Von Christian Kortmann

Einst sammelten wir die schrecklichsten Plattencover aller Zeiten. Jetzt kommt's noch schlimmer: Die Horrorhüllen werden lebendig und führen Krieg. Eine Clip-Kritik auf Vinyl.

Man kann sie in einer Tüte am Fahrradlenker transportieren, ohne dass ihre Ecken in die Speichen geraten, und in der Wohnung sehen sie auch aus einer Entfernung noch gut aus, aus der CD-Cover längst zu Pixeln verschwimmen. Schallplatten-Hüllen haben ein Idealmaß: Sie werden als groß, aber eben noch nicht als unhandlich empfunden. Jetzt zeigt sich, welche Eigenschaft dieses Formats besonders wichtig ist: Auf einem LP-Cover lässt sich ein menschlicher Kopf lebensgroß darstellen, so dass man maskengleich dahinter verschwinden kann.

Sleevefacen nennt man diese Kunst: Ein Plattencover wird so geschickt vorm Gesicht positioniert, dass im Film oder Foto Mensch und Cover verschmelzen. "Be the Vinyl", lauten das Motto und der Titel eines Buches, das jetzt zum Thema erschienen ist. Der Fan wird eins mit dem geliebten Stück Popkultur und infiltiriert als Mischwesen seine Umgebung, legt sich etwa zum Sleeveface-Schläfchen auf eine Parkbank.



Die schrecklich-schöne Hingabe zu gewagten Covergestaltungen hat Ken Demko im Auftrag von sueddeutsche.de in der Galerie "Hüllen des Horrors" dokumentiert. Beim Sleevefacen gesellt sich zum Trieb des Sammelns und Bewahrens ein spielerischer Akzent hinzu: Man passt das Cover in die Welt ein, als sei es wie ein zauberhaftes Puzzlestück aus ihr herausgebrochen. Zur Not muss eben die Gegenwart dergestalt verändert werden, dass es sich wieder lückenlos einfügt.

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Neuer Trend: "Sleevefacing" Da bin ich Platte! Rahmen
www.sleeveface.com www.sleeveface.com www.sleeveface.com
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Allein die Größe der Vinylsammlung und der Phantasie limitieren die Möglichkeiten des Sleevefacens, wie der Clip "Sleeveface" zeigt. Es handelt sich um eine Kunst mit unbegrenzten Variationsmöglichkeiten. Hat man die handwerklichen Techniken, Perspektivenfindung sowie Fine-Tuning der Bekleidung und des Hintergrundes, auf dem Kasten, kann man sich an die Königsdisziplin wagen: Sleevefacen, bis die Grenze zwischen Cover und Realität verschwimmt.

Historisches Design wird in den zeitgenössischen Zusammenhang gestellt, und ikonische Bilder der Musikkultur werden lebendig. Durch die mitunter maßstabsverzerrte Kombination von Rumpf und Kopf entstehen dabei hübsche Alienfiguren. Bald spielt ein Coverkopf Schlagzeug, David Bowie schreibt einen Kommentar unter sein eigenes Sleeveface-Portrait und "Sheik Yerbouti" Frank Zappa beginnt zu rauchen.



Im Clip "Rocketboom: A World of LP Portraits" wirft Phil Collins Münzen in die Parkuhr, Liz Taylor wird aus dem Bücherregal heraus lebendig und Tim Buckley kratzt sich an der Stirn. Überraschend, wie gut das Design an den Bruchstellen mit dem Leben zusammenwächst.

Die Künstler-Portraits sind so vertraut, dass ihre Gesichtsausdrücke auch im Alltagszusammenhang überzeugen. Das wirkt wie eine westliche Form des japanischen No-Theaters, in dem Rollen durch aufwändig gestaltete Holzmasken dargestellt werden, die eigenständige Kunstwerke sind.

Sleevefacen legt ein kulturelles Potential frei und macht eine Bilderwelt urbar, die längst vor aller Augen unentdeckt dalag: Plattencover, eine Kamera und ein Gesicht (und es muss laut Anleitungsclip nicht mal ein gutes Gesicht sein) sind in jedem Haushalt vorhanden - man muss nur zur Tat schreiten. Vielleicht kauft man Platten bald nach einem neuen Auswahlkriterium und überlegt beim Durchblättern des "Neuheiten"-Fachs, wie gut sich die Cover als Sleeveface eignen.

Dass Plattenhüllen keiner menschlichen Mithilfe bedürfen, um zum Leben zu erwachen, zeigt der Clip "Album Cover Wars". Durch die Musik, die sie verkörpern, stehen sie wie Frankensteins Kreatur unter Strom, sind als Musik längst Materie geworden und schwirren als Eckpfeiler von ästhetischen Vorstellungswelten durch den Äther.

Im "Krieg der Cover" werden die grafischen Protagonisten und Statisten aus ihrer Starre erlöst und greifen zu den Waffen. In virtuoser Manier, die an die Intermezzo-Trickfilme von Terry Gilliam in den Werken von Monty Python erinnert, bekommen die Zeichen eine Stimme und sind nicht länger zur statuarischen Passivität verdammt.



Die Alben tragen den Kampf um die Wirkungsmacht in der Kulturgeschichte auf grafischer Ebene aus. Welches Design ist besser munitioniert, wer hat die schlagkräftigeren Argumente? Also kämpfen die Hardrocker von Van Halen noch einmal gegen die Beatles-Ära an, und die Hardcore-Punks Dead Kennedys wiederum steigen von ihrem Cover herab, um die Schlacht zu Van Halen zurückzutragen. Ozzy Osbourne wütet ein letztes Mal, Led Zeppelins späte Hippie-Träume bleiben auf der Strecke, und am Ende bleibt allein Metallicas Totenfeld bestehen.

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Bildstrecke Die Hall of Fame der Horror-Hüllen Rahmen
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Cover sind Embleme eines Werks und seiner Zeit, derart hochgerüstet, dass sie ihre Widersprüche nicht harmonisch auflösen, sondern nur als isolierte Wegmarken bestehen können. Als Sleevefaces wandeln sie zwar hinaus in die Welt, aber für zwei Cover nebeneinander ist der Platz stets zu klein. Bei aller Handlichkeit sind sie dann doch ziemlich riesig.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

(sueddeutsche.de/rus)

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Leserkommentare (1)



01.12.2008 10:41:31

AmStrandHocker: Da bekommt der Ausdruck....

... Lass die Hüllen fallen... eine ganz neue Bedeutung!


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