Reisetipps Sizilien

Stichworte Sizilien

Auswanderung

Millionen Sizilianer, fast der gesamte Bevölkerungszuwachs der letzten 120 Jahre, sind ausgewandert, zuerst hauptsächlich in die USA und andere Länder in Übersee, dann nach dem Zweiten Weltkrieg in die westeuropäischen Industrieländer und nach Norditalien. Elend und Hoffnungslosigkeit haben besonders die Landbevölkerung aus der Heimat getrieben. Der Anschluss Siziliens 1860 an das geeinigte Italien brachte keine Bodenreform und keine sozialen Veränderungen für die Kleinpächter, Tagelöhner und Landarbeiter. Das Handwerk wurde durch Industriewaren aus Norditalien und dem Ausland rasch ruiniert. Die wichtigste Industrie Siziliens, der Schwefelbergbau, kam durch amerikanische Konkurrenz, die viel billiger produzierte, fast zum Erliegen.

Besonders in den Großstädten Amerikas bildeten sich rasch sizilianische Kolonien, in denen sich - genau wie in der Heimat - die Mafia und andere Geheimorganisationen mit kriminellen Zielen zur beherrschenden Macht entwickelten. Heute ist die Auswanderung weitgehend zum Stillstand gekommen, obwohl die Arbeitslosigkeit besonders unter Jugendlichen immer noch bestürzend hoch ist.

Carretto Siciliano

Transportmittel für die Bauern und Händler war bis zur großen Motorisierungswelle um 1960 fast ausschließlich der hochrädrige Karren. Die Räder und die Seitenbretter waren je nach Können des Wagenbauers und den Geldmitteln des Auftraggebers reich geschnitzt und über und über mit Bildern bedeckt, meist den Geschichten von Roland und den Paladinen Karls des Großen. Viele der Karren sind, in Teile zerlegt, in Privatsammlungen gelangt, andere stehen in den Museen für Volkskunst.

Corso

Am Abend, noch vor Sonnenuntergang, beginnt die passeggiata, bei der alles auf den Beinen ist. Die Hauptstraße, der corso, oder der Hauptplatz, die piazza, sind dann für zwei Stunden Treffpunkt und Bühne, wo man sich zeigt und präsentiert, wo man für die Freunde, für alle und jeden da ist. Klatsch und Neuigkeiten werden ausgetauscht, Gerüchte auf den Weg gebracht. Die passeggiata ist die wohlkontrollierte Gelegenheit, sich zu verlieben und Zuneigung auszutauschen, Verlobungen und Ehen werden hier angebahnt und beschlossen, ebenso Geschäfte und Verträge.

Familie

Die Großfamilie bestimmt nach wie vor stark die Lebensgewohnheiten, auch wenn sich daran in den Städten und bei der jungen Generation - nicht nur durch die Möglichkeit der Ehescheidung - seit einigen Jahren vieles verändert. Innerhalb des Familienverbands sind die Rollen und Aufgaben fest vergeben. Den Männern gehört die Außenwelt: die Arbeit auf den Feldern, die abendliche passeggiata auf der Piazza, die Bar. Den Frauen gehören das Haus, am Abend die Stufen vor dem Hauseingang oder das Stühlchen davor mit der Handarbeit und der Innenhof mit der Kleintierzucht, dem Gemüse- und Kräutergarten. Eifersuchtsdramen sind häufig, schon ein Verdacht führt oft zu blutigen Tragödien. Die wichtigste Frau im Leben des Manns ist dennoch nicht die Ehefrau, auch nicht die Geliebte, sondern die eigene Mutter. Sie kennt die Geheimnisse handgemachter Nudeln, der Soße dazu, sie ist stolz auf ihren Sohn, auf sein Auto, sein Haus, seine Kinder.

Giuseppe Garibaldi

Der italienische Nationalheld wurde 1807 in Nizza geboren, nahm an der Geheimbewegung zur italienischen Einigung teil, floh 1834 nach Frankreich und Südamerika und kehrte 1848 wieder nach Italien zurück, wo er im Dienst des Königs von Piemont-Savoyen Freiwilligentruppen gegen Österreich und den Vatikan führte, zu denen damals große Teile Nord- und Mittelitaliens gehörten. Nach dem Misserfolg dieser Aktionen emigrierte er zuerst nach Amerika, dann auf die sardische Insel Caprera. Von dort aus organisierte er den „Zug der Tausend“. Mit seinen Rothemden landete Garibaldi am 11. Mai 1860 in Marsala und schlug die bourbonischen Truppen am 15. Mai bei Calatafimi. Er bekam Zulauf aus allen sozialen Schichten. Am 6. Juni kapitulierte Palermo, am 28. Juli Messina. Am 7. September eroberte er Neapel, Hauptstadt des süditalienischen Königreichs. Und am 26. Oktober 1860 wurde das Königreich Italien mit König Vittorio Emanuele von Savoyen an der Spitze ausgerufen.

Kirche

Bis auf die Albaner und die wachsende Zahl der für immer im Land lebenden Tunesier und Marokkaner sind praktisch alle Sizilianer katholisch. Die Kirche greift nach wie vor in die meisten Bereiche des Alltags ein und verschafft sich immer wieder mit Nachdruck Gehör. Ein Großteil der Kindergärten und viele Schulen sind in kirchlicher Hand, ebenso viele Sozialeinrichtungen. Der Einfluss der Nonnen auf Kinder und Mütter ist groß, auch wenn er vielfach oberflächlich bleibt und oft zu einer von Äußerlichkeiten geprägten Kirchlichkeit führt. Die Braut in Weiß und das kirchliche Begräbnis sind selbstverständlich, der regelmäßige Kirchenbesuch schon weniger. Hier sind die Frauen eindeutig aktiver, und zwar mit steigendem Alter.

