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Reiseführer Indien:Stichworte

Heilige Kühe, Mitgift und Mohn. Die Menschen im Vielvölkerstaat leben nach Regeln, von denen uns viele fremd sind

Ayurveda

Die wörtliche Übersetzung des aus dem Sanskrit stammenden Wortes Ayurveda bedeutet "Wissenschaft vom Leben und der Langlebigkeit". Es geht um das Gleichgewicht von Körper und Seele. Ayurvedazentren, wie sie in Südindien, vor allem in Kerala, in vielen Hotels angeboten werden, haben zwei Hauptzweige. Der eine ist eine Wellnessbehandlung, gern unter dem Stichwort rejuvenation, also zur Verjüngung, empfohlen. Der andere, nicht so verbreitet, zielt auf die Heilung von Erkrankungen. In beiden Zweigen bauen die Ayurvedakundigen auf Diagnoseerfahrungen auf, die in Jahrtausenden erprobt wurden.

Jeder Mensch hat demnach seine eigene Konstitution, zusammengesetzt aus den drei Doshas Vata, Pitta und Kapha, die jedes für sich zu den beiden anderen Doshas und in Beziehung zu den Elementen steht, zum Feurigen und zum Kalten, zum Flüssigen und zum Festen, zum Schweren und zum Leichten. Wenn das Gleichgewicht der Doshas gestört ist, ist der Mensch krank. Die Kunst des Ayurveda-Arztes besteht darin, die individuelle Konstellation zu erkennen und wiederherzustellen.

Ölmassagen und Stirngüsse, auch Schwitzbäder sind übliche Ayurveda-Behandlungen. Werden ernste Störungen des körperlich-seelischen Gleichgewichts diagnostiziert, hält der Arzt eine Fülle von Kräutermedizinen bereit (aus Hunderten von Heilpflanzen). Oft wird die Ernährung umgestellt, Verzicht auf Alkoholika und Bewegungstherapien wie Yoga empfohlen. Die erstaunlichen Erfolge von Ayurveda - z. B. bei rheumatischen Erkrankungen, auch bei Parkinson - erscheinen vielen unerklärlich. Aber plädieren nicht auch europäische Ärzte für ganzheitliche Medizin, für die Balance von Körper, Geist und Seele? In Indien hat man damit lange Erfahrung.

Brahmanen

Sie kamen aus dem Norden, waren hellhäutig und groß und nannten sich Aryas (Edle). Das war um 1500 bis 500 v. Chr. Kein Wunder, dass die Zuwanderer auf die Ureinwohner und die ebenfalls dunkelhäutigen Drawiden faszinierend wirkten. Und deshalb entstanden Mythen. Lange Zeit hielt das Vindhya-Gebirge in Mittelindien den Weiterzug der Aryas nach Süden auf. Dann aber dienten Brahmanen, die Priester der Aryas mit religiösem Geheimwissen, auf dem ganzen Subkontinent, bald auch im Tempel von Chidambaram im südlich gelegenen Tamil Nadu, lebten Nambudiri-Brahmanen im südwestlichen Kerala, nicht weit vom Südkap Indiens. Brahmanen sind die Hüter der Orthodoxie. Ihren Namen haben sie von dem Sanskrit-Wort Brahman, das "heilige Kraft", auch "höchste Gottheit" bedeutet. Nur Brahmanen sind Priester, aber nicht alle üben ein Priesteramt aus. Man findet sie in vielen anderen gehobenen Berufen und verantwortungsvollen Positionen. Der soziale und persönliche Zwiespalt entsteht dadurch, dass einerseits die Politik die Privilegien der Brahmanen einschränken will, andererseits für die Brahmanen jedoch wegen ihrer strikten Reinheitsgebote (z. B. beim Essen) der uneingeschränkte Kontakt mit der übrigen Bevölkerung ein Problem ist.

Eisenbahnen

Indiens Eisenbahn ist die zweitgrößte einheitlich verwaltete der Welt und die mit den meisten Fahrgästen. Keineswegs sind alle Fahrten so atemberaubend schön wie die mit der Darjeeling Himalayan Railway, wenige so luxuriös wie die im Touristenzug Palace on Wheels. Jeden Mittwoch - von September bis April - startet dieser rollende Palast von New Delhi zur luxuriösen Rundreise durch Rajasthan und zum Taj Mahal. Zwei Restaurants, Schönheitssalon, Satellitentelefon und Butlerservice, nicht zuletzt die breiten Doppelbetten lassen keine Wünsche offen (www.palaceonwheelsindia.com) - zu Preisen wie im 5-Sterne-Hotel. Kaum preiswerter sind auch die beiden Konkurrenzzüge Royal Train (durch Rajasthan und Gujarat) und Deccan Odyssey (von Mumbai durch Maharashtra und Goa).

