Auf die Geschichte kommt es heutzutage an, anders lässt sich die Inflation an Sportdokumentationen nicht erklären. Es wird auch eine Doku über die deutschen Basketball-Brüder Franz und Moritz Wagner geben; der Dirk-Nowitzki-Biograf Thomas Pletzinger begleitet sie seit der WM auf den Philippinen im vergangenen Sommer, als das deutsche Team überraschend den Titel gewonnen hatte. Pletzinger arbeitet derzeit am Schlussteil des Werks, doch dessen Ton wird durchaus davon abhängen, wie die Playoffs der Profiliga NBA und damit auch die Saison der Wagner-Brüder bei den Orlando Magic noch verlaufen werden.
Der Abschnitt über Spiel drei (und auch Spiel vier, das Orlando ebenso deutlich gewann) der ersten Playoff-Runde könnte den Titel "Offensivfeuerwerk nach zwei Rohrkrepierern" tragen. 121 Punkte erzielte Orlando am Donnerstagabend in heimischer Halle, nachdem es in den ersten beiden Partien 83 und 86 gewesen waren. Bei einer Niederlage hätte der Titel lauten können: "Noch eine Niederlage und die Orlando Magic scheitern ohne Sieg." So schnell geht das in den NBA-Playoffs, eine Partie kann die komplette Geschichte ändern.

Playoffs in der NBA:Sonderlob von Shaq
In den Playoffs kommt es gleich zum deutschen Duell. Doch während Maxi Kleber bei den Dallas Mavericks überzeugt und seinen Trainer zu Luftsprüngen animiert, hat Daniel Theis von den Clippers bislang keine Minute gespielt.
Natürlich will Orlando den Titel in der NBA gewinnen; die Protagonisten wissen aber, dass diese Saison dafür noch zu früh kommen dürfte. Auf dem Weg würde es allerdings helfen, wenn das Team möglichst viele knallharte Playoff-Partien bestreitet, Erfahrung und Härte sammelt, die ihm später noch nützlich sein wird. Die intensive Serie gegen Cleveland (und bei Erfolg noch eine gegen New York oder Philadelphia) ist genau das, was Trainer Jamahl Mosley aktuell will für sein Team. "Die Intensität ist anders in den Playoffs. Ich will, dass wir das erleben, daraus lernen und dann mithalten", sagte Mosley, der seinen Vertrag kürzlich bis 2028 verlängert hat - auch das ein Hinweis darauf, dass sie sich auf dem richtigen Weg wähnen in Orlando. Die Entwicklung von Spielkultur und Identität ist Mosley mindestens so wichtig wie der Erfolg in der Gegenwart.
Es heißt oft, dass Moritz der Wilde sei; Franz dagegen der Nachdenkliche
Orlando hatte in der regulären Saison lange auf einen Platz unter den ersten Vier gehofft und damit aufs Heimrecht bei der ersten Playoff-Teilnahme seit 2019. Es hatte einiges auf ein Duell gegen die New York Knicks gedeutet, wo der deutsche Center Isaiah Hartenstein eine grandiose Saison hinlegt. Die Knicks führen nach der 114:125-Niederlage nur noch 2:1 gegen die Philadelphia 76ers, Hartenstein schaffte bislang zehn Punkte und 7,5 Rebounds pro Spiel in den Playoffs. Doch Orlando wurde am Ende Fünfter, das bedeutete: Es geht gegen die Cavaliers, die ersten beiden Spiele auswärts im US-Bundesstaat Ohio.
Die Wagner-Brüder haben am College für die University of Michigan gespielt, die ist in Ohio etwa so verhasst wie die Fußballer von Borussia Dortmund auf Schalke. Die ersten Partien wurden zu einem ohrenbetäubenden Konzert aus Buhrufen und Pfiffen, wann immer ein Wagner den Ball berührte - das einstimmige Urteil danach: Fantastisch, wie die beiden damit umgegangen sind, jeder auf seine Weise.
"Als Kinder haben sie je ihre Nische besetzt, heute ist das nicht mehr nötig. Beide sind auf ihre Art krass emotional und smart", sagte Mutter Beate. Sie hat ein Buch über die Söhne und die Rolle der Eltern von Talenten geschrieben. Es heißt "Glanz in ihren Augen", darin steht geschrieben, dass ihre Jungs viel mehr Ähnlichkeit haben als angenommen. Es heißt oft, dass Moritz der Wilde und Emotionale sei; Franz dagegen der Nachdenkliche und Strategische. "Ich will dem entgegenwirken", sagte die Mama.
Was genau das bedeutet, war in dieser dritten Partie gegen Cleveland zu beobachten. Natürlich ist Franz das große Talent, das Orlando 2021 an achter Stelle des Jahrgangs gewählt hat in der Hoffnung, dass er das Team mittelfristig zum Titelkandidaten machen würde. Franz kann aber nicht nur treffen (21,5 Punkte pro Playoff-Partie bislang, nachdem er in Spiel vier sogar 34 Zähler schaffte) und das Feld wie ein Schachspieler betrachten, sondern auch ordentlich austeilen und einstecken. Immer wieder zog er am Donnerstag mutig zum Korb, er dürfte mehr blaue Flecken als Punkte (16) gesammelt haben - doch er tat dies keineswegs blind: Wagner vereinte bisweilen drei Gegenspieler auf sich und hatte dennoch den Blick für die Kollegen: 19 Punkte erzielte Orlando nach Franz-Pässen.
"Oft die richtige Entscheidung treffen, die einfache Entscheidung", nannte er das. Und so wie Moritz die Kollegen oft mit körperlichen Aktionen wie Schulterklopfen, Schütteln oder auch mal Muskelanspannen hochzieht, tut Franz das mit Worten: "Die Jungs haben phänomenal getroffen; da ist es natürlich einfach, Assists zu sammeln."
Moritz Wagner legt sich gerne mit den gegnerischen Zuschauern an
Moritz ist der, dem es geradezu diebische Freude bereitet, sich mit Gegenspielern und gegnerischen Fans anzulegen. In den ersten zwei Spielen tat er beides und wurde dafür von einer Zuschauerin getreten - er zieht daraus Energie. Moritz Wagner hatte in der regulären Saison Bestwerte bei Punkten (10,8 pro Partie) und Trefferquote (60,1 Prozent) hingelegt, dazu die viertmeisten Rebounds und sechstmeisten Punkte aller NBA-Profis, die zu Beginn von Partien auf der Ersatzbank sitzen. Wie er das macht, das war ebenfalls in Spiel drei zu sehen: Er pflückte sechs Rebounds nicht, weil er Gegner wegräumte, sondern sich strategisch positionierte. Er besitzt "Basketball-IQ", wie es so schön heißt, und Moritz zeigt gerade, dass seiner ähnlich hoch ist wie der seines Bruders. Er ist also viel mehr als nur ein emotionaler Anführer.
"Manchmal läuft es nicht, wie man will. Manchmal fallen die Würfe nicht", sagte Franz über die beiden Spiele zu Beginn der Serie: "Heute sind sie gefallen, auch mal gegen zwei Gegenspieler. Wichtig ist aber: Die Intensität war auch in den ersten Spielen da, die Mentalität, die positive Einstellung. Das müssen wir für Samstag und den Rest der Serie mitnehmen." Heißt: Die Geschichte dieser Magic-Saison, die der Gebrüder Wagner, ist noch nicht zu Ende erzählt.

