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Reiseführer Mailand - Lombardei:Auftakt

Entdecken Sie Mailand!

Mailand hat Klasse: Die Stadt hat eines der besten Opernhäuser der Welt, einzigartige Museen, ein paar Straßenzüge mit der höchsten Dichte an Mode- und Designerläden. In Mailand erleben Sie das „andere“ Italien, ein pulsierendes Italien des 21. Jhs. Milano ist die Stadt der Kreativen und der Banker. Und ob im Maßanzug oder in Turnschuhen – Stil hat die Stadt wie keine zweite. Man muss sich nur auf sie einlassen: Trinken Sie Ihren Aperitif in einer der schönen Bars, steigen Sie aufs Dach des Doms, streifen Sie zu Fuß durchs Zentrum – Sie werden angetan sein. Wenn nicht begeistert!

Es gibt Tage, die strahlen vor Vergnügen. Wenn sich dann der gläserne Fahrstuhl aus dem Grün des Parco Sempione erhebt, man einen ersten Blick von oben in das sonnenbeschienene Castello Sforzesco werfen kann, langsam dahinter marmorglänzend der Dom mit der goldenen Madonnina sichtbar wird, warme Luft in südlicher Ferne die Apenninhügel flirrend umspielt, während sich in der Gegenrichtung hinter dem Arco della Pace, im Norden, der majestätische Alpenkranz vom wolkenlos blauen Himmel absetzt – dann möchte man oben auf der Torre Branca diese Stadt umarmen. Aber es kommt auch vor, dass ein bleigrauer Himmel über den Dächern lastet, sich Smogschlieren auf die Fenster legen, die Luft im Hals kratzt und die Menschen den Mantelkragen wie Scheuklappen aufgerichtet haben. Dann will man nur noch weg. Nach Genua ans Meer, eine gute Stunde mit dem Auto, oder in die Berge, auf den Monte Generoso gleich hinter der Schweizer Grenze, wo man den Kopf aus den giftigen Wolken stecken kann. Mailand, sagt der Schriftsteller Andrea De Carlo, ist eine ideale Stadt, weil man so schnell woanders sein kann: in Genf oder Zürich, in Nizza oder Venedig.

Es war wohl auch diese günstige Lage zwischen Bergen und Meer, die im 4. Jh. v. Chr. zur Gründung einer Stadt „met e leun“, inmitten der Ebene, durch die Kelten geführt hat. Inmitten der Ebene, am Kreuzpunkt von Wegen, auf denen Waren und Ideen transportiert wurden: Diese Lage hat oft genug auch Appetit bei fremden Mächten geweckt, die von allen Seiten kamen, um sich diesen reichen Stadtbrocken einzuverleiben. Heute ist Mailand mit rund 9 Mio. Gästen pro Jahr nach Rom die meistbesuchte Stadt Italiens. Fast zwei Drittel dieser Besucher geben geschäftliche Gründe für ihren Besuch an. Das hat leider Auswirkungen auf die Preise in Restaurants, Hotels und Geschäften.

Gegensätze prägen die Stadt, in der man großartige Zeugen romanischer Kirchenbauten besichtigen kann und die zugleich von der Zweckarchitektur einer Handelsmetropole bestimmt scheint, in der es alle Leute immer eilig haben und in der dennoch Kreativität Trumpf ist. Mit Paris und New York ist Mailand eine weltbestimmende Hauptstadt der Mode, was man etwa im Quadrilatero della Moda, im Modeviertel hinter dem Dom, erleben kann. Auch wer neueste Tendenzen im Design von Industrieformen bis zu Alltagsgegenständen sucht, wird sie hier, wo sie erdacht werden, finden. Die Scala, das Piccolo Teatro und die Pinakotheken Ambrosiana oder Brera sind Aushängeschilder für die führende Rolle der Stadt auf dem Sektor der schönen Künste – vor allem, weil in ihr Kultur auf großen und kleinen Bühnen, in Studios, bei Medienbetrieben und Verlagen entsteht und nicht nur museal verwaltet wird. Auch Phänomene der Massenkultur von der Werbung bis zum Fußball (Inter! Milan!) sind hier zu Hause. Technologie und Forschung haben sich Mailand mit seinen sieben Universitäten und unzähligen Fachinstituten längst zur Hauptstadt gewählt. In den Clubs und Musikcafés swingt, klingt und tanzt es das ganze Jahr über wie in den Diskos von Rimini zur Hochsaison. Nur etwas schicker, weniger provinziell – und viel teurer.

Sogar der politische Populismus eines Silvio Berlusconi und seiner Partei Popolo della Libertà hat in dieser Metropole eine Hochburg. Aber zugleich ist von hier aus Anfang der Neunzigerjahre unter dem Schlagwort „Mani pulite“ („saubere Hände“) die Justizkampagne gegen Korruption und illegale Parteienfinanzierung in Gang gekommen, in deren Tradition sich heute eine ganze Palette von Protestgruppen zu einer neuen Bürgerrechtsbewegung zusammengefunden hat. Dazu passte 2011 die Wahl des linken Anwalts Giuliano Pisapia zum Bürgermeister.

