Von Martin Kotynek

Ein Spitzenplatz für Deutschland: Zwei Drittel der Erwachsenen gelten als übergewichtig oder sogar fettleibig. Bewegungsfaulheit und Bierkonsum sind schuld daran. Nun droht eine Diabeteswelle und Experten fordern Politiker zum Handeln auf.

Dicke-e.V.-Mitglieder, dpa

Zwei Frauen vom Hamburger Verein Dicke e.V., der gegen die Diskriminierung von Übergewichtigen protestiert, am Ostseestrand. (Foto: dpa)

Drei Viertel der erwachsenen Männer und mehr als die Hälfte der erwachsenen Frauen in Deutschland sind übergewichtig oder fettleibig. Damit gibt es in Deutschland mehr Menschen mit überhöhtem Körpergewicht als in jedem anderen Land Europas, wie eine Studie der International Association for the Study of Obesity (IASO) belegt, die am Sonntag veröffentlicht werden soll.

In den vergangenen Jahren hatten Tschechien, Zypern und Großbritannien die Spitze der Rangliste eingenommen. Im globalen Vergleich liegt Deutschland nun mit den USA gleichauf. ,,Die Fettleibigkeit ist zu einer weltweiten Epidemie geworden und hat einen kritischen Punkt erreicht‘‘, warnt Vojtech Hainer, Präsident der europäischen Sektion der IASO: ,,Deutschland muss mit einer großen Belastung des Gesundheitssystems rechnen.‘‘

Die Organisation wertet die Angaben aller EU-Mitgliedsstaaten aus, im Falle Deutschlands wurden der Gesundheitsbericht des Bundesgesundheitsministeriums, der telefonische Bundes-Gesundheitssurvey und der Bertelsmann-Gesundheitsmonitor herangezogen.

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Der Body-Mass-Index (BMI) ergibt sich aus dem Körpergewicht in kg dividiert durch das Quadrat der Größe in Meter. Ein BMI größer als 25 gilt der WHO zufolge als Übergewicht. Von diesem Wert an beginnt das Risiko für Erkrankungen zu steigen. Liegt der BMI über 30, sprechen Ärzte von krankhafter Fettleibigkeit oder Adipositas. (Grafik: SZ: )

Demnach liegen die Deutschen beim Übergewicht mit beiden Geschlechtern auf Platz Eins der Europa-Rangliste: 52,9 Prozent der Männer und 35,6 Prozent der Frauen gelten nach den Standards der Weltgesundheitsorganisation WHO als übergewichtig. Adipös, also krankhaft fettleibig, sind weitere 22,5 Prozent der Männer und 23,3 Prozent der Frauen.

Bierkonsum spielt eine Rolle

In dieser Kategorie liegen die deutschen Frauen auf Platz Vier, die Männer auf Platz Sechs; den Spitzenplatz nehmen Männer aus Zypern und Frauen aus Tschechien ein. Kombiniert man beide Kategorien, gelten 75,4 Prozent der deutschen Männer und 58,9 Prozent der Frauen als übergewichtig oder adipös - mehr als zwei Drittel der erwachsenen Deutschen. Ein 1,80 Meter großer Mensch ist ab einem Gewicht von 81Kilogramm übergewichtig und ab 97,2 Kilogramm adipös.

 
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Für Francesco Branca, Berater für Ernährung bei der WHO, sind die Zahlen nicht überraschend: ,,Übergewicht und Adipositas entstehen, wenn mit der Nahrung mehr Energie aufgenommen wird, als durch körperliche Aktivität verbrannt wird. Die Deutschen decken ihren Energiebedarf zu 35 Prozent mit Fett, die Empfehlung liegt bei höchstens 30 Prozent.‘‘

Zudem bewegten sich 60 Prozent der Bevölkerung nicht ausreichend. Übergewicht sei auch eine Frage der gesellschaftlichen Stellung: Angehörige niedriger Einkommens- und Bildungsklassen seien überdurchschnittlich betroffen, so Branca. Laut Berthold Koletzko, Ernährungsmediziner an der Universität München, spielt auch der Bierkonsum eine Rolle: ,,Deutsche und Tschechen sind die fleißigsten Biertrinker. Gleichzeitig führen sie die Übergewicht-Statistik an.‘‘

Bier biete zusätzliche Kalorien, die nicht sättigen - das trage zur Entstehung von Übergewicht bei. Für die WHO zählen Übergewicht und Adipositas zu den Hauptrisikofaktoren für die Entstehung von Zivilisationskrankheiten: Überflüssige Pfunde können zu Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall und mehreren Formen von Krebs führen. Schon heute ist die Fettleibigkeit in Europa für eine Million Todesfälle pro Jahr verantwortlich.

Eine Diabeteswelle droht

Adipositas wirkt sich damit bereits erheblich auf die wirtschaftliche Entwicklung aus: Die durch Übergewicht verursachten Erkrankungen haben im vergangenen Jahr sechs Prozent der Ausgaben der europäischen Gesundheitssysteme verursacht - in Deutschland waren es (je nach Schätzung) zwischen zehn und zwanzig Milliarden Euro. ,,Die durch Fettleibigkeit verursachten Kosten belasten das Bruttoinlandsprodukt vieler Staaten bereits mit einem Prozentpunkt - das kommt nahe an die Folgekosten des Rauchens heran‘‘, sagt Branca.

Und dies sei erst der Anfang, ergänzt Koletzko: ,,Eine Diabetes-Welle, die durch Fettleibigkeit verursacht wird, rollt auf uns zu und wird das Gesundheitssystem weiter unter Druck bringen.‘‘ Die WHO fordert die Politik daher auf, rasch zu handeln: Die Bewerbung von fetten und stark zuckerhaltigen Nahrungsmitteln soll beschränkt und Bewegungsangebote für alle bezahlbar werden. ,,Entschlossenheit auf höchster politischer Ebene ist gefragt‘‘, sagt Branca: ,,Nur dann ist die Adipositas-Epidemie umkehrbar.‘‘

(SZ vom 19.4.2007)

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Leserkommentare (78)



23.04.2007 22:00:32

zoepp: Ist der Staat ein Ersatzelter?

"...Wenn die Politiker nichts auf die Reihe bekommen, muss man für sich eben selber sorgen!!! Wir sind es ja langsam gewohnt, in diesem Land."

Was erwarten sie denn, soll der Staat unternehmen? Jedem einen Diätplan aufstellen oder ihm die Süssigkeiten verbieten?

Was sie bemängeln, nämlich das man für sich selber sorgen müsse, ist meiner Auffassung nach eine Selbstverständlichkeit und Ausdruck, ja das Recht eines freien Bürgers.

Die Vereinsgründung, die im Beitrag zuvor beschrieben wurde, halte ich für ein gutes Beispiel verantwortungsbewussten Bürgertums, das nicht nach dem Staat ruft, sondern selbst etwas unternimmt. Der Staat sollte erst dann zu Hilfe eilen, wenn sich der Bürger nicht mehr selbst helfen kann, z.B. indem er einen Justizapperat zur Verfügung stellt, der Selbstjustiz verhindert. Im übrigen ist der Staat bereits in allzuvielen Lebensbereichen aktiv, in denen er eigentlich nichts zu suchen hat.

Hilfe erhält derjenige, der abnehmen will oder muss, an zahlreichen Stellen; der Hausarzt ist dabei als erste Anlaufstelle gewiss in den meisten Fällen eine gute Wahl.


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