname bezeichnet heute eine Landschaft, keine Region.

Religion

Frankreich ist ein laizistischer Staat. Das bedeutet, dass Staat und Religionsgemeinschaften vollkommen voneinander getrennt sind. Auf den Laizismus wird großen Wert gelegt, Religion ist Privatsache. Deswegen gibt es auch keine staatlichen Erhebungen über Religionszugehörigkeiten und in staatlichen Schulen keinen Religionsunterricht. Die veröffentlichen Statistiken variieren stark, jedoch geht man davon aus, dass die Mehrheit, konkret 62 Prozent, katholischen Glaubens ist. Der Islam ist zweitstärkste Religion in Frankreich.

Sommerpause

Das Jahr in Frankreich ist inoffiziell in die Zeit vor und nach der Sommerpause eingeteilt. Mitte Juli bis Mitte August ruht in den meisten Büros die Arbeit, in den Großstädten sind viele Geschäfte geschlossen. Das „normale“ Leben hält erst in der ersten Septemberwoche wieder Einzug. Diese Zeit wird als la rentrée (die Rückkehr) bezeichnet. Das Wort orientiert sich an der Rückkehr der Schulklassen, wird inzwischen jedoch weiter gefasst. Denn parallel zur rentrée verschreibt sich das Land einer kulturellen Rundumerneuerung, die mit der Vorstellung neuer Filme, Bücher, Mode usw. einhergeht. In den Ferienorten an den Küsten findet diese Sommerpause nicht statt. Im Hinterland kann es jedoch passieren, dass man vor verschlossenen Restauranttüren steht.

Wein und AOC

Der Schlüssel zum Verstehen der französischen Weinkultur ist die AOC: Appellation d'Origine Contrôlée . Die französische Weinphilosophie unterscheidet sich von der deutschen, weil sie nicht nach Rebsorten (wie Riesling, Silvaner, Müller-Thurgau) als Qualitätskriterium ausgeht, sondern den terroir, also das Gebiet heraushebt. Das Siegel AOC steht für das Zusammenspiel von Boden, Klima und traditionelle Methoden des Weinanbaus, des speziellen savoir-faire, das den Winzern in einem AOC-Gebiet Herstellungstechniken, Höchstmengen und Sorten vorschreibt. Allein im Raum Bordeaux gibt es 37 AOCs. Rund die Hälfte der französischen Weinlese, über 350 Wein-, Cidre- und Rumsorten tragen das AOC-Siegel. Auch Champagner, Cognac und Calvados sind AOC-geprüft.

Das AOC-Prinzip gilt auch für 46 Käsesorten und andere Lebensmittel, zum Beispiel das Poulet de Bresse, ein hochwertiges Hühnchen. Der Roquefort, Schafskäse aus dem Zentralmassiv, erhielt als erster Käse 1925 das AOC-Gütesiegel. Weitere Informationen zur AOC und Hilfe bei der Weinwahl finden Sie unter www.inao.gouv.fr und www.guideduvin.com.

Wirtschaft

In Frankreich waren bis vor wenigen Jahren sehr viele Großbetriebe noch in staatlicher Hand. Man sprach deshalb auch von einer gelenkten Volkswirtschaft. Jedoch wurde, wie auch in Deutschland, zunehmend privatisiert und auch dereguliert. Frankreich ist die zweitgrößte Industrienation in Europa und die fünftgrößte Wirtschafts- und Atommacht der Welt, größter Flächenstaat der EU. Das Hexagon wird weltweit von den meisten Touristen besucht (86 Mio. im Jahr 2010) und ist der zweitgrößte Exporteur von landwirtschaftlichen Produkten in die USA. Wichtige Branchen sind Lebensmittel, Automobil, Baugewerbe und Energie. Zahlenmäßig geringer, aber bedeutend im Außenhandel ist die Mode-, Parfüm- und vor allem die Luxusartikelindustrie, bei der Frankreich als wichtigster Exporteur weltweit gilt.

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Die Wiesbadener Journalistin Andrea Reidt besuchte als Kind fünf Jahre eine Schule in Nordfrankreich. Studium, Ausbildung und Beruf führten sie nach Paris, in die Auvergne, Normandie, ins Burgund und Languedoc. Familie, Freunde und Frankophilie regen sie oft an, neue französische Regionen zu erkunden und ihre Lieblingsorte von Lille bis Toulouse aufzusuchen.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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