Von Bernd Graff und Christian Kortmann, Paris

Wo sich Psychodrama und Metapher treffen: "Encore Une Fois", das Debütalbum von Nicolas Sarkozy, setzt einen Meilenstein in der Entwicklung des französischen Chansons.

Mit Benjamin Biolay ist er ins Studio gegangen, dem Pop-Produzenten, der in den vergangenen Jahren dem neuen französischen Chanson fast im Alleingang wieder zu Weltgeltung verholfen hat. Doch jetzt sitzt Biolay ein wenig betreten da und will in Gegenwart einer höheren Macht partout nicht als Erster das Wort ergreifen. Gitanes Maïs rauchend und erst einmal schweigend hockt er also auf seinem Schemel am Mischpult und packt Masterbänder in die verbeulten Blechbehälter. Das unsichtbare Protokoll der Grande Nation, hier zeigt es noch einmal seine Macht.

Als Biolay schließlich anhebt, klingt er devot. Dennoch artikuliert er allem Anschein nach seine Überzeugung: "C'est incroyable! Ein Wunder. Meine Generation hat Serge Gainsbourg immer nur auf Platten gehört und in Filmen gesehen. Doch jetzt schließt sich ein Kreis. Nicos Stimme berührt den Punkt, an dem sich Psychodrama und Metapher treffen. Ich bin glücklich, dass ich ihm assistieren durfte."

Der, dem dieser Überschwang gilt, Nico, wie sie ihn hier nennen, ist nicht im Raum. Wieder hat er ein dringendes Handytelefonat führen, eine eilige SMS schreiben müssen, wieder ist er vom exklusiven Pressetermin hinaus ans Tageslicht gestürzt, weil er im Souterrain des mächtigen Anwesens am Pariser Boulevard St. Germain "kein Netz hat" ("J’ai pas de réseau!"), um sprechen zu können. Dabei spricht er so gerne. Er, das ist Nicolas Sarkozy, der Präsident der Fünften Französischen Republik. Ein Mann für viele Schlagzeilen, und das hier ist gewiss noch eine: Sarkozy ist derzeit im Begriff, auch in der Welt der populären Musik ein Superstar zu werden.

Denn mit seinem Debüt-Album "Encore Une Fois", auf dem er Klassiker aus Pop und französischem Chanson in ein radikal zeitgenössisches Gewand kleidet, ist ihm die Musiksensation des noch jungen Millenniums gelungen. Sarkozy beeindruckt jetzt nicht mehr nur sein Volk, sondern auch seine Kritiker. Ihm gelingt damit wie keinem anderen zuvor der Brückenschlag zwischen Rive Droite und Rive Gauche, dem rechten, administrativ-strategischen und dem linken, kreativ-künstlerischen Ufer der Seine, eine Trennung, die die französische Kapitale traditionell wie in zwei Hirnhälften spaltet.

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Vom Society-Traumpaar zum Über-Duo des Pop: Carla Bruni und Nicolas Sarkozy auf dem Cover von "Encore Une Fois".

"Pardon, Messieurs! Mubarak konnte nicht warten", raunt Sarkozy den Besuchern zu, als er ins Studio zurückkehrt. Diesmal also war es der ägyptische Präsident. Wenige Minuten zuvor telefonierte er mit Wladimir Putin, davor mit dem polnischen Premierminister Donald Tusk und davor mit der amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice. Sarkozy, Tausendsassa, Strippenzieher, Frauenfreund: ein schillerndes Mirakel im Élysée-Palast. Dann ein schneller Händedruck, ein versöhnlicher Klapps - und schon wieder ist er weg.

Bleiben wird in jedem Fall seine Musik, klingen diese neuen Töne doch schon jetzt so, als seien sie immer da gewesen. Die in großen Reden gereifte Stimme des 53-Jährigen hat Timbre, ja, nasale Klasse. Wenn er einen Ton findet und hält, vibriert es in den Herzen. Seine Lieder werden getragen von einer nüchternen Sentimentalität und dem Gestus eines erwachsenen Bilanzierens. Eines sehr erwachsenen Bilanzierens.

