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Kultur in Dachau:Träume auf die Leinwand projiziert

Bild in neuer Seite öffnenJungfilmer

In den beiden Kurzfilmen, die Finn-Oliver Walter (im Bild) und Jannick Babernits produziert haben, führt Walter Regie.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die jungen Filmemacher Finn-Oliver Walter und Jannick Babernits haben ihre eigene Filmproduktion gegründet und bereits zwei Kurzfilme produziert

Von Lisa Brendel, Dachau

Den Traum von einem Banküberfall haben Finn-Oliver Walter und Jannick Babernits, beide 17, am Küchentisch geträumt. Diesen Traum haben die beiden jungen Männer nun auch in die Tat umgesetzt - und das, ganz ohne sich strafbar zu machen. Denn Walter und Babernits sind zwei junge Filmemacher und keine Bankräuber. Ihre Amateur-Filmproduktion "Dreamcapture" feierte mit den beiden Kurzfilmen "Das Leben ist kein Wunschkonzert", der von einem jungen Mann handelt, zu ebenjenem Bankräuber wird, und "The beauty of yellow" Ende Oktober Premiere. Coronabedingt konnten die beiden Filme bislang allerdings nicht vor einem größeren Publikum gezeigt werden.

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"Dreamcapture" will mit der Kamera Träume auffangen und verwirklichen. Zum Team gehören Regisseur Walter und Babernits, der alle die technischen Aufgaben, wie die Kamera, übernimmt. Carla Riegler, die die Hauptrolle in "The beauty of yellow" spielt, war während der Dreharbeiten nicht nur fürs Schauspielen, sondern auch für die Maske zuständig. Weitere Freunde fungierten als sogenannte "Set-Runner", sie übernahmen alle Aufgaben, die gerade anfielen. Insgesamt wirkten 130 Personen an beiden Filmprojekten mit, darunter die VR-Bank, die eine Filiale für den erträumten Banküberfall stellte, das Josef-Effner-Gymnasium und der Echo e.V., der den jungen Filmern Kostüme und andere Requisiten auslieh.

"Das Leben ist kein Wunschkonzert", ein dramatischer Spielfilm von 35 Minuten, handelt von dem jungen Nicolaj Demircan, der in einem Verhör reflektiert, wie er auf die schiefe Bahn geraten ist. Nachdem das Drehbuch geschrieben war, begann die Suche nach Darstellern. Getreu dem Leitsatz "Wir sind keine Profis, also suchen wir auch keine" fanden sich vor allem Freunde der beiden Produzenten und Bekannte aus dem Theater, in dem Walter mitspielt. Gedreht wurde hauptsächlich in den Ferien, vor allem im Sommer. Das letzte Drehwochenende war im Oktober 2019, die Premiere hätte ursprünglich bereits im Mai 2020 stattfinden sollen.

Der Kurzfilm beginnt in der Gegenwart, in der die Hauptperson Nicolaj Demircan verhört wird. Sein Rückblick beginnt in der Kindheit: Seine Eltern streiten oft sehr stark und eines Tages eskaliert es. Nicolaj findet seine Mutter tot, vom Vater erstochen in der Küche auf. Das war ein erstes traumatisches Erlebnis, das ihn wohl auf den falschen Weg brachte. Als Nächstes erzählt der nunmehr erwachsene Nicolaj von seiner Jugend: In der Schule lernt er eine neue Freundesgruppe von rebellischen Jungs kennen, mit denen er fortan die ganze Zeit verbringt. Außerdem lernt er ein Mädchen kennen, die sich in der darauf folgenden Zeit um Nicolaj sorgt, da er immer weiter vom Weg abkommt. Der anfänglich freundliche Schein seiner Gang beginnt zu bröckeln. Sie setzen ihn so unter Druck, dass er beginnt Läden und alte Frauen zu bestehlen und zu rauchen, er prügelt sich und nimmt Drogen. Nach einem Zeitsprung von drei Jahren ist Nicolaj fast in der Gegenwart angelangt. Der Höhepunkt von Nicolajs Vergangenheit ist ein Banküberfall. Mit Tiermasken und Gewehren bedrohen er und seine Gang die Menschen in einer Bankfiliale. Dabei sieht Nicolaj vor seinem inneren Auge mehrere Flashbacks zu Momenten, in denen sein Leben den falschen Weg eingeschlagen hat. Erschrocken nimmt er die Maske ab und reflektiert über sein Verhalten. Der Film endet wieder im Verhörraum. In einem abschließend Monolog wird das Leben mit einem Konzert verglichen, daher auch der Filmtitel. Manchmal sei das Intro holprig, doch am Ende komme vielleicht das ersehnte, große Finale. Doch das Leben ist eben kein Wunschkonzert, man muss es selbst in die Hand nehmen. Nicolajs Leben jedenfalls endet mit einem Happy End. Der Film arbeitet viel mit der Wirkung von Filtern. Rückblicke werden mit einem hellen, nostalgischen Filter überlagert, Drogentrips werden durch bunte, verzerrenden Filter erfahrbar gemacht.

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Parallel zu "Das Leben ist kein Wunschkonzert" entwickelte Finn-Oliver Walter die Idee für "the beauty of yellow". Der Stummfilm handelt von einem Mädchen, das nach einem Brand ihren Vater und die Fähigkeit Farben zu sehen verliert. Von ihrem Optiker bekommt sie eine Brille, mit der sie wieder eine Farbe sehen kann: Gelb. Die Farben in dem experimentellen Film stehen für Gefühle. Welche, dass bleibt dem Zuschauer selbst überlassen. Die Geschichte wird nur durch Bilder und Klaviermusik erzählt, die ein Freund Walters, Florian Marx, komponiert hat.

Der Stummfilm beginnt mit wilden Schnitten und rötlichen Farben, der Unfall mit Vater und Tochter wird dargestellt. Sobald sie nach dem Brand im Krankenhaus die Augen öffnet, taucht sich der Film in schwarz-weiß. Zu Beginn ist das Mädchen sehr skeptisch der Brille gegenüber, doch dann wird sie neugierig. Auf einmal sieht sie alle gelben Dinge wieder in Farbe und beginnt optimistischer und beschwingter durchs Leben zu gehen. Gelbe Blumen und ein gelbes Rad erinnern sie an ihren Papa. Doch sie erinnert sich dadurch auch wieder an den Tod ihres Vaters und nimmt die Brille wieder ab. Alles ist von nun an wieder in grau getaucht.

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Walter ist stolz auf seine Erstlingswerke, auch wenn er sie bislang kaum jemandem zeigen konnte. "Wir mach das nicht für Geld, Ruhm oder Aufmerksamkeit, sondern aus Leidenschaft", sagt er. Für ihn ist nicht nur der finale Film das "Kunstwerk" sondern auch der Weg dorthin. Die Erfahrungen, die er sammeln konnte, bedeuten ihm fast mehr als der Film selbst. Walter will auch künftig Filme produzieren. Ein neuer Kurzfilm ist schon in der Postproduktion.

© SZ vom 19.11.2020
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