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Reiseführer Russland:Ausflüge und Touren

Auf einem Flussdampfer oder im Zug quer durch Russland

Veronika Wengert

Auf dem Jenissej bis zum Eismeer

Vom Deck eines Schiffes auf der Wolga, der Lena oder der Newa zeigt sich der Zauber dieses weiten, unübersehbaren Landes auf ganz besondere Art und Weise. Reisebüros bieten unterschiedliche Touren an, die meist zwischen 12 und 14 Tagen dauern. Eine besonders attraktive Tour ist eine Fahrt auf dem Jenissej durch die Taiga und Tundra Sibiriens, die fast bis ans Eismeer führt. Noch vor wenigen Jahren war diese Region für den Tourismus unzugänglich. In den Jahren der Sowjetmacht bargen hier in zahlreichen Arbeitslagern Menschen unter härtesten Bedingungen Gold und andere Bodenschätze. Ganz in der Nähe lagen wichtige Atomkraftwerke.

Heute bringt Sie eines der komfortabelsten Flussschiffe, die „Anton Tschechow“, über den mächtigen Strom. Sie wurde nach modernsten Gesichtspunkten in Österreich gebaut und verfügt nur über Außenkabinen mit Dusche, WC und Klimaanlage. Außerdem steht ein Hallenbad mit Sauna zur Verfügung. Eine Reise auf dem Jenissej können Sie nur in der Navigationsperiode - zwischen Juni und September - buchen. Pro Person kostet die Tour rund 1500 Euro, inklusive Flug, Kabine, allen Mahlzeiten und Stadtführungen. Von Deutschland aus fliegen Sie nach Moskau und von dort noch einmal ca. 4,5 Stunden nach Krasnojarsk.

Krasnojarsk - 1628 am Jenissej gegründet - ist eine der letzten russischen Städte, die sich für ausländische Touristen geöffnet hat. Bemerkenswert sind die Pokrowskij-Kirche (Ecke Pr. Mira, Ul. Surikowa), und der Museumsdampfer St. Nikolai am Jenissejufer. Mit diesem Schiff soll Lenin ins Exil nach Minussinsk/Schuschenskoje gebracht worden sein. Krasnojarsk ist eine Industriestadt (etwa 900000 Ew.), die am Stadtrand eine riesige Staumauer mit dem größten Schiffshebewerk der Welt zu bieten hat. Nach einer Stadtrundfahrt beginnt dann auf der „Anton Tschechow“ die Faszination Jenissej, der sich 3487 km durch Sibirien schlängelt - auf mehr als 2000 km davon können Sie mit dabei sein. Die Zahl der Landgänge variiert von Anbieter zu Anbieter. Angelaufen werden meist folgende Städte:

Mit seinen hübschen sibirischen Holzhäuschen strahlt das Städtchen - ein Ostrog wie die ersten Flusssiedlungen genannt wurden - Jenisseijsk (22000 Ew.), dem der große Strom seinen Namen gab, viel Atmosphäre aus. Sehenswert ist eine Festungssiedlung, die 1618 von Kosaken gegründet wurde.

In Worogowo haben Sie den Eindruck, hier sei die Zeit stehen geblieben. Sie befinden sich in einer uralten sibirischen Kosakensiedlung, und im Heimatmuseum erfahren Sie interessante Einzelheiten über das Leben der Kosaken zur Zeit der Besiedlung am Jenissej. Ab Worogowo befahren Sie dann einen der schönsten Flussabschnitte. Am Ort Schekje vorbei erreichen Sie gegen Abend Kosma. Hier atmen Sie Taigaluft pur. Vielleicht erspähen Sie sogar Bären, Füchse oder andere Taigabewohner. Auf jeden Fall sollten Sie in einem Restaurant am Ufer die landestypische Fischsuppe (Ucha) probieren.

Ein besonderes Erlebnis erwartet Sie bei Kureijka: Sie überqueren den Polarkreis, und das wird an Bord mit einem zünftigen „Neptunfest“ gefeiert.

In Igarka (10000 Ew.) befindet sich das Institut für Bodenkunde. Sie erfahren dort einiges über die Probleme des Lebens auf ewig gefrorenem Eisboden.

Sie nähern sich nun immer mehr dem Eismeer und begrüßen Dudinka, wo neben den Russen Ewenken, Dolganen und Nenzen leben. 1667 von pomorischen Jägern gegründet, ist Dudinka heute eine gut ausgebaute Stadt (27000 Ew.) mit einem großen Fluss- und Seehafen. In einem Museum können Sie sich über die Völker des Nordens informieren, und ein Folkloreprogramm macht Sie mit der Kultur eines dieser Völker vertraut.

