Kino-Zuschauer zahlen für jeden Film den gleichen Preis. Doch die Produktionskosten klaffen auseinander. Plädoyer für ein gerechtes Preissystem.
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Zu viel Gleichberechtigung an den Kinokassen: Unabhängig von den Produktionkosten zahlt man als Zuschauer im Kino den gleichen Preis. Foto: ddp
Nur eine Frage! Gehört es nicht eigentlich zu den ältesten Grundsätzen des menschlichen Wirtschaftens, dass sich der Preis einer Ware auch nach dem Aufwand richtet, mit dem sie produziert wurde, nach den Kosten, die ihre Herstellung verursacht hat? Selbstverständlich, muss man da antworten. Entwicklungen, Investitionen, Arbeitsstunden - all das hat auf dem Markt später seinen Preis.
Nur beim Kinobesuch scheint das merkwürdigerweise anders zu sein: Wer sich hierzulande in ein Filmtheater wagt, um sich zwei Stunden lang unterhalten zu lassen, bezahlt dafür sechs Euro - ganz gleich, ob es sich um die 1,5-Millionen-Euro-Produktion "Chico" aus Deutschland handelt, oder um die 200-Millionen-Dollar-Produktion "Transformers 2" aus den USA. Nur eine Frage also: Warum ist der Kinofilm eigentlich das einzige Produkt auf der Welt, das trotz gewaltig variierender Herstellungskosten praktisch zum Einheitspreis abgegeben wird?
Da stimmt doch etwas nicht! Und gerade für uns deutsche Filmproduzenten, die wir grob gesagt mit Budgets zwischen 500.000 Euro und zwölf, fünfzehn, in Ausnahmefällen vielleicht auch einmal zwanzig Millionen Euro arbeiten können, stellt sich natürlich die Frage der Wettbewerbssituation. Woche für Woche treten wir mit unseren Filmen gegen eine Konkurrenz an, die das Zehn-, Fünfzig-, Zweihundertfache an Aufwand betreiben kann. Und machen wir uns nichts vor: Ein aufwendig produzierter Film ist zunächst einmal auch für den Zuschauer werthaltiger - egal, ob er sich dann als gut oder schlecht entpuppt. Ein höher budgetierter Film kann definitiv mehr Schauwerte in Bezug auf Schauspieler, ungewöhnliche Szenen, Bilder, Spezialeffekte bieten.
Was konnten wir Produzenten bisher dagegen tun, dass wir hierzulande einfach weniger Geld zur Verfügung haben? Zum Beispiel unerschlossenes Terrain erforschen und dabei die Kosten niedrig halten, wie es Andreas Dresen mit seinem "Wolke 9" gemacht hat, einer Amour fou mit Protagonisten jenseits des Rentenalters. Im Erfolgsfall waren wir dann so nah an der Lebenswelt, an den Träumen und Problemen unseres Publikums dran, dass ein einzigartiger emotionaler Wert entstanden ist - ein Wert, für den genügend Menschen bereit waren, sechs Euro zu bezahlen.
Was immer uns an Millionen fehlt, müssen wir auf andere Weise ausgleichen - sei es durch einen speziell deutschen Humor, wie es die Kino-Erfolgsmodelle Bully Herbig oder Otto Waalkes vorgemacht haben, oder durch die Beschäftigung mit unserem historischen oder literarischen Erbe, das uns einfach mehr angeht als andere Nationen. Und doch: Die Wettbewerbsnachteile, die wir dabei ausgleichen sollen, sind vielfach längst unüberwindbar groß.
Vorteile für alle?
Nur eine Frage also: Wäre es wirklich so undenkbar, am traditionellen, liebgewonnenen, gar nicht mehr hinterfragten Einheitspreis für das Kino zu rütteln? Müsste nicht der Preis für "Transformers 2" den Aufwand dieses Films, die Abermillionen, die in seine Spezialeffekte gesteckt wurden, die Kosten für sein weltweites Marketing irgendwie reflektieren - indem er an der Kinokasse eben teuer ist als "Wolke 9"? Tatsächlich gibt es diese Preisdifferenzierung bereits: Wenn die Filmverleiher einen besonders aufwendigen, massiv beworben Blockbuster im Programm haben, verlangen sie von den Kinos wesentlich höhere Mieteinnahmen.
