Von Burkhard Müller

George Orwell ersteht derzeit als Blogger wieder auf. Das Problem dabei: Jeder Tag ist ein Jahrestag; der Kuckuck hört mit dem Rufen gar nicht mehr auf.

George Orwell, 1903 - 1950, Getty ImagesGrossbild

Spannendes aus dem Leben von George Orwell: "Letzte paar Tage unbeständiges Wetter, regnerisch & manchmal heiß. Weizen und Gerste jetzt überwiegend geschnitten und gebunden. Kinder pflücken seit zwei Tagen mehr oder weniger reife Brombeeren." (Foto: Getty Images)

Was einfach so in schlichter Vorhandenheit herumsteht, wird übersehen; sichtbar im engeren Wortsinn ist nur, was sich bewegt. Und so geraten in einem Zeitalter, in dem die Währung der Aufmerksamkeit gilt, Dinge in Bewegung, denen man es auf Anhieb nicht zugetraut hätte. Zwar gibt es das Tagebuch in Blogform schon länger, aber dann pflegte es bislang doch ein echtes Tagebuch zu sein, von dem sich heute noch nicht absehen lässt, was morgen drin stehen wird.

Für das Tagebuch von George Orwell hat sich die Organisation "The Orwell Prize" nun etwas Neues ausgedacht. Das Tagebuch erstreckt sich von 1938 bis 1942, das heißt, es liegt als endgültiger und abgeschlossener Bestand seit vielen Jahren vor.

Nunmehr aber soll es sekundär den Kick des Aktuellen mit auf den Weg bekommen, indem an jedem Tag derjenige Eintrag ins Netz gestellt wird, der akkurat siebzig Jahre vorher aufgeschrieben worden ist.

Das Jubiläum auf Dauer gestellt

Am 8. August schon wurde einem der Mund wässrig gemacht: "Less than 24 hours to go before the first diary entry ...". In "real time" könne man verfolgen, was Orwell jeweils zu den Fragen des Tages denke.

Eigentlich leistet sich das Projekt ja keinen größeren Unfug als das Wesen der Gedenktage überhaupt, das mit der Logik einer Kuckucksuhr den klassischen Bestand in schöner Regelmäßigkeit zum tagesmedientauglichen Ereignis umwandelt.

Hier allerdings wird das Jubiläum auf Dauer gestellt: jeder Tag ein Jahrestag; der Kuckuck hört mit dem Rufen gar nicht mehr auf und ist permanent aus dem Häuschen. Wenn man dem Projekt wohlwill, kann man sagen, es handle sich um ein Spiel mit paradoxen Zügen. Nicht "Jetzt neu!" verkündet das Werbebanner, sondern "Damals neu!"

Dem entsprechen, soweit es sich schon absehen lässt, Stimmung und Inhalt der Tagebücher nicht völlig. Orwell wurde im Spanischen Bürgerkrieg verwundet, kuriert sich in Marokko aus, kehrt dann ins englische Landleben zurück; alles eher ruhige Themen.

Inflationsartige Verlinkung

Am 16. August etwa begibt sich das Folgende: "Letzte paar Tage unbeständiges Wetter, regnerisch & manchmal heiß. Weizen und Gerste jetzt überwiegend geschnitten und gebunden. Kinder pflücken seit zwei Tagen mehr oder weniger reife Brombeeren."

Diese paar Zeilen enthalten sage und schreibe drei Links mit sachlichen Erläuterungen; für den Fall, dass einer nicht wissen sollte, was Gerste oder Brombeeren sind, darf er sich Belehrung bei Wikipedia holen.

Merkwürdigerweise wird beim Leser Kenntnis der Begriffe "Wetter" und "regnerisch" vorausgesetzt. Man kann es kaum erwarten, was sich am 20. August 1938 zugetragen haben wird!

(SZ vom 19.08.2008/pak)

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