Letzte Station ist der Ort Ust Port, der 40 Wochen im Jahr Winterschlaf hält. Wenn Sie ankommen, ist er voll da, zeigt die spröden Schönheiten der unberührten Natur, seine Sümpfe und Teiche, riesige, gut geschützte Lebensräume. Von Norilsk fliegen Sie dann nach Moskau zurück.

Mit der Transsib nach Irkutsk

Ein Erlebnis der besonderen Art ist eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn. Noch immer gehört sie zu den Reiseklassikern, und vor allem bei jungen Leuten steht dieser Abenteuertrip hoch im Kurs. Das Leben und Treiben auf der Strecke - russischer Alltag pur - muss man erlebt und die Landschaft in ihrer endlosen Weite genossen haben. Die Reise auf dieser längsten Eisenbahnstrecke der Welt - für die 9296 km von Moskau bis Wladiwostok braucht der Zug 158 Stunden - steht nach wie vor im Guinness-Buch der Rekorde. 360 Großstädte, Städte, Dörfer und Siedlungen werden „überrollt“. Als Vorschlag für einen besonders attraktiven Abschnitt wird im Folgenden die Teilstrecke von Nowosibirsk nach Irkutsk beschrieben. Es ist eine Fahrt über 1848 km mit einer Reisedauer von 31 Stunden.

Nach der Übernachtung in Nowosibirsk treten Sie Ihre Reise am Hauptbahnhof (Woksalnij Magistral) an. Ihr Zug fährt um 19.57 Uhr ab - allerdings Moskauer Zeit, denn auf der gesamten Strecke gilt Moskauer Zeit, und das heißt bei einem Zeitunterschied von drei Stunden, es ist in Nowosibirsk bereits 22.57 Uhr.

Der Zug ist ein ganz normaler russischer Zug und nicht speziell für Touristen ausgerüstet; er dient als Beförderungs- und Transportmittel von Tante, Onkel und Babuschka mit auffallend viel Gepäck auf dem Weg gen Osten. Es gibt Wagen der 1. und 2. Klasse, d.h. Abteile mit zwei oder vier Betten (keine Trennung nach Geschlecht). Es gibt aber nur wenige 1.-Klasse-Abteile, der Platz in den Vierbettabteilen ist auch ausreichend, wenngleich etwas beengt. Die Bettlänge beträgt 1,75 m, die Breite 65 cm. Entsprechend der Klasse hat ein Wagen entweder 18 oder 36 Schlafplätze. Reiseveranstalter buchen meist einen ganzen Wagen.

Zu Beginn lernen Sie gleich die Prowodniza, die Zugbegleiterin, kennen, die Sie auf dieser Teilstrecke betreut. Für Fragen und Wünsche ist sie zuständig, sie sorgt für saubere Bettwäsche und heißen Tee. Zu Beginn prüft sie Ihre Fahrkarte so genau wie die Beamten Ihren Pass bei der Einreise nach Russland. Der dunkelgrüne Zug startet pünktlich. Pünktlichkeit wird auf dieser Strecke groß geschrieben. Sie können an dem Fahrplan, der in jedem Wagen aushängt, immer genau verfolgen, wann Sie wo ankommen werden und wann die Weiterreise erfolgt. Ein Gang durch den Wagen macht Sie mit den Extras bekannt: An der Einstiegsseite (immer vorn) entdecken Sie einen mit Holz und Steinkohle beheizten Ofen, daneben den heißes Wasser spendenden Boiler, im Korridor gibt es Steckdosen (120 und 240 Volt), Radioschalter, Klappstühle und im hinteren Fond die Raucherecke. Ebenfalls am hinteren Ende des Wagens befindet sich jeweils der Toiletten- und Waschraum. Die sanitären Anlagen entsprechen russischem Niveau, und das ist nach westeuropäischen Maßstäben eher primitiv. Die Toiletten werden aber mindestens einmal am Tag gereinigt und desinfiziert. Das Wasser zum Waschen ist kalt, warmes müssen Sie aus dem Boiler holen. Toilettenpapier ist rar, auch Seife gibt es nur in Ausnahmefällen.

Wenn Sie allein reisen und Lust haben, für kurze Zeit russisches Leben pur zu erleben, dann sollten Sie sich das Abteil mit Russen teilen. Diese richten sich ganz schnell häuslich ein und bringen meist auch ihre Pantoffeln mit: Aus den Koffern und Pappkartons werden mitgebrachte frische Äpfel und nach Knoblauch riechendes, eingelegtes Gemüse auf die Fensterbank gelegt. Und ehe Sie sich versehen, sind Sie zu einem Begrüßungsgläschen eingeladen.

