Süddeutsche Zeitung

Reiseführer Lettland:Special

Pirts

Oder das Geheimnis lettischer Jugendlichkeit

Die Finnen schwören auf ihre Sauna, die Russen schwitzen gern in der Banja, und die Letten haben ihren pirts. Das mit Holz beheizte „Badehäuschen“ gehört zum lettischen Bauernhof wie der Dampf zu kochendem Wasser, denn das traditionelle Schwitzbad erfreut sich in Lettland ebenso großer Beliebtheit wie bei den Nachbarn im Norden und Osten. Nach der Schwitzkur bei 60 Grad lässt man sich von einem pirts-Genossen mit einem Strauß Birkenreisig sanft durchpeitschen. Das bringt die Durchblutung ordentlich auf Trab. Danach geht's mit einem mutigen Satz in den benachbarten See, Fluss oder in den Schnee, je nach Jahreszeit. Eine Stunde im pirts soll um Jahre jünger machen.

Die letzten Liven

Europas kleinstes Volk lebt an der kurischen Küste

Der größte Teil Lettlands hieß seit dem 13. Jh. nach dem heidnischen Stamm, der es einst besiedelte: Livland, lettisch Vidzeme. Der mittelalterliche Ordensstaat Livland erstreckte sich vom Peipus-See im jetzigen Estland bis an die kurländische Küste. Dort leben in 14 Dörfchen am Kap Kolka noch heute knapp 1500 Nachfahren der finno-ugrischen Liven als Fischer. Ihre robusten, mit geteerter Eiche beplankten Küstenkähne wichen längst modernen Motorkuttern, und auch die alten Bräuche spielen in der Alltagskultur nur noch eine eher folkloristische Rolle. Der lettische Staat hat die Livendörfer, in denen noch viele der altertümlichen hölzernen Fischerkaten stehen, darum als ethnografisches Kulturdenkmal unter Schutz gestellt und fördert Traditions- und Sprachpflege. Denn nur zwei Dutzend Menschen dieser kleinsten Ethnie Europas sprechen noch die livische Sprache.

Great Courland Bay

Kurland besaß einst sogar eingene Kolonien

In der lettischen Geschichte ging Kurland lange Zeit eigene Wege. Nach der Auflösung des Ordensstaates 1455 unter polnische Lehenshoheit gerutscht, betrieb das nun weltliche Herzogtum Kurland-Semgallen eine ziemlich selbstständige Politik, baute seine Wirtschaftsbeziehungen nach Übersee aus und hatte eine Zeit lang sogar eigene Kolonien: einen Teil Gambias und die Karibikinsel Tobago, auf der noch heute die „Great Courland Bay“ an die Blütezeit des baltischen Herzogtums erinnert.

Ton, Töpfe und Talente

Traditionelle lettische Keramik kommt aus Latgale

Lettlands Südosten ist berühmt für seine Keramik. In vielen Dörfern der Seenplatte leben Töpferfamilien, die traditionelle Formen und uralte Brenntechniken pflegen. Ein Besuch der freundlichen Kunsthandwerker in ihren Ateliers lohnt sich. Jede Werkstatt hat spezielle Eigenheiten, einige Keramiker orientieren ihre Gefäße z.B. an archäologischen Funden vorchristlicher Latgale-Kulturen. In vielen Ateliers können Sie sogar Ihr Töpfertalent selbst erproben. Natürlich ist die Tonkunst auch käuflich - und meist viel erschwinglicher als in den überteuerten Souvenirläden der Touristenzentren. Hochburgen der latgalischen Keramik sind die Dörfer Preiļi und Jasmuiža nördlich von Daugavpils. Lohnend ist ein Besuch der Töpferfamilie Uspelis in Greiškāni bei Rēzekne. Beliebt ist diese Werkstatt für ihre Teufelchenfiguren (Voranmeldung empfohlen Tel. 64693333/engl.). www.pudnikuskula.viss.lv

Rose von Turaida

Marijas treue Liebe zu Viktor und ihr tragisches Ende

In Turaida lebte einst die bildschöne Marija. Sie liebte Viktor, den jungen Gärtner aus dem Schlosspark. Die beiden trafen sich oft in Gutmans Höhle. Eines Tages kam ein polnischer Offizier in die Gegend, der Marija ebenfalls begehrte. Da alles Werben scheiterte, lockte er das Mädchen mit einer List in die Höhle. Als er sich ihr nähern wollte, behauptete die verzweifelte Marija, ihr Halstuch mache sie unantastbar, er möge es doch mit dem Schwert ausprobieren. Der Offizier tat es - und enthauptete das Mädchen. Die tragische Liebesgeschichte, sie soll sich um 1620 zugetragen haben, kennt in Lettland jedes junge Paar. Oft kommen frisch Verheiratete, um am Grab der „Rose von Turaida“ Blumen niederzulegen. Es liegt nahe der Burg im Schatten einer alten Linde, die der trauernde Viktor einst gepflanzt haben soll.

Der Schicksalsstrom

Erleben Sie die Daugava vom Floß aus

Mit 1022 km Länge ist die Daugava (Düna) der bedeutendste Fluss des Baltikums. Aus Weißrussland kommend, strömt sie 347 km mitten durch Lettland, von Krāslava bis an die Mündung in die Ostsee, und bildet dabei die Grenze der südlettischen Landschaften Zemgale und Latgale zum historischen Livland. Die Daugava ist Lettlands Schicksalsstrom. Wie ein blauer Faden begleitet sie die Geschichte des Landes und reicht tief in die baltische Vorzeit hinab: Schon vor 9000 Jahren lebten in ihrem Urstromtal Menschen. Eine Fahrt auf der Daugava ist eine Reise durch ein Freilichtmuseum lettischer Vergangenheit. Vorchristliche Kultstätten und Ruinen imposanter Burgen an den Ufern zeugen von bewegten Zeiten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/tg.5655.4436347
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Direkt aus dem dpa-Newskanal