Von Moritz Koch, New York

Die Kreditkarte wird für viele zu einem wertlosen Stück Plastik: Immer mehr Amerikaner können ihre Kreditkartenschulden nicht begleichen.

Der gerade gekürte Nobelpreisträger Paul Krugman nennt es die Kapitulation der Konsumenten. Die Ausgaben der amerikanischen Verbraucher sind zwischen Anfang Juli und Ende September so stark gesunken wie seit den 1980er Jahren nicht mehr.

Die Experten sind sich einig: Der Abschwung hat gerade erst begonnen. Die Banken werden die Bürger dazu zwingen, sich noch weiter zu beschränken. Schon beschneiden sie das Lieblingsfinanzierungsmittel der Konsumenten.

"Schärfste Waffe der Amerikaner"

Die Kreditkarte, bisher die schärfste Waffe der Amerikaner im Kampf um einen höheren Lebensstandard, wird für viele zu einem wertlosen Stück Plastik.

Die Banken handeln aus Furcht. Noch immer können sie die Verluste aus der geplatzten Spekulationsblase am Immobilienmarkt nicht bemessen. Die Kapitaldecke der meisten Banken ist bedrohlich dünn. Neue Ausfälle würden die Institute kaum verkraften.

Meldungen, wonach immer mehr Amerikaner ihre Kreditkartenschulden nicht begleichen, haben die Finanzbranche alarmiert. Etwa 900 Milliarden Dollar beträgt die Summe der ausstehenden Kredite.

Rund 5,5 Prozent davon sind faul und selbst optimistischen Prognosen zufolge werden es schon bald mehr als sieben Prozent sein. Das Problem: Anders als Hypotheken sind Kreditkartenschulden nicht mit Vermögen besichert. Jeder Ausfall bedeutet einen Totalverlust.

(Foto: AP)

Kreditkarten haben in Amerika eine andere Funktion als in Europa, wo sie meist als Zahlungsmittel eingesetzt und Ausgaben direkt vom Konto abgebucht werden. In den USA sind Kreditkarten ein Mittel der Verschuldung. Was heute gekauft wird, kann später in Raten abbezahlt werden. Der Markt wird von Visa, Mastercard und American Express beherrscht.

Bei Visa und Mastercard sind die Banken in der Pflicht, wenn Schulden nicht bedient werden. American Express trägt das Risiko dagegen selbst - und stöhnt unter dieser Last. Erst vor wenigen Tagen verkündete der Finanzkonzern, eine Geschäftsbank werden zu wollen, um besseren Zugang zur Zentralbank zu erhalten. Außerdem will American Express den 700-Milliarden-Dollar-Fonds zur Stabilisierung des Finanzsystems anzapfen.

50 Milliarden Dollar für Konsumentenkredite

Am Mittwoch signalisierte Finanzminister Henry Paulson seine Zustimmung. Zudem will die Regierung 50 Milliarden Dollar in ein neues Programm investieren, das die Vergabe von Konsumentenkrediten stimulieren soll.

Anders weiß sich Washington nicht mehr zu helfen. Der private Konsum ist der Motor der US-Wirtschaft. Gerade jetzt braucht das Land seine Verbraucher. Doch die Banken scheuen jedes Risiko.

Selbst wer seine Rechnungen stets pünktlich beglichen hat, muss vielfach hinnehmen, dass sein Kreditrahmen kleiner wird. Konsumenten, die schon einmal in Zahlungsschwierigkeiten steckten, bekommen oftmals gar keine Kredite mehr.

27,44 €   -0,060   -0,21%  

Nicht viel besser stehen die Chancen für jene, die in Gegenden wohnen, in denen die Immobilienpreise stark gefallen sind. Denn dort ist das Pleiterisiko besonders hoch.

Die Furcht der Gläubiger beendet einen Kaufrausch, der kein Ende zu kennen schien. Seit Anfang der 1990er Jahre stieg der Konsum in den USA ohne Unterbrechung. Selbst während der Rezession, in die das Land nach den Terrorangriffen des 11. September 2001 rauschte, marschierten die Bürger tapfer in die Läden, angetrieben von Präsident George W. Bush, der das Shopping zur patriotischen Pflicht erklärt hatte.

Doch in Zeiten stagnierender Löhne mussten der Neuwagen, das Heimkino und die Urlaubsreise nach Mexiko auf Pump finanziert werden. Warum auch nicht? Kredite waren günstig und für jeden zu haben.

Viele Haushalte konnten sich vor der Flut an Kreditkarten-Angeboten kaum retten. Fast wöchentlich flatterte Werbung in die Briefkästen, versprach günstige Zinsen und großzügige Boni. Wer fleißig mit Karte zahlte, konnte Rabattpunkte und Flugmeilen sammeln. Von solchen Lockangeboten verführt, gaben Zehntausende Familien jahrelang wie selbstverständlich mehr aus, als sie verdienten.

Relativ zum Vermögen blieb der Schuldenstand ja konstant: In Zeiten des Aufschwungs stieg auch der Wert ihrer Häuser und ihres Aktiendepots. Wie riskant es war, so zu wirtschaften, merkten die Amerikaner erst, als die Spekulationsblase am Immobilienmarkt platzte und die Aktienkurse in die Tiefe stürzten.

Aus den Nöten der Schuldner sind nun die Probleme der Gläubiger geworden. Wie Hypotheken wurden auch Kreditkartenschulden zu Finanzkonstrukten verschnürt und als Wertpapiere in alle Welt verkauft - auch nach Deutschland.

Ob sich die Krise zu einem zweiten Kredit-Tsunami auswächst, dem eine neue Pleitewelle in der Finanzwelt folgen wird, ist gegenwärtig kaum abzuschätzen. Alles hängt davon ab, wie stark im kommenden Jahr die Arbeitslosigkeit in Amerika steigt und wie viele Konsumenten noch kapitulieren müssen.

(SZ vom 14.11.2008/hgn)

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Leserkommentare (28)



25.11.2008 13:56:54

Hardy1974: @Tinus77

Das Geld, welches Amerika mit vollen Händen (unter anderem) für F+E ausgibt ist nur geliehen - und das seit Jahrzehnten. Woher sonst Schulden von 50 Billionen $, woher sonst 700 Milliarden Außenhandelsdefizit pro Jahr?

Mit Geld kann ich alles kaufen: F+E, Nobelpreise, sogar kurzzeitig Wohlstand (Häuser). Aber irgendwann merkt man: Schulden sind vorgezogener Konsum. In dieser Phase ist Amerika jetzt.


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