Die Fahrtgeschwindigkeit beträgt selten mehr als 80 km/h. So bleibt genug Zeit, die Landschaft zu betrachten - Dörfer und Städte, die typischen russischen Holzhäuschen in Grün und Blau mit Holzornamenten. Antennenanlagen ragen wie Kreuze an schief stehenden Kiefernstangen in den Himmel. Punkt 23.48 Uhr (immer Moskauer Zeit) erreichen Sie Taiga (26000 Ew.), eine Stadt, die in der Aufbauphase der Transsib errichtet wurde. Zweieinhalb Stunden später haben Sie in Mariinsk einen Aufenthalt von 23 Minuten. Die Einheimischen sorgen für Nachschub an Essen und Trinken für den kommenden Tag. Als Ausländer, der sich nicht so gut auskennt, bleibt man besser im wärmenden Bett. Das gilt auch für die nächsten Stationen Bogotol und Atschinsk.

Krasnojarsk erreichen Sie um 8.34 Uhr (Ortszeit 12.34 Uhr) mit 20 Minuten Aufenthalt, die Sie nutzen können, um sich die Beine zu vertreten und Pelmeni (Teigtaschen), Räucherfisch oder eine Kohlsuppe von den Babuschkas (älteren Frauen) auf dem Bahnsteig zu kaufen. Am Kiosk gibt's Zigaretten und Süßigkeiten. Aber entfernen Sie sich nicht zu weit vom Zug, der fährt pünktlich - auch ohne Sie - weiter. Nach dem kurzen Ausflug ins Bahnsteiggewühl haben Sie wieder Muße zum Schauen. Anton Tschechow beschrieb die Faszination der Taiga einmal so: „Die Eindruckskraft und der Zauber der Taiga liegt nicht in ihren Baumriesen und ihrer feierlichen Stille, sondern darin, dass nicht einmal ein Vogel, der über sie hinwegfliegt, weiß, wo sie endet.“

Beim Eisenbahnknotenpunkt Taischet (Transsib, Baikal-Amur-Magistrale und die Verbindung Krasnojarsk-Nowosibirsk über Abakan) ist die Nachmittagsstunde erreicht. Vielleicht machen Sie jetzt einen kleinen Ausflug in den Speisewagen. Hier kann man von 9 bis 21 Uhr (es gilt die Ortszeit) etwas essen. Das Angebot ist klein - Brot, Gulasch, gegrilltes Huhn, Salate, Gurken, Tomaten (grün eingelegt oder rot) -, aber sehr preiswert. Der Speisewagen ist gleichzeitig das soziale und kommunikative Zentrum für die Verbündeten auf Zeit. In dem rollenden Restaurant werden dauerhafte Freundschaften geschlossen.

Nach Nischneudinsk (18.56 Uhr, 23 Minuten Aufenthalt) erreichen Sie schließlich Sima (22.43 Uhr). Der Ort (wörtlich „Winter“) wurde 1898 als eine Baustelle bei Errichtung der Transsib in der Nähe des gleichnamigen kalten Flusses gegründet. Hier haben Sie 25 Minuten Aufenthalt.

Entlang der Bahnlinie sind in Fahrtrichtung (West nach Ost) Kilometersteine sichtbar. Die Zahlen darauf geben jeweils die Entfernung von Moskau aus an. Vor Taiga heißt es dann 3571 km und vor Sima 4940 km.

Nach Angarsk (247000 Ew.), mitten in der Taiga gelegen, erreichen Sie schließlich um 3.19 Uhr Irkutsk. In der Halbmillionenstadt ist es halb neun in der Frühe. Aber der Reiseveranstalter hat vorsorglich ein Hotelzimmer für Sie gebucht, in dem Sie schlafen und sich ausruhen können, denn die Reise auf der Transsib ist alles andere als eine Erholungstour.

Ein Wort zur Sicherheit: Alle Reiseveranstalter, die eine Fahrt mit der Transsib anbieten, versichern, dass es nie ernsthafte Probleme gegeben hat - entgegen den abenteuerlichen Berichten, die in den Medien über Korruption, Mafia und Diebstahl kursieren. Dennoch bleibt die überall übliche Vorsicht geboten: Wertsachen nie unbeaufsichtigt lassen, das Gepäck im Auge behalten.

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Spannend ist das unvorhersehbare Moment - Russland ist ein Land, in dem viel improvisiert wird. Und faszinierend ist die Weite des Landes.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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