Süddeutsche Zeitung

Reiseführer Rajasthan:Stichworte

Vieles wirkt zunächst fremdartig in Rajasthan, doch bald wird auch das Exotische vertraut und alltäglich

Aravalligebirge

Aus riesigen Sandsteinsteinbrüchen der Aravallis kam das Material für Forts, Kaufmannshäuser und Paläste. Durch ganz Rajasthan zieht sich das ca. 700 km lange und 80 km breite Gebirge. Von seinen nördlichen Ausläufern um Delhi reicht es südwestwärts bis Mount Abu nahe der Grenze zum Nachbarstaat Gujarat. Bei Mount Abu ragt auch sein höchster Berg, der Guru Shikar, mit 1722 m in den Himmel. Schwer zugänglich und dünn besiedelt liegt das Gebirge zwischen der Wüste Thar und dem fruchtbaren Südosten. Dabei wechseln sich schroffe Felsen mit kahlen Hügeln und Waldgrün ab. Aus bis zu 3 Mio. Jahre altem Urgestein besteht die Gebirgskette. Gefördert werden neben Sandstein auch der weiße Makrana-Marmor, Eisenerze, Kupfer und Gold.

Bishnoi

Sind sie die erste Ökobewegung der Welt? Schon vor 600 Jahren gaben sich die Mitglieder einer religiösen Lebensgemeinschaft, Anhänger des Gurus Jambeswariji, 29 Regeln des schonenden Umgangs mit der Natur. Daher stammt ihr Name: Bishnoi heißt 29. Eine Regel befiehlt ihnen, nicht zu jagen. Sie schützen die Wildtiere, besonders die wunderschönen Bluebuck-Antilopen. Im 18. Jh. ließen zahlreiche Bishnoi ihr Leben, als ein Grundherr befahl, Bäume zu fällen. Bishnoi-Frauen wurden getötet, als sie sich an den Bäumen festhielten, um diese zu retten. Inzwischen leben Bishnoi auch in anderen Staaten Indiens, viele Mitglieder der einige Millionen zählenden Gemeinschaft wohnen aber heute noch in ihren Dörfern in Rajasthan, oft als Töpfer und Weber.

Eisenbahn

Um die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Gebiete zu fördern, ließen die Maharajas des 19. Jhs. selbst in der Wüste Thar Eisenbahnen bauen - in Kooperation mit den Briten oder ganz auf eigene Rechnung. Schon in den 1950er-Jahren wurden die Bahnen verstaatlicht. Heute ist Indiens Schienennetz das zweitgrößte der Erde, und Eisenbahnreisen sind eine gute Methode, Land und Leute kennenzulernen. Auf den oft tagelangen Fahrten kommen die Reisenden miteinander ins Gespräch. Ganz anders, auch etwas isoliert vom indischen Leben, reisen Touristen im Luxuszug „Palace on Wheels“ (www.palaceonwheels.net): mit Maharaja-Salonwagenpracht auf Hochglanz, Besichtigungen und Galaabenden in Luxushotels. Der Erfolg des Luxuszugs hat zwei andere, preiswertere Heritage-Züge auf Genusskurs gebracht: den „Royal Train“ (in Rajasthan und im benachbarten Gujarat) und den „Heritage on Wheels“ (www.heritageonwheels.net), der von Jaipur aus drei Nächte und zwei Tage nach Bikaner und durch Shekawati fährt.

Familie

Indiens größtes Problem ist das Bevölkerungswachstum. Binnen dreieinhalb Jahrzehnten hat sich die Einwohnerzahl verdreifacht, auf jetzt mehr als eine Milliarde. Der aufstiegsorientierte Mittelstand strebt die kleine Familie an - erkennbar auch am Zeichen „Mann + Frau = Kind“, das die Ein-Kind-Familie empfiehlt. Die ärmeren Leute auf dem Land aber erhoffen sich möglichst viele Söhne. Denn Töchter kosten Mitgift bei der Heirat und gehören danach zur Familie des Mannes, tragen also zur Altersversorgung der Eltern nichts bei. Daher wird häufig das grausame Mittel vorgeburtlicher medizinischer Selektion angewandt, selbst Kindesmord kommt in abgelegenen Gegenden vor. Ärzte dürfen mittlerweile keine Auskunft mehr über das Geschlecht ungeborener Kinder geben.

