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Reiseführer Bayerischer Wald:Auftakt

Entdecken Sie den Bayerischen Wald!

Der südöstlichste Teil Bayerns hält unter dem Grünen Dach Europas eine einladende Urlaubsregion mit faszinierenden Gegensätzen bereit. Im größten Waldgebiet des Kontinents, wo die Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava liegen, warten Natur- und Kulturschätze darauf, entdeckt zu werden. Dazu zählen die unergründlich tiefen, stillen Wälder, die wilden Schluchten und Bachläufe, die Sommerweiden und die geheimnisvollen Hochmoore. Die 200 Mio. Jahre alten Gipfel sind heute ein behutsam erschlossenes Wanderparadies. Zwischen Further Senke und Dreisessel überragt ihr König, der Große Arber, 132 Kuppen, die alle höher als 1000 m sind. Ein Netz aus Wegen und Naturpfaden durchzieht die Region, 300 km allein auf deutschem Nationalparkgebiet, dazu kommen die 660 km des Goldsteigs.

Einfach war das Leben nie in diesem rauen, erst im Mittelalter von Benediktinern zivilisierten und missionierten Landstrich. 2008 wurde einmal mehr alles anders. Seit die letzten Schlagbäume entlang der 356 km langen Grenze zur Tschechischen Republik fielen, beobachten Politiker und Naturschützer gespannt, wie die grenzenlose Freiheit ihrer Dreiländerregion bekommt. Heute trennen Waldwirtschaftsphilosophien statt der Schlagbäume die Menschen: Naturschutz gegen Erschließung - wo immer sich da etwas tut, gibt es einen Aufschrei der jeweiligen Gegner.

Die älteren Waidler, wie sich die Einheimischen nennen, kannten ihn noch, den ungeteilten Böhmerwald. Lange konnten sie nur schwelgerisch von früher träumen, vom praktischen Miteinander der Nationalitäten, der Menschen beiderseits des trennenden Eisernen Vorhangs. Ihre Väter und Großväter haben die Region zu dem gemacht, was sie heute ist. Sie trotzten der Natur die Ländereien ab, kultivierten sie durch Rodungen. Diese Sturheit ist ihnen ebenso geblieben wie die katholische Frömmigkeit, die sich in prachtvollen Brauchtumsveranstaltungen, aber auch im Alltag offenbart. Typisch für die Menschen hier ist eine eher zupackende als beredte Art. Selbst die sprachlich nicht allzu exotischen Oberbayern gelten zunächst als "Fremde", wie etwa die Studierenden an den Unis in Passau und Regensburg. Aber wenn eine Waidlerfamilie jemanden erst einmal respektiert, hat er Freunde fürs Leben gefunden.

In der Mitte des Bayerischen Walds wirkten einst die Mönche aus Niederaltaich und Metten. Den Oberen Wald übernahm das Regensburger Kloster St. Emmeram, den Unteren beherrschte fast 800 Jahre lang das Fürstbistum Passau. Burgen entlang der mäandernden Ilz schützten die Grenzen des Hochstifts und seine Handelswege. Diese sogenannten Goldenen Steige nach Bergreichenstein, Winterberg und Prachatitz waren bis in die frühe Neuzeit die einzigen Zivilisationsspuren im Hinteren Wald. Auch die Wittelsbacher im 13. Jh. vermochten ihn nicht zu erschließen.

Etwa um diese Zeit ließen sich die ersten Glasmacher nieder, fanden Quarz und Holz für Pottasche und Brennöfen im Überfluss. Pferdefuhrwerke brachten die grünen Fenstergläser und Trinkgefäße nach Wien, Warschau und bis nach St. Petersburg. In das grenznahe Gebiet um den Dreisessel und den Haidel arbeiteten die Siedler sich erst Anfang des 19. Jhs. vor. Es ist nur etwa ein halbes Jahrhundert her, dass die Bewohner von Leopoldsreut vor den strengen, schneereichen Wintern kapitulierten und ihre Höfe verließen. Der Graineter Kessel in der Haidelregion war lange das Revier von Fernseh-Waidmann Stefan Leitner, der hier in Geschichten rund um sein Forsthaus Falkenau spielte. Das Umland von Breitenberg im Südosten heißt zwar Neue Welt. Doch das liegt nicht an später Besiedlung. Vielmehr war das Gebiet lange an die österreichische Herrschaft Rannariedl verpfändet, kam erst spät ans Abteiland zurück. Erste Siedler drangen auch dort ab dem 13. Jh. vor. Gänzlich unbeeindruckt zeigt sich zwischen Cham und Oberösterreich der Pfahl, ein 140 km langes Quarzriff, das die Einheimischen "Teufelsmauer" nennen. Am deutlichsten tritt er bei Viechtach und bei der Regener Burgruine Weißenstein zutage.