Mailand ist keine einfache Stadt, und das nicht nur in klimatischer Hinsicht (schwüle Sommer, nasskalte Winter). Sie ist laut bis in die späte Nacht, und doch gibt es verträumte Winkel mitten im Zentrum wie den kleinen Park in der Via Giardini oder Bramantes Kreuzgang von Santa Maria delle Grazie. Sie ist schnell und geschäftstüchtig bis zur Schmerzgrenze, und doch sagt man ihr ein großes Herz nach, das zum Beispiel kranke ältere und schwache jüngere Menschen nicht ausschließt, wie die vielen Freiwilligenorganisationen zeigen. Sie ist anspruchsvoll bis zur Arroganz – und bietet zugleich Neuankömmlingen und Quereinsteigern Wege zum Erfolg. Sie hält mit ihrer Kirche Sant’Ambrogio auf lokale Traditionen und gibt sich zugleich als globaler Handelsplatz weltoffen. Der angestammte Dialekt ist hier ebenso zu Hause, wie es fremde Sprachen sind. Chinesen leben an der Via Paolo Sarpi, Afrikaner bei der Porta Venezia, Englisch ist längst die Lingua franca der Finanzmetropole, und auch rund 20 000 Deutsch Sprechende wohnen und arbeiten in und um Mailand herum.

Noch immer gilt die Stadt als das Industriezentrum Italiens. Das ist jedoch lange her, wie die stillgelegten Fabriken bei der Via Procaccini zeigen, in die gerade Kulturinstitutionen und Kommunikationszentren wie die Fabbrica al Vapore einziehen. Eine neue Universität, mehrere Forschungseinrichtungen und sogar ein Musiktheater, das Teatro degli Arcimboldi, und Ausstellungshallen haben das ehemalige Werksgelände der Reifenfirma Pirelli im Viertel Bicocca umgekrempelt. In der Innenstadt entstehen neue, vielgeschossige Verwaltungszentren, u. a. die Città della Moda beim Garibaldi-Bahnhof. Und auf dem früheren Messegelände der Fiera werden berühmte Architekten wie Daniel Libeskind und Zaha Hadid bis 2015 drei 240-m-Hochhäuser bauen, während am westlichen Stadtrand bei Rho 2005 das größte Messegelände Europas nach Plänen von Massimiliano Fuksas eingeweiht wurde. Hier entsteht auch das Ausstellungsgelände für die Weltausstellung Expo 2015. Mailand ist dabei, seine Skyline radikal zu verändern. Dazu gehören auch die vielen Kulturbaustellen wie neue Museen oder die Europäische Bibliothek für Information und Kultur (BEIC) auf dem ehemaligen Gelände der Stazione Vittoria.

Die Stadt zeigt sich dynamisch wie lange nicht mehr und unterstreicht mit vielen Firmensitzen und Dienstleistungsbetrieben ihre führende Rolle als Wirtschafts- und Finanzzentrum Italiens. In der Stadt werden zehn Prozent des italienischen Bruttonationaleinkommens erwirtschaftet und die Arbeitslosigkeit ist nur halb so hoch wie der nationale Durchschnitt. Hier leben rund 1,3 Mio. Menschen, im Umland, das längst mit Mailand zu einer einzigen Metropole verschmolzen ist, wohnen fast 5 Mio. 800 000 Menschen pendeln jeden Tag in die Stadt – da kann die Parkplatzsuche zum Abenteuer werden.

Genau hinschauen: Das ist die Grundformel für diese Stadt, die von Leonardo da Vinci ebenso geprägt wurde wie von Giuseppe Verdi. Der große Komponist war zudem eine Leitfigur für die italienische Einheitsbewegung im 19. Jh., das Risorgimento. „Viva Verdi!“ riefen die Mailänder nach seinen Aufführungen in der Scala, bejubelten den Schöpfer des „Rigoletto“ oder der „Traviata“, aber meinten mit V.E.R.D.I. auch „Vittorio Emanuele Re d’Italia“ – „Es lebe Viktor Emanuel, König von Italien!“ Und die bis 1859 herrschenden Österreicher zogen die Stirn kraus.

Genauer hinschauen: Und plötzlich öffnen sich graue Fassaden zu bezaubernden Innenhöfen, tauchen hinter anonymen Ecken Kleinode der Architektur vergangener Jahrhunderte auf, prangen hinter schmutzigen Kirchenfassaden Meisterwerke der Kunst. Wer in Mailand genau hinschaut, der entdeckt Geschichte nicht museal isoliert, sondern als Teil der Gegenwart. Wenn etwas nicht fertig werden will, dann sagt man, das dauere ja „come la fabbrica del duomo“, so lange wie die Arbeit der Dombauhütte, die sechs Jahrhunderte für die Kathedrale benötigte – und kurz nach Beginn des 21. Jhs. drei Jahre lang aufwendig die Fassade gereinigt hat, sodass sie wieder allem Smog zum Trotz erstrahlt.

Mailand leuchtet auch, wenn es dunkel wird: Der helle Stein im Kunstlicht macht den Dom zum glänzenden Solitär, geheimnisvoll blau schimmert es vom Dach des Scala-Verwaltungsbaus, und das Castello Sforzesco kommt am Abend in weißem Lichterglanz zur Geltung.

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Bettina Dürr pendelt seit bald drei Jahrzehnten zwischen Norditalien und Düsseldorf. Sie schreibt Reiseführer und kulinarische Sachbücher und übersetzt Kinder- und Jugendliteratur. Gelegentlich organisiert sie für kleine Gruppen Kurzreisen zu ausgewählten Themen. So kommt sie fast automatisch viel in Norditalien herum. Richtig Ferien machen kann sie kaum noch – eine Art Berufsdeformation.

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Quelle: www.marcopolo.de