Von Klaus Brill

Tschechien erlebt die schlimmsten rechtsradikalen Ausschreitungen seit Jahren. Erstmals kam es nun in der Stadt Litvinov zu schweren Schlägereien mit der Polizei.

Litvinov, Tschechien, ReutersGrossbild

Polizisten und Rechtsradikale prallten in Litvinov aufeinander. (Foto: Reuters)

Nach einer Serie provokanter Auftritte in verschiedenen Städten haben tschechische Rechtsextremisten sich jetzt erstmals schwere Schlägereien mit der Polizei geliefert. Dabei wurden in der nordböhmischen Stadt Litvinov zehn Polizisten und sechs Zivilpersonen so schwer verletzt, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten, wie die Behörden in Litvinov am Dienstag mitteilten.

Außerdem richteten die etwa 500 Rechtsradikalen, die von der Polizei am Marsch durch ein von Roma bewohntes Viertel gehindert wurden, große Sachschäden an.

Zuletzt wurden solch schwere Zusammenstöße in Tschechien im Jahr 2000 registriert, als Zehntausende Globalisierungskritiker in Prag gegen eine Konferenz der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds demonstrierten.

Die neuen Gewalttaten waren der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Reihe provokanter Manifestationen, mit denen rassistische Organisationen wie die Arbeiter-Partei oder die Nationale Partei auf sich aufmerksam gemacht hatten.

Hetzreden gegen Roma

In verschiedenen Städten waren ihre Anhänger in schwarzer Kleidung aufmarschiert, unter anderem auch im Jüdischen Viertel von Prag. Mehrfach hatten sie dabei auch Hetzreden gegen die etwa 150.000 bis 200.000 im Lande lebenden Roma gehalten, so zum wiederholten Male jetzt auch in der 27.000 Einwohner zählenden Stadt Litvinov, die auf deutsch Oberleutensdorf genannt wird.

Nach Berichten der Polizei und der Presse marschierten die etwa 500 Rechtsradikalen zunächst am Montag im Zentrum von Litvinov auf und nahmen nach einer Kundgebung Kurs auf die Siedlung Janov, die von Roma bewohnt wird. Dabei stellten sich ihnen etwa 1000 Polizisten in Kampfausrüstung mit Helmen, Schlagstöcken und Schilden entgegen. Es wurden auch berittene Beamte, Wasserwerfer, Tränengas und ein Hubschrauber eingesetzt.

Die Angreifer warfen Pflastersteine und setzten mit Molotow-Cocktails ein größeres Polizeiauto in Brand, das vollständig ausbrannte. Außerdem beschädigten sie weitere Fahrzeuge. Ein junger Rechtsextremer erlitt bei einer Explosion schwere Verletzungen, ebenso wie er musste auch eine Zuschauerin, die sich einen Knochenbruch zuzog, stationär im Krankenhaus behandelt werden. 300 weitere Extremisten wurden auf dem Bahnhof der benachbarten Stadt Most von der Polizei blockiert.

30 rassistisch motivierte Morde

Immer stärker rücken auf diese Weise in Tschechien die Umtriebe rechtsradikaler Splittergruppen in den Blick, gegen die es nach Auffassung von Experten keine wirksame politische Gegenstrategie gibt. Der Wissenschaftler Ondrej Cakl, ein Spezialist für diese Fragen, verlangte unlängst auf einer Fachkonferenz, es müsse untersucht werden, warum rechtsextreme Ideen unter jungen Tschechen so populär seien.

Nach seinen Angaben sind in Tschechien seit dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 etwa 30 rassistisch und ethnisch motivierte Morde begangen worden. Damit sei Tschechien, gemessen an der Einwohnerzahl von zehn Millionen, in Europa nach Deutschland das Land, in dem regelmäßig solche Gewalttaten vorkommen. Tschechische Rechtsradikale arbeiten offenbar mit deutschen und slowakischen Neonazis zusammen. 2007 waren 26 Aufmärsche, Demonstrationen oder rechtsradikale Konzerte registriert worden.

(SZ vom 19.11.2008/bica)

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Leserkommentare (6)



20.11.2008 09:25:58

UweStucken: Das Thema ist nicht mehr auf der Frontpage

daher nur noch von minderem Interesse. Um die Sache für heute abzuschließen, mal eine kurze Sachverhaltsbeschreibung.

Zu sozialistischen Zeiten war die tschechische Regierung mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet und wollte damit die Romafrage ein für alle mal aus der Welt schaffen. NEIN, nicht was Sie denken. Im Gegenteil. Basis der sozialistische/materialistischen Ideologie ist bekanntlich „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“. Davon ausgehend hat die Regierung entschieden, dass die elenden Lebensbedingungen der Roma in der Vorzeit der Grund allen Übels ist.

Also wurden die materiellen Lebensbedingungen der Roma diktatorisch verbessert. In den 60ern wurden allen Zigeunern Neubauwohnungen zugewiesen. Das war ein Schlag ins Gesicht von Vaclav-Normalverbraucher, der jahrelang auf eine Wohnung warten musste und am Ende vielfach doch nur mit einen Rattenloch abgespeist wurde.

Aber in der Diktatur gibt´s keinen Widerspruch. Und außerdem, davon war die Regierung überzeugt, wird die gute Tat Früchte tragen.

Ein typischer Fall von denkste. Nichts hat sich geändert. Anstatt Früchte zu sehen wurden die Tschechen Zeugen einer unvorstellbaren Barbarei. Die Roma haben die Wohnungen ausgeschlachtet bis zum letzten und die Teile verhökert; sogar die Kabel haben die aus den Wänden gerissen; kein Witz.

Das ist der Hintergrund, vor dem sich die vordergründigen Ereignisse abspielen. Habe ich übrigens schon mal gepostet. Und die SZ wird (in schlechter Tradition) diese Wahrheit wohl auch in Zukunft unterdrücken. Oder sollte uns die Praxis eines besseren belehren?


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