vgwort

Von J. A. Heyer

Sie bestimmt jeden Aspekt des israelischen Lebens, sagt Avraham Burg - und meint die Massenvernichtung der Juden durch die Nazis. Deshalb sei die israelische Gesellschaft so grausam. Ein Treffen.

Avraham Burg, afpGrossbild

Israel sei wie ein missbrauchtes Kind, das zu einem gewalttätigen Vater wird, sagt Avrum Burg, ehemaliger Knesset-Sprecher, über sein Land. (Foto: afp)

Avraham Burg ist ein einnehmender Mann. Er ist ein brillianter Rhetoriker, ist klug, witzig und, wenn er das möchte, sehr charmant. Burg, 54, ist der derzeit schärfste Kritiker seines Landes; sein Buch "Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich von Holocaust lösen muss" ist vor kurzem auf Deutsch erschienen.

Jetzt sitzt Burg im Speisesaal eines Münchner Hotels; es heißt "Marienbad" und hat tatsächlich etwas von Resnais’scher Kulisse. Vor ihm piepst das Blackberry, hinter ihm hängt ein schwergerahmtes Alpenpanorama; es ist düster, andere Gäste sieht man nicht.

Nein, sagt Avraham Burg, er sehe nicht, dass sich die Situation in Israel in den vergangenen zwei Jahren, seit sein Buch dort erschienen ist, verändert habe. Die neue Regierung unter Benjamin "Bibi" Netanjahu habe sicherlich nichts besser gemacht. Eigentlich, das merkt man schnell, möchte er nicht über Politik reden: Das habe er hinter sich, sagt der große, kahlköpfige Mann.

In seinem Buch vergleicht Burg das Israel der Gegenwart mit dem Vorkriegsdeutschland der Weimarer Republik. Der Judenstaat, schreibt er, sei zu einem "Zionistischen Ghetto" geworden, innerhalb der israelischen Gesellschaft herrsche "Bunkermentalität". Oder auch einfach: Rassismus. Israel sei wie ein missbrauchtes Kind, das zu einem gewalttätigen Vater geworden ist. Schuld daran habe nicht zuletzt die "überkommene Idee des Zionismus". Ein jüdisch definierter Staat könne keine Demokratie sein, sagt Avraham Burg. Und geht noch weiter: Das Rückkehrrecht eines jeden Juden müsse überdacht werden.

Nicht zuletzt seine grausamen Analogien, sein Vorschlaghammer-Vokabular machten ihn 2007, als das Buch in Israel erschien, zum bevorzugten Gegenstand öffentlicher Hasstiraden. Sein Freund und damaliger Ministerpräsident Ehud Olmert bezeichnete ihn als "jenseits jeglicher Ratio".

Avraham Burg, Großkritiker des Staates Israel und seiner Gesellschaft, ist weder Refusenik, noch gehört er zur etablierten Linken schreibender Intellektueller wie David Grossman oder Amos Oz. Burg war die meiste Zeit seines Lebens selbst Politiker. Er wurde mit 44 Jahren zum jüngsten Knesset-Sprecher aller Zeiten gewählt, er war der Augenstern der traditionsreichen Avoda, der Arbeiterpartei, um deren Führung er mit Ehud Barak harte Kämpfe austrug. Jahrelang erklärte Burg es zu seinem Lebensziel, Regierungschef in Jerusalem zu werden.

Das Klein-Klein der Politik hat er also hinter sich gelassen, wie er sagt. Glücklich sei er jetzt, und eben: Er selbst. Politik sei so verlogen. Statt die dröge Monotonie des ewigen Konflikts beruflich zu verwalten, hat er jetzt Zeit für "die große Perspektive". "Hitler besiegen" ist der Beweis dafür. Es ist das Brainstorming eines Privilegierten, der sein Umfeld, in diesem Fall den Nahen Osten und insbesondere Israel, von einer mindestens leicht überlegenen Position aus betrachtet.