Vor allem Zahl und Tempo der Fernverbindungen nehmen zu. Der Rajdhani Express (klimatisiert) verbindet Delhi mit Mumbai, Kolkata, Bangalore, Chennai und nun auch mit Thiruvananthapuram. Die erst 1998 eingeweihte Strecke von Mumbai über Goa, Konkan Railway genannt, führt durch eine herrliche Landschaft über unzählige Brücken und durch 92 Tunnel an die tropische Südküste. Statt früher zehn bis elf Stunden brauchen die Züge von Mumbai nach Goa (600 km) nur noch acht Stunden.

Speisewagen sind selten, aber auf den Bahnhöfen finden sich Restaurants und Hunderte von fliegenden Händlern. Genial ist folgendes Versorgungssystem: Ein Mann steigt in den Zug, nimmt Bestellungen auf; am nächsten Bahnhof steigt er aus, übermittelt die Wünsche zum übernächsten Bahnhof; dort steigen Leute mit den bestellten Gerichten ein, bedienen, sammeln das gebrauchte Geschirr wieder ein, kassieren und steigen am vierten Bahnhof aus.

Familie

Für Inder gleich welcher Religion spielt die Familie eine lebenswichtige Rolle. Die Gemeinschaft soll Männer und Frauen in wirtschaftlichen und seelischen Nöten auffangen. Im günstigen Fall erfüllt sie diese Erwartung. Meist leben noch mehrere Generationen unter einem Dach. Aber junge Leute akzeptieren nicht mehr frag- und widerspruchslos, was für ihre Eltern meist noch selbstverständlich war: die arranged marriage, das Lebensbündnis mit einem Partner, einer Partnerin, die von den Eltern oft im Kindesalter ausgesucht wurden. Vorsichtige Eltern warten mittlerweile die Zustimmung ihrer heranwachsenden Kinder ab.

Wie viele Kinder wird das junge Paar haben? "We two - our two" heißt einer der Slogans, mit denen der Staat für kleine Familien wirbt. Indiens dramatischer Bevölkerungszuwachs - binnen wenig mehr als drei Jahrzehnten wurden aus 500 Mio. Menschen eine Milliarde - konterkariert die wirtschaftlichen Erfolge im Kampf gegen die Armut. Der aufstiegsorientierte Mittelstand strebt die Zwei-Kinder-Familie schon an, auch ohne staatliche Werbung. Die ärmeren Leute aber erhoffen sich Unterstützung durch möglichst viele Söhne - sie haben keine andere Altersversorgung. Da Töchter bei der Verheiratung Kosten verursachen, versucht man, möglichst keine zu haben - grausame Mittel sind die medizinische Selektion vor der Geburt oder die Vernachlässigung weiblicher Säuglinge. Statistisch hat Indien ein Frauendefizit.

Frauen

Das höchste Regierungsamt Indiens wurde von einer Frau, Premierministerin Indira Gandhi (1966-1977 und 1980-1984) sowie von Pratibha Patil (2077-2012), ausgeübt. In einem Land, in dem vor 150 Jahren Witwenverbrennungen nicht ungewöhnlich waren? In einem Land, in dem junge Frauen durch eine Kerosinexplosion in der Küche umgebracht werden, weil die Familie des Mannes sich eine weitere Mitgift durch neue Heirat erhofft? Es gibt noch Benachteiligungen der Frauen, aber sie werden weniger. In den Städten sind immer mehr Frauen ausgebildet, berufstätig und daher selbstbewusster. Der Anteil der Frauen in Hightechberufen ist erstaunlich hoch, und auf dem Land ergreifen sie an vielen Orten neue Möglichkeiten wirtschaftlicher Verbesserung. Selbst bei Konservativen wächst mittlerweile das Bewusstsein, das die Hindu-Religion Shakti, die weibliche Kraft, als mächtig und schöpferisch anerkennt.

Heilige Kühe

Auf dem Grünstreifen der Straße hat sie gegrast, sich mitten auf die Fahrbahn gestellt. Reifen quietschen, Autos fahren waghalsige Kurven, sie trottet weiter auf den Bürgersteig. Sie ist heilig, denn sie ist eine Kuh, aber fast jede Kuh ist auch Privateigentum. Ihre Milch wird als Gottesgabe angenommen, ebenso das geschmolzene, geklärte Butterfett ghee, dem höchste Reinheit zugesprochen wird. Die Kuh ist Symbol des Lebens, der Güte und der Freigiebigkeit. Ihre Fladen sind rein und können, von Hand mit Stroh verknetet, an eine Wand zum Trocknen geklebt werden, bevor sie den Herd heizen. Wird die Kuh einem Inder allzu lästig, schiebt er sie beiseite oder ohrfeigt sie.

HIV

Immer wieder begegnet man großflächigen Plakatwänden, die sich von der üblichen Werbung abhebt: Viel Text, der oft in der Schrift der Landessprache geschrieben ist, bis auf vier lateinische Buchstaben mittendrin: AIDS. Außerhalb Afrikas ist Indien das Land mit der höchsten Anzahl von HIV-Infizierten (2,4 Mio.). Die Regierung versucht aufzuklären: mit Plakaten oder mit Kampagnen, bei denen Schulkinder in Demonstrationszügen marschieren. Solche Aktionen brechen aber nicht die Tabuisierung von Sexualität in