Der Skandal um die Piusbrüder erschütterte die katholische Kirche. Eine Schlüsselrolle spielte der Traditionalist Kardinal Hoyos, der sich nun in einem SZ-Interview erstmals äußert.

Hoyos, dpaBild vergrößern

Der frühere Kurienkardinal Castrillón Hoyos. Foto: dpa

Er ist auch für viele Kirchenleute der böse Bube: Darío Castrillón Hoyos, 80 Jahre alt, Kardinal aus Kolumbien, bis Juli Leiter der päpstlichen Kommission "Ecclesia Dei", die für den Dialog mit der traditionalistischen Priesterbruderschaft Pius X. zuständig ist.

Er gilt als der Hauptverantwortliche im Skandal um den Pius-Bischof Richard Williamson, dessen Exkommunikation Papst Benedikt XVI. im Januar aufgehoben hat. Hätte Hoyos nicht wissen müssen, dass Williamson vor dem Gnadenakt des Papstes dem schwedischen Fernsehen ein Interview gegeben hatte, in dem er leugnete, dass Juden in Gaskammern ermordet wurden? Und dass der Brite diese Meinung schon lange vertritt?

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung nimmt Hoyos nun dazu Stellung:

SZ: Sie meinen, dass Williamsons Interview nicht bekannt wurde. Was hätte der Papst getan, wenn er es gekannt hätte?

Hoyos: Ich wage keine Hypothesen darüber, was der Papst hätte tun sollen. Ich beziehe mich nur darauf, was er wusste, als die Aufhebung der Exkommunizierung öffentlich gemacht wurde. In diesem Augenblick wusste keiner von uns das Geringste über Bischof Williamsons Aussagen. Keiner von uns! Und keiner hatte die Pflicht, es zu wissen!

Seit 2000 organisierte der erzkonservative Kirchenmann die Verhandlungen mit den Pius-Brüdern. Es ging dabei weniger um die Theologie der Traditionalisten, die wichtige Teile des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnen. Es ging um kirchenrechtliche Fragen: Hat der verstorbene Erzbischof Marcel Lefebvre einen Akt der Kirchenspaltung (Schisma) begangen, als er vier seiner Priester 1988 zu Bischöfen weihte? Und sind die nach der Weihe exkommunizierten Bischöfe vom Glauben abgefallen?

Auch hierzu Hoyos im SZ-Interview:

SZ: Teilen Sie die Positionen der Pius-Bruderschaft?

Hoyos: Die Piusbrüder denken, dass sie die Wahrheit über die heilige Tradition verteidigen und dass man sie dafür nicht exkommunizieren kann. Das kann man verstehen, auch wenn ich diese Meinung nicht teile. Denn es ist unstrittig, dass sie ein für die Kirche grundsätzliches Gesetz gebrochen haben.

Vereinfacht lauteten die Antworten aus Rom: Die Pius-Bruderschaft hat gegen die Kirchendisziplin verstoßen. Ihre Bischöfe gelten aber nicht als Häretiker, also als vom Glauben abgefallen - deshalb konnten auch die Gespräche weitergehen. Hoyos hat sich sehr dafür eingesetzt, dass es nicht zum Bruch zwischen Rom und den Pius-Brüdern kommt. Und er hatte dabei in Joseph Ratzinger einen Fürsprecher. Benedikt XVI. wertete 2007 die traditionelle tridentinische Messe auf; Hoyos feierte sofort eine Messe im alten Ritus. In Geheimverhandlungen ging es um die Aufhebung der Exkommunikation. Der eine Woche zuvor beschlossene und den Pius-Brüdern mitgeteilte Schritt wurde am 21. veröffentlicht.

Dies wäre eine innerkirchliche Angelegenheit geblieben, hätte nicht Williamson im November 2008 bei einer Priesterweihe im bayerischen Zaitzkofen einem Reporter aus Schweden das berüchtigte Interview gewährt. Der Sender wartete mit der Ausstrahlung bis zum Januar 2009, als die Aufhebung der Exkommunikation nicht mehr rückgängig zu machen war. Für Hoyos ein Beleg, dass so der Papst und er bloßgestellt werden sollten. Doch die Haltung Williamsons hätte schon vorher bekannt sein können. Dies legt jetzt auch die Aussage des Bischofs von Stockholm nahe, er habe bereits Ende November 2008 vom Inhalt erfahren und den schwedischen Nuntius unterrichtet, der wiederum das Staatssekretariat im Vatikan informiert habe.

Wahrscheinlich wurde dort die Notiz einfach abgeheftet, auch, weil das Staatssekretariat von der bevorstehenden Aufhebung der Exkommunikation nichts wusste. Kardinal Hoyos nennt im SZ-Interview aber den tieferen Grund, warum die Einstellung der Pius-Brüder keine Rolle spielten: Es ging ihm nur ums Kirchenrecht. Und das hat keine Meinung zu einem, der sagt, die Juden hätten die Schoah erfunden.

Hoyos im Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

SZ: Haben Sie sich niemals gefragt, ob Ihre Entscheidungen politische Folgen haben könnten?

Hoyos: Die Exkommunikation von vier Bischöfen aufzuheben, ist keine politische Handlung. Sie ist ein Akt der Barmherzigkeit. Es handelt sich also um ein pastoral-theologisches Problem, nicht um eine Einmischung der Kirche in die politische Sphäre. Damit beschäftige ich mich nicht. Meine Arbeit besteht nicht darin, einen Bischofsbruder zu beurteilen. Das ist die Aufgabe der Bischofskongregation und der Kongregation für die Glaubenslehre.

SZ: Aber die katholische Kirche hat doch eine Meinung zum Antisemitismus und zum Holocaust.

Hoyos: Die Ablehnung der äußerst ungerechten Gewalt, der das hebräische Volk unterworfen wurde, ist von Seiten der Kirche völlig deutlich. Ein solcher rassistischer Genozid ist ein unmoralisches Verbrechen gegen die Menschheit.

SZ: Warum haben Sie dann die Aufhebung der Exkommunikation eines Holocaust-Leugners nicht aufgehalten?

Hoyos: Williamson wurde wegen seiner illegitimen Bischofsweihe exkommuniziert, nicht wegen seiner Theorien, Urteile oder Aussagen zum Holocaust. Das anders zu sehen ist ein deutscher Fehler!

Der Kardinal sieht sich als Opfer einer Intrige: An diesem Freitag gibt es ein Treffen mit Bischof Fellay, dem Prior der Pius-Brüder. Das solle mit den Veröffentlichungen gestört werden.

Das gesamte Interview mit dem früheren Kurienkardinal Castrillon Hoyos lesen Sie in der Freitagausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 25. September 2009. Es wurde geführt von Camilo Jiménez

(SZ vom 25.09.2009/gba/mad/aho/mati)