Noch immer fehlt eine staatlich geregelte Altersversorgung. Alle Solidarität, alle Last der Pflege ruht allein auf der Familie, die in der Werteordnung der Inder gleich welcher Religion eine große Rolle spielt. Familien halten fest zusammen, und die meisten jungen Leute akzeptieren immer noch die traditionelle arranged marriage statt einer love marriage: Die Familie trifft die Partnerwahl - mit dem Ziel, den Familienverband stabil zu halten.

Götterwelt

Millionen Götter kennt der Hinduismus, aber nur eine göttliche Kraft. Die Hauptgötter sind Shiva und Vishnu. Vishnus Unerschöpflichkeit drückt sich durch die Vielzahl seiner Erscheinungsformen aus: etwa als dicker Zwerg, als Mann-Löwe, als Held Rama, als Freund Krishna. Sogar der ursprünglich als Schöpfergott verehrte vierköpfige Brahma wächst auf Bildern aus Vishnus Nabel hervor. Shiva dagegen gilt bei seinen Anhängern als der absolute Gott, der zerstört, aber zur Wiedererschaffung verhilft. Im Flammenkreis tanzend, zeigt sich sein Doppelwesen. Viel öfter als Shiva und Vishnu werden Sie aber zwei anderen Göttern in Tempeln begegnen: Der elefantenköpfige Ganesha wird als Gott der glücklichen Überwindung von Hindernissen hoch verehrt, und die vierarmige Lakshmi gilt als Spenderin von Gold und Glück.

Heilige Kühe

Sie legen sich mitten auf einer belebten Straße zur Wiederkäuerruhe und können sicher sein, dass die Autos bremsen oder scharfe Kurven um sie herum fahren. Sie werden als heilig verehrt, weil sie dem Menschen so viel Gutes bringen: Milch, Butterfett und Dung, der mit Stroh verknetet und getrocknet als Brennstoff für Kochstellen dient. Die Kühe sind Symbole des Lebens und der Freigebigkeit. Die meisten sind nicht herrenlos, wenn ihre Eigentümer aber bettelarm sind, ist auch die Kuh dürr. Kühe werden nicht geschlachtet. Wenn sie eines natürlichen Todes sterben, verwerten Kastenlose, die auch Leder verarbeiten, die Kadaver.

Heritage-Hotels

Als Maharaja Sawai Man Singh von Jaipur seinen Palast in ein Hotel umwandelte, zeigten sich seine fürstlichen Vettern indigniert. Es war das Jahr 1958, der indische Staat war noch jung, und das Palace Hotel Rambagh erschien als ein bedrohliches Symbol. Seither sind Dutzende von noblen historischen Wohnsitzen - Forts und Paläste, Herrenhäuser und Havelis - zu sogenannten Heritage-Hotels umgewandelt geworden. Wenn Sie Schloss- und Burghotels lieben, sich gern in einem Palazzo oder Château einquartieren, sind Sie in Rajasthan richtig. Heute zählt Indien an die 200 Heritage-Hotels, der Großteil von ihnen liegt in Rajasthan. Nicht nur die Hotels wurden ganz individuell gestaltet, auch die meist mit historischem Mobiliar, alten Bildern und prachtvollem Dekor ausgestatteten Zimmer haben jeweils ihren ganz eigenen Charakter. Zwar können Sie nicht immer einen Farbfernseher erwarten, doch dafür viel Gastfreundschaft der Rajputenfamilien. | www.indianheritagehotels.com

Mogulstil

Im frühen 16. Jh. ließen sich islamische Eroberer Nordindiens Prachtbauten von Architekten teils persischer und arabischer, teils indischer Herkunft errichten. Die Hindu-Maharajas zögerten nicht lange und nahmen diesen indoislamischen Baustil für ihre eigenen Residenzen in Anspruch. Seitdem wurden große Kuppelbauten, vor allem aber die farbig und formal dekorativen Steinsetzungen der Fassaden, wie sie im islamischen Orient überall üblich waren, auch im hinduistischen Indien eingeführt. Anfangs nur eine Mode, behauptete sich der Mogulstil bis in die britische Ära hinein. Markante Elemente sind schlüssellochförmige Fensterumrahmungen in Gestalt eines Hufeisen- oder Kielbogens.

