vgwort

Von Philipp Selldorf und Johannes Nitschmann

In Schwalmtal am Niederrhein schießt ein Mann um sich und verschanzt sich stundenlang, bevor er sich der Polizei stellt. Hintergrund war offenbar ein lange schwelender Familienstreit.

Sondereinsatzkommando in Schlwalmtal; dpa

Beamte des Sondereinsatzkommandos am Tatort in Schwalmtal: Bei der Schießerei kamen drei Menschen ums Leben. (Foto: dpa)

Ein blutiges Familiendrama mit drei Toten und einem Schwerverletzten hat das niederrheinische Schwalmtal im Kreis Viersen erschüttert. Nach einem mehrstündigen Nervenkrieg ließ sich der Täter am Dienstag gegen 19.30 Uhr mit erhobenen Armen von den Beamten eines Sondereinsatzkommandos abführen.

Zuvor hatten mehrere Kommandos das Wohnhaus im Ortsteil Amern umstellt, in dem sich der Todesschütze verschanzt hatte. Nachbarn zufolge sagte der Täter, ein älterer Mann, unmittelbar vor seiner Festnahme zur Polizei: "Ich habe heute genug Mist gemacht. Ich komme raus." Als der Täter von der Polizei abgeführt wurde, schrie er angeblich laut um Hilfe. Er soll unverletzt sein.

Im Garten und in dem Haus stießen die Einsatzkräfte nach Angaben des Viersener Polizeisprechers Markus Niesczery auf drei Tote. Ein Mann soll schwer verletzt worden sein. Nach Angaben des Landkreises Viersen hatte in dem Haus ein Gutachter-Termin zur Schätzung des Gebäudes stattgefunden, um es verkaufen zu können. Dabei drehte der Täter offenbar durch.

Über die Identität der Opfer und des Schützen machte die Polizei zunächst keinerlei Angaben. Zum Zeitpunkt der Tat sollen sich drei weitere Personen in dem Mehrfamilienhaus befunden haben, die unverletzt blieben, darunter ein Kind.

Streit ums Eigentum

Hintergrund des Dramas ist offenbar ein lange schwelender Familienstreit. Wie Nachbarn berichteten, lebte in dem Haus die Tochter des Täters. Sie habe sich vor sieben Jahren von ihrem Mann getrennt, der mit dem gemeinsamen Sohn ausgezogen sei. Zwischen den Eheleuten habe es einen jahrelangen Streit um das Haus gegeben, wobei der Täter seine Tochter unterstützte. Vor etwa drei Jahren sei er einmal mit dem Baseballschläger auf seinen Schwiegersohn losgegangen, erzählt ein Anwohner: "Der Mann hatte genügend Gewaltpotential, das steht fest."

Am Dienstagnachmittag hatten sich die Tochter, ihr Ex-Partner und der Vater in dem Haus getroffen, um dessen Wert von Maklern, Gutachtern und Anwälten ermitteln zu lassen. Offenbar eskalierte bei diesem Treffen der Streit. Nach mehreren Schüssen war am Dienstag gegen 16.30 Uhr bei der Polizei Alarm ausgelöst worden.

Der bewaffnete Täter verschanzte sich in dem Gebäude, zunächst war auch von einer Geiselnahme und von einem "Amoklauf" die Rede, später sprach die Polizei von "einer Amoktat bei einem Beziehungsdrama". Ein Sprecher des Düsseldorfer Innenministeriums hatte frühzeitig erklärt: "Amok ist das auf keinen Fall. Es sieht nach einer Beziehungstat aus."

Bei dem schwerverletzten Mann soll es sich um einen Mitarbeiter des Ordnungsamtes handeln. Er soll sich, von zwei Kugeln im Gesicht und an der Hüfte getroffen, ins Nachbarhaus geschleppt haben. Die Viersener Polizei sprach am Abend von einem "unklaren Lagebild".

Aus Düsseldorf war ein Spezialeinsatzkommando nach Schwalmtal beordert worden. Später kamen weitere SEK-Trupps hinzu. Der Tatort wurde weiträumig abgeriegelt, ein Hubschrauber kreiste darüber. Fest steht offenbar, dass sich unter den Toten keine Polizisten befinden. Angeblich hatte die Tochter des Täters auch Untermieter genommen. Bis vor 14 Tagen soll noch ein Ehepaar mit vier Kindern in dem Haus gewohnt haben.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers zeigte sich am Abend tief betroffen über die Ereignisse. Er sprach den Hinterbliebenen seine Anteilnahme aus.

(SZ vom 19.08.2009/cag)

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Leserkommentare (3)



19.08.2009 15:17:52

NetFiddler: @passagier

Sie haben recht. Überrascht? Nun ja, ich habe mich in der Eile unklar ausgedrückt. "Statuten" gibt es keine, Parallelen gibt es dafür jede Menge. Ich bin sicher, dass sie die vergangenen Meldungen über Amokläufe aufmerksam verfolgt haben. Auffällig ist dabei, dass auch jene Amokläufer, die ihre eigene Schule überfallen haben, einfach auf jeden geschossen haben der ihnen über den Weg lief. Der Polizei gelang es nicht in einem einzigen Fall einen Bezug zwischen einem der Opfer und dem Täter herzustellen. Und dies gilt bei den Opfern sowohl für Lehrer als auch für Schüler. Es gibt zum Glück nicht viele echte Amokläufe.

Mich stört der Umstand das jedesmal, wenn irgend ein Heini wild um sich ballert, die Presse gleich "Amok" schreit. Amokläufe sind ein extremes und bislang nicht wirklich verstandenes Phänomen (Ich halte es für eine Variante von Suizid). Menschen, die in einem Wutanfall andere verletzen oder töten, gehören jedenfalls nicht in die Kategorie "Amokläufer".


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