Immer stärker engagieren sich kirchliche Basisgruppen, Priester, Ordensleute und auch kirchliche Würdenträger für Veränderungen. Die Mafia und die Angst vor ihr, Bau- und Bodenspekulation, politische Korruption, Umweltzerstörung, die rasant wachsende Drogensucht und Kleinkriminalität in den Städten, die Arbeitslosigkeit und der wieder zunehmende Analphabetismus finden auch von hier Antworten.

Mafia

Die ehrenwerten Herren, die Paten und ihre Killer haben fast überall ihre Hände im Spiel, wo es um Macht und Geld geht. Drogen und Prostitution, das Schleusen von Flüchtlingen und Schutzgelderpressung sind der offen kriminelle Teil ihrer Geschäfte. Ein Geflecht von Freundschaften mit Politikern und Beamten bis ganz nach oben öffnet Wege ans große Geld für öffentliche Aufträge und für Subventionen, sorgt für kleine Arbeitsplätze und große Karrieren. Die Mafia ist ein Parallelstaat, dessen Machtinstrumente Korruption, Angst und Mord sind. Wer die omertà, die absolute Verschwiegenheit bricht, muss sterben. Tödlich sind auch die inneren Kämpfe, denn die meisten Toten stammen aus den eigenen Reihen, wenn neue Bosse und Familien ihren Anteil am Geschäft erkämpfen.

Die moderne Mafia der Großstädte operiert längst global, vernetzt legale und kriminelle Wirtschaft, besonders im Straßenbau, im Gesundheitswesen und in der Müllbeseitigung. Der jährliche Umsatz wurde 2005 auf mindestens 40 Mia. Euro geschätzt. Dieses Kapital wird immer mehr in der legalen Wirtschaft investiert, oft in feindlichen Übernahmen.

Mutige Menschen, die sich der Mafia entgegenstellen, riskieren immer noch ihr Leben, die Killer werden sogar brutaler, respektieren nicht einmal mehr Kinder. Doch haben zusammen mit Fahndungserfolgen und hohen Strafen ohne Begnadigungen Zusammenhalt und Selbstbewusstsein der Menschen die Mafia geschwächt. Statt für den Rest ihres Lebens schweigend im Gefängnis zu sitzen, packen viele Bosse aus. Ein Stück Hoffnung für die Zukunft sind die beschlagnahmten Ländereien und Betriebe verurteilter Bosse, die an Kooperativen gegeben werden, was auch ein Weg aus der Dauerarbeitslosigkeit auf dem Land ist. Sie produzieren unter dem Markennamen „Libera“ Pasta, Öl, Käse und Wein.

Opera dei Pupi

Das Marionettentheater war die Unterhaltung des Volks, bis das Fernsehen kam. Seitdem sind die Geschichten der Ritter Karls des Großen, ihre Kämpfe mit den Sarazenen und die Befreiung der schönen Genoveva mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Die Figuren sind aus Holz gefertigt, bis zu 1 m groß, werden mit Eisenstangen geführt und sind sehr beweglich. Bei den zahlreichen Säbelgefechten auf der Bühne können auch Köpfe und Gliedmaßen rollen.

Sarazenentürme

Die massigen, mal runden, mal quadratischen Türme prägen die Küsten Italiens und auch die Siziliens. Die nordafrikanischen Sarazenen tauchten im 9. Jh. mit ihren Schiffen an allen christlichen Mittelmeerufern auf, plünderten und zerstörten die Küstenorte, töteten die Bevölkerung oder verschleppten sie auf die Sklavenmärkte und drangen bis ins Landesinnere vor. Die gut befestigten Städte dagegen wurden nur selten angegriffen. Die Türme standen untereinander in Sichtkontakt, „telegrafiert“ wurde mit Kanonenschüssen oder Feuersignalen.

Umwelt

Umweltzerstörungen sind unübersehbar. Gigantische Industrialisierungsprojekte haben nördlich von Syrakus oder in Gela das Meer zur Kloake werden lassen und Luft und Boden vergiftet. Die ehemals fruchtbare, mit Gärten und Orangenhainen bestandene Conca d'Oro um Palermo ist durch Bauspekulation, Barackensiedlungen und wilde Müllkippen zerstört. Die Schäden durch eine auf langen Strecken irrwitzige Zersiedlung an den Küsten sind kaum noch rückgängig zu machen. Die Entwaldung der Gebirge begann mit den Griechen und führte zu Verkarstung und Bodenerosion, zu Erdrutschen, zum Versiegen von Quellen und zu spürbaren Klimaveränderungen.

Das Meer wird seit Jahrzehnten überfischt. Moderne Fangmethoden mit großen Schiffen und kilometerlangen Netzen haben viele Fischarten fast ganz verschwinden lassen. Buchstäblich fünf Minuten vor zwölf ist Umweltbewusstsein entstanden, sind wenigstens drei große Regionalparks (Ätna, Nebrodi und Madonie) und mehr als 50 Naturschutzgebiete unter tatsächlichen Schutz gestellt worden.