Wolfgang Clement hat gerne das letzte Wort. Wohl auch deshalb kehrt er nun der SPD den Rücken. Und: Als Nichtmehrmitglied darf er über die SPD nun alle nur erdenklichen Bösartigkeiten sagen - aber ob die noch so interessant sind?
Wolfgang Clement, 38 Jahre Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Foto: ddp
Das meistgedruckte Gedicht Deutschlands stammt von Hans Carossa. Seit den sechziger Jahren ist es auf den meisten Sterbebildern abgedruckt, auch in Todesanzeigen liest man es oft: "Was einer ist, was einer war, beim Scheiden wird es offenbar."
Dieser schöne Spruch gilt nicht nur, wenn einer aus dem Leben scheidet; er passt auch ganz gut, wenn eine Beziehung zu Ende geht.
Beim Ex-Minister Wolfgang Clement ist es die Beziehung zwischen ihm und seiner Partei, die zu Ende geht. Clement tritt aus der Partei aus, weil ihm die Schiedskommission seiner Partei eine Rüge erteilt hat.
Das war eigentlich eine milde Reaktion auf Clements Aufforderung, nicht Ypsilanti und die hessische SPD zu wählen. Aber Clement gehört zu den Menschen, die zwar gut austeilen, aber gar nicht einstecken können.
Sein Nichtwahl-Aufruf war, wenn man so will, der Auftakt zum roten Hessen-Schlamassel. Clement war natürlich nicht der Grund dafür, Ypsilanti hat sich schon selber in den Sumpf geritten.
Sogar Schily akzeptierte die Rüge
Aber: Parteischädigend war das Verhalten Clements gleichwohl, und das ist natürlich ein Ausschlussgrund. Ein Ausdruck von Gelassenheit und Großzügigkeit ist ein Parteiausschluss aber nicht.
Und so war eine "Rüge" durch das unabhängige Parteigericht eine salomonische Lösung - die auch Otto Schily, Clements Rechtsvertreter, akzeptiert hat. Und das will etwas heißen.
Aber auch König Salomon, der der salomonischen Lösung seinen Namen gab, täte sich schwer mit der unerbittlichen Klugschnackerei, Wichtigtuerei und Besserwisserei des Wolfgang Clement.
Clement ist einer, der es nicht erträgt, wenn er nicht das letzte Wort hat. Sicherlich: Rechthaberei gehört zur Politik. Unerträgliche Rechthaberei gehört zur Spitzenpolitik. Sie ist das Kennzeichen der meisten politischen Memoiren.
Clement aber schreibt nicht Erinnerungen (vielleicht sollte er das), sondern er will Politik machen - und zwar gegen seine bisherige Partei. Wenn man das macht, dann muss man einen Rüffel schon in Kauf nehmen.
Andere sind dafür aus der Partei hinausgeworfen worden: Detlev von Larcher zum Beispiel, ein Protagonist des linken Parteiflügels. Larcher wie Clement haben, mehr oder weniger unverblümt, zur Wahl einer anderen Partei aufgefordert: Clement zur Wahl der CDU, Larcher zur Wahl der Linkspartei.
Wie ein Kardinal, der für die Pilgerfahrt nach Mekka wirbt
Das ist fast so, als würde der Kardinal von Köln für die Hadsch werben, ein Skandal also. Clement wurde nur gerügt, Larcher ausgeschlossen. Aber auch die Rüge war Clement zu viel.
Bei ihm addieren sich leider die unangenehmen Eigenschaften dreier politischer Altersgruppen: Nämlich erstens die Präpotenz von vielen jungen Politikern. Zweitens der Starrsinn von vielen alten Politikern. Drittens die Besserwisserei der politischen Aktivitas.
Das führt bei ihm dazu, seinen Fehler für ein Ruhmesblatt zu halten. Das führt auch dazu, dass Clement Einsicht und eine kleine Entschuldigung anschließend gleich wieder für eine Schwäche hält und gleich noch ein paar Unsolidaritäten nachliefert.
Ein gewaltiger Rechthaber
Als Nichtmehrmitglied hat Clement nun alle Freiheiten, über die SPD, ihre Politik und die Parteiführung alle nur erdenklichen Bösartigkeiten zu sagen; aber vielleicht sind diese nun nicht mehr ganz so interessant.
Clement ist nicht der erste ehemalige SPD-Wirtschaftsminister, der die Partei verlässt. Das hat schon Karl Schiller, zuletzt Wirtschaftsminister im Kabinett Willy Brandt, getan, weil ihm die Linie der Partei nicht mehr passte.
Schiller trat, freilich schon bevor er für die CDU zu werben begann, aus der SPD aus - ohne dass er es zuvor auf eine Rüge hätte ankommen lassen. Ein paar Jahre später klopfte er wieder in der SPD an - und Brandt nahm ihn wieder in der Partei auf, als einen schon gealterten verlorenen Sohn. Bei Clement ist das wohl nicht zu erwarten.
Was einer ist, was einer war ... Clement ist ein gewaltiger Rechthaber. In den Zeiten, in denen einer Amt und Würden hat, wird das gern für Führungsstärke gehalten; bei dem Minister Clement war es auch so. Als Rechthaber ist er noch weit besser, als er als Wirtschaftsminister je war.
Seine Partei hatte eine weise Entscheidung getroffen, als sie ihn nur rügte und nicht relegierte. Man wünscht Wolfgang Clement, dass ihn so viel Weisheit auch noch erreicht.
(sueddeutsche.de/odg/bica)











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