Dem Politiker Sarkozy ist ja nicht immer diplomatisches Geschick zu attestieren, doch das Ding hier ist ihm quasi in den Schoß gefallen: Seit seiner Liaison mit Carla Bruni bekennt sich der ehemalige "Kärcher-Reiniger" der brennenden Pariser Banlieus zu seiner schöpferisch-equilibrierten Seite. "Ohne Carla hätte ich das nie geschafft", hat er zwischen zwei Telefonaten gesagt, "vermutlich hätte ich es auch nicht gewagt. Das Geheimnis eines jeden erfolgreichen Mannes ist eben seine liebevoll-hilfreiche Frau: Stumme Anbetung, die Gitarre spielen kann."

Carla, deren Geheimnis es wohl für immer bleiben wird, wie sie es schafft, auch kleinen Männern ein Gefühl von Stärke zu geben, war es also, die diese nur dem ersten Anschein nach ungewöhnliche Idee gebar. Sie kennt ihren Nico jetzt schon besser als er sich selbst. Und sie ist Musikprofi genug, um zu wissen, dass er sich als Jahrhundert-Talent entpuppen würde. Beim gemeinsamen, damals medienumwölkten Besuch von Euro-Disney vor den Toren von Paris soll ihr die Idee gekommen sein.

Damals, Mitte Dezember 2007, waren sie noch kein Paar, jedenfalls nicht offiziell. Doch on dit, Nicolas habe "You look wonderful tonight" beim Zubettgehen im Fantasy-Park gesungen, nur für sie. Der Klassiker von Eric Clapton, gewispert von Nicolas Sarkozy - schon sprang der Funke über. Carla ließ noch in derselben Nacht ihr mächtiges Adressbuch spielen.

Sie war es, die aus dem Arsenal ihrer Verflossenen eine hochkarätig besetzte Backing-Band unter dem Surrogat-Namen Les Napoleon Dynamite für ihren Geliebten zusammenstellte. Dem Vernehmen nach zögerte keiner der Angerufenen. Sie hätte ein Zögern wohl auch kaum geduldet. Mick Jagger, Eric Clapton und - last and definitely least - der zuvor nur als Hobby-Schlagzeuger in Erscheinung getretene Kevin Costner hätten am liebsten die Concorde genommen, um wieder in ihrer Nähe zu sein.

Clapton bestand allerdings darauf, das Intro von "Encore Une Fois" alleine spielen zu dürfen: "Melody", den von Jean-Claude Vannier produzierten Klassiker auf dem legendären Gainsbourg-Longplayer (wie -seller) "Histoire De Melody Nelson" aus dem Jahr 1971. Hier dürfen wir Slowhand jetzt siebeneinhalb Minuten lang bei einem Anfang zuhören, der kein Ende kennen darf. Carla schnurrt im Hintergrund, bis über all dem die Stimme des Crooners Sarkozy aufgeht wie die vom Mond aus betrachtete Erde bei Stanley Kubrick.

Sarkozys Aufnahmen im Studio, das Benjamin Biolay sofort für Carlas Clan räumte, verliefen jedoch alles andere als harmonisch. So hatte Clapton in einem Interview mit dem spanischen Rolling Stone irrlichternd philosophiert: "Der Mangel ist ja niemals dramatisch. Es ist die Sättigung, die fatal wirkt: Denn sie führt in die Bewegungslosigkeit." Er sei immer schon gegen die "Beschleunigung im Leeren" gewesen, sagte er, was Clapton-Kenner als versteckte Kritik an Carlas neuerlicher Gattenwahl ausgelegt hatten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Sarkozy seinem Schlagzeuger Kevin Costner eine listige Falle stellte.

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