Burgs Diagnose der pathologischen Dauerversehrtheit seiner Nation ist unwiderruflich. Er beschreibt das Holocaust-Trauma als nationale Strategie: Angewandt wird sie von der Armee in den besetzten Gebieten, beim Streit mit Iran oder als Teaser in den Medien. Die Strategie ist omnipotent, ob im sicherheitspoltischen Sinn oder schlicht konsumheischend.

Mit der Symptombehandlung dieses Traumas sieht es ein bisschen anders aus: Zurückfinden zu humanistischen Werten müssten die Israelis, heißt es bei ihm so wortgewaltig wie wolkig. Beide Völker, Juden und Palästinenser, müssten endlich mit dem Wetteifern aufhören, wer von ihnen gezeichneter sei. "Vertrauen statt Hass", plakatiert Burg verbal am selben Abend bei seinem Vortrag im Münchner Amerikahaus.

Auf dem Bürgersteig am Karolinenplatz steht das obligatorische Polizeiauto. Vor allem Menschen jenseits der vierzig sind gekommen, um Burg zu sehen. Sein deutscher Verleger hält eine kleine Rede, in der er Avraham Burg zwischen interdisziplinäre Geistesgrößen wie Jeremy Rifkin und Paul Krugman platziert. Die Rezensenten seien sich einig: Ein mutiges Buch. Ein wichtiges Buch.

  • In diesem Artikel:
  1. Sie lesen jetzt: 1 Das Trauma als Strategie
  2. 2 Flammende Grabreden auf den Zionismus

ANZEIGE


Themen

Weitere Artikel in Politik

Leserkommentare (101)



30.10.2009 17:14:47

aoe:

Diesen Kommentar können wir leider nicht veröffentlichen. Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB.





vorherige Kommentare neuere Kommentare 1 | 2 | 3 | 4 | ... | 21 ältere Kommentare nächste Kommentare

Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


"Ich kann nur kurze Sätze": Franz Müntefering verlässt die Politik - zum Abschied haben wir seine besten Sprüche gesammelt.
Das Magazin "Forbes" hat die mächtigsten Personen der Welt aufgelistet. Gut platziert: Ein Drogenboss und ein Terrorist.
Was der Präsident sagt, ist mir egal - in Silvio Berlusconis Vita mangelt es nicht an Entgleisungen wie dieser. Ein Worst-of in Bildern.
George W. Bush massiert Angela Merkel, Paul Wolfowitz trägt löchrige Socken und Sarah Palin weiß wenig von der Welt: Ein Vote in Bildern.

ANZEIGE

Anzeige: Die Seite 3 - Reportagen aus fünf Jahrzehnten
Bilder aus der Politik
Kritikern nannten ihn einen linken Scharfmacher, doch Oskar Lafontaine hatte noch viel vor. Nun bremst ihn ein Krebsleiden.
Der US-Präsident auf Asien-Reise: Wie Obama um die Gunst der Chinesen wirbt.
Van Rompuy und Ashton treffen auf breite Zustimmung. Das neue Führungsduo der EU geht mit vielen Vorschusslorbeeren an die Arbeit.
Nach der dramatischen Wahlniederlage stellt sich die SPD neu auf: Wer neben dem Parteichef Sigmar Gabriel künftig das Sagen hat.
Süddeutsche Zeitung Photo
Armutsflüchtlinge aus Afrika
Die EU erlebt seit Jahren an ihren südlichen Grenzen einen gewaltigen Ansturm von Flüchtlingen aus Afrika. Zu tausenden und unter Einsatz ihres Lebens stürmen sie die Wohlstandsgrenze, getrieben von der vagen Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Viele sterben auf dieser Reise und wer ans Ziel kommt, ist dort nicht willkommen. mehr...
Politik transparent gemacht
Über abgeordnetenwatch.de können Sie Ihre Bundestags-Abgeordneten vor Ort online befragen. Einfach Ihre Postleitzahl eingeben und los geht's! Suchen Sie nach bestimmten Themen oder Abstimmungen? Dann geben Sie einfach ein Schlagwort ein.

Postleitzahl oder Schlagwort:

Link auf abgeordnetenwatch.de