Das geometrische Ornament und seine virtuosen Variationen haben ihren wohl wichtigsten Ursprung im Bilderverbot des Korans. Dies steht in extremem Kontrast zu der Figurenfülle, mit der Hinduarchitekten die Säulenhallen, Fassaden und Türme ihrer Tempel schmückten. In Rajasthan lässt sich die lebendige Koexistenz beider Stile beobachten: Auch neue Havelis brillieren mit ornamentaler Steinschnitzkunst im Mogulstil, während etwa der moderne Birla-Tempel in Jaipur eine Halle mit Flachdecke, Skulpturen und figurenreichen Bildern enthält.

Reisbauern

Auch in Rajasthan, vor allem im Nordwesten, wird Reis angebaut. Indiens Kleinbauern gehören zu denen, die am härtesten von den weltweit stark ansteigenden Nahrungsmittelpreisen betroffen sind. Sinkende Erträge der Böden und finanzieller Druck lassen seit Jahren Bauern verzweifeln. Denn sie haben Schulden bei privaten Geldverleihern, weil die Banken ihnen keinen Kredit geben. Auch Erntehelfer lassen die Kleinbauern im Stich, weil in anderen Branchen besser bezahlt werden. Die Konsequenz für die Kleinbauern ist bitter - so bitter, dass sich viele bereits das Leben genommen haben.

Tierwelt

In der Halbwüste Thar werden Ziegenherden gerade noch satt. Abseits der vereinzelten Dörfer und Städte ist Platz für Wildtiere: Gazellenschlank und antilopenschnell huschen und springen sie davon, wenn sich auf der Sandpiste ein Jeep nähert. Zu den großen Antilopen zählen der Black Buck mit langen, spiralgedrehten Hörnern und die Nilgai-Antilope. Verwilderte Hunde, Wildschweine, auch Stachelschweine sind nicht selten. In den Schutzgebieten bekommt man mit etwas Glück Tiger und Leoparden zu sehen, den kleinwüchsigen Sloth Bear (zumeist in den Aravallibergen), die imposant großen Sambarhirsche und den kleineren Chital-Hirsch, dazu Hyänen und Schakale.

Vegetation

Reichlich Wüstensand - das überrascht nicht. Aber auch erstaunlich viel Grün hat der Wüstenstaat zu bieten: grüne Getreidesaaten, lichtgrüne Buschwälder und - vorzugsweise im Südosten - das pralle Grün von Reisfeldern. Um das Land zu bewässern, bauten schon in den Zeiten des Raj, der britischen Herrschaft bis 1947, einige Maharajas Stauseen und Kanäle. Die künstlichen Seen um Udaipur sind noch viel älter. Heute wird durch den 700 km langen Indira-Gandhi-Kanal Wasser aus den Himalayastaaten nach Rajasthan geleitet. Im westlichen und nordwestlichen Rajasthan, wo noch vor 15 Jahren außer dorniger Wüstenflora nichts gedieh, leuchten heute grüne Felder. In anderen Gebieten wurden riesige Grundwasserreservoire entdeckt und mit Pumpwerken erschlossen. Nur im äußersten Westen kommt angesichts von einigen hohen Sanddünen ein Saharagefühl auf. Und schon um die Mitte Rajasthans, um Jodhpur und Bikaner, beginnt die semiaride (halbtrockene) Wüste Thar. Wo sie nicht künstlich bewässert wird, behaupten sich weithin nur Akazien und Dorngebüsch, eine Grassteppe, aus der sich einzelne Bäume pittoresk hervorheben.

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