Harmonisch eingebunden in die vielgesichtige Landschaft ist das Kontrastprogramm zum Naturerlebnis: Kirchen, Kulturtempel und Kunsthandwerk, Kurse von Bauernbrot backen bis Volkstanz füllen mühelos eine eigene Entdeckungsreise. Sehenswert sind die 2000 Jahre alten Bischofsstädte Regensburg und Passau. Die historische Schönheit Regensburgs ist lebendig wie nie, seit die Stadt 2006 Unesco-Weltkulturerbe wurde. Kopflastigkeit verhindern in der Region flächendeckend Wellness- und Sportangebote sowie Abstecher in das bodenständige Wirtshaus neben der Kirche, einen Biergarten oder ein Restaurant mit regionaler Küche. Rund 2 Mio. Gäste jährlich können nicht irren - der Bayerische Wald ist das ganze Jahr über eine Reise wert: Der Frühling bietet in den Hochlagen noch Schnee, wenn in den Tälern schon die Obstbäume blühen. Wer auch nur einmal nach einem Hitzegewitter von einer Anhöhe auf den Fleckerlteppich kraftstrotzender Wälder und frisch gewaschener Dörfer blickt, die im satt orangefarbenen Licht der Abendsonne liegen, der wird den Sommer im Bayerischen Wald nie vergessen. Der farbenprächtige, intensive Herbst kann noch viele milde Tage bringen. Man braucht sich nur zu gedulden, bis die schon recht morgenmuffelige Sonne den Dunst aus den Tälern und Donauniederungen weggefrühstückt hat. Im Winter ist Einmummeln angesagt, der "Böhmische", ein eiskalter Ostwind, führt das Regiment. Jetzt glänzt die Region auch wegen der weißen Glitzerpracht ihrer tief verschneiten Wälder und Felder: Modernste Pisten- und Loipengebiete mit Ausrüstungsverleih ermöglichen Wintersportvergnügen satt.

Von harter und bewegter Vergangenheit über Generationen geprägt, gibt es unter den Hiesigen naturgemäß Skeptiker. Die fürchten grenzenlose Kriminalität und den Ausverkauf ihrer Heimat. Doch das bleibt wohl Unkerei. Beidem hat die Polizei mit ihrer in Grenznähe lange vorbereiteten Umstrukturierung vorgebaut. Unvermindert halten die Proteste der Bayern gegen den Atommeiler Temelin 100 km jenseits der Grenze an. Und freilich blieb auch der malerische Woid nicht von Umweltproblemen verschont - der Lusengipfel bietet seit Sturm "Kyrill" mit einer von Borkenkäfer und saurem Regen zusätzlich gezeichneten Baumskelett-Bergwelt einen irritierenden Anblick. Obwohl die Naturverjüngung unübersehbar ist, halten Nationalparkgegner weiter 4000 ha Hochlagenwald für an den Borkenkäfer verschwendet und finden in Tschechien bis in die Regierung hinein mächtige Verbündete. Sie wettern mit dem Schlagwort "Waldvernichtung" gegen den Leitsatz, Natur Natur sein zu lassen. Diese Einstellung sorgt auch im Tal für Zoff - wo es lange um den Donauausbau ging und die Erweiterung auf dem letzten Teilstück weiterhin heftig diskutiert wird. Und in Untergriesbach kämpfen die Einheimischen gegen einen Stausee, der Anlieger vertreiben, ein Naturschutzgebiet zerstören, zugleich aber alternative Energie liefern kann. Baubeginn soll 2014 sein. Bauzeit: vier Jahre.

Zwar mauserte der Untere Bayerische Wald sich mit starken Dienstleistern zur Aufsteigerregion. Doch die Grenzöffnung bringt der mittelständischen Wirtschaft nicht nur Segen. Neue Strategien will der Tourismusverband Ostbayern unter dem Motto "Der Bayerische Wald - erfrischend natürlich" erproben. Recht unabhängig davon setzen die Landwirte schon seit Langem auf Qualität und Direktvermarktung - das hat auch für die Urlauber köstliche Folgen.

Vergessen Sie also alles, was Sie über das einstige Armenhaus Bayerns und seine vermeintlichen Hinterwäldler gehört haben. Und lassen Sie sich ein auf eine spannende Provinz, die dieser Bezeichnung eine ganz neue und kostbare Bedeutung gibt.

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Eigentlich kam die Oberbayerin 1984 nur zum Studieren nach Passau. Doch der Bayerische Wald ließ sie nicht mehr los. Das Mosaik aus Bergwiesenidyll und Stadtgewimmel faszinierte sie genauso wie die Menschen hier. Bis 1999 berichtete Christine Pierach als Redakteurin der Passauer Neuen Presse aus der Region, heute arbeitet sie in Passau als freie Journalistin und Fotografin.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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