Und doch gilt bisher die eiserne Regel, dass die Kinobesitzer diese Differenz nicht an die Zuschauer weitergeben. Kino ist Kino, egal wie die wirtschaftliche Gleichung dahinter aussieht, egal woher es kommt. Das führt aber dazu, dass gerade wir deutschen Produzenten vor der Aufgabe stehen, Schauwerte, die wir nicht haben, durch Unmengen an Originalität, Heimatnähe etcetera auszugleichen. Produzieren Sie doch einmal, Film für Film, Originalität im Wert von 200 Millionen Dollar!
Wäre es da nicht besser und gerechter, einfach die Startbedingungen zu ändern? Nehmen wir nur einmal an, es gäbe eine natürliche Preisdifferenz von etwa zwei bis drei Euro zwischen den aufwendigsten und den unaufwändigsten Produktionen, die ins Kino kommen. Würde man beim Zuschauer damit nicht stark das Gefühl beeinflussen, dass sich ,,ein Film wirklich gelohnt hat" - auch wenn nicht 200 Millionen Dollar darinstecken?
Ich bin sehr sicher, dass durch eine Preisdifferenzierung Low-Budget-Hits wie "Chico", "Knallhart" oder "Sideways" noch viel mehr Zuschauer gesehen hätten - was zwar weniger Gewinn pro Ticket, aber insgesamt doch höhere Umsätze bedeuten würde. Gerade uns deutsche Kinomacher würde die Freiheit, solche Rechnungen aufzumachen, auch bei höheren Budgets sehr voranbringen, weil wir Finanzpartnern und Förderern mit einem höheren Eintrittspreis auch schnellere Geldrückflüsse in Aussicht stellen könnten.
Denn eines ist doch sehr deutlich - die meisten Kinderfilme, die in der Regel günstigere Ticketpreise haben, können regelmäßig erstaunliche Zuschauerzahlen verzeichnen. Und am sogenannten "Kinodienstag", an dem die Filmtheater den Kinobesuch für alle etwas billiger anbieten, gehen die Zuschauerzahlen immens nach oben. Es gibt also ein Preisbewusstsein bei den Menschen!
Eine Preisdifferenzierung würde auch auf keinen Fall bedeuten, dass günstig produzierte Filme weniger wert wären - nur eben, dass wir sie im Vergleich zu den Blockbustern anders positionieren. Diesen würde mit einer Preisdifferenzierung automatisch jenes Premiumsegment zugewiesen, das sie in der Kinolandschaft de facto längst besetzen. Ihrem Erfolg sollte das keinen Abbruch tun - aber vielleicht sogar den Zwang etwas abmildern, all das Risikokapital durch wahre Zuschauermassen bereits am Startwochenende wieder hereinzuholen.
Eine solche Preisdifferenzierung bedarf eines sehr klugen Systems und konsequenterweise auch einer positiven Kommunikation an die Zuschauer - aber wer sagt denn, dass diese neuen Preise nicht sogar als Impuls und gute Orientierungshilfe empfunden würden? Natürlich sind noch nicht alle Aspekte und komplexe Auswirkungen dieser Änderung zu Ende durchdacht - aber möglicherweise entsteht damit eine Situation, in der alle gewinnen: die Kinobesitzer, die Filmverleiher und die Produzenten. Die Idee, den Eintrittspreis an den Besuch eines spezifischen Films und nicht mehr nur an den Besuch eines Kinosaales zu koppeln, indem dann irgendein Film abgespult wird - hätte sie nicht Vorteile für uns alle? Nur eine Frage.
Christoph Müller ist Filmproduzent in Berlin. Zu seinen Filmen gehören unter anderem "Soloalbum", "Sophie Scholl", und demnächst "Whisky mit Wodka" und "Goethe!"
(SZ vom 25.06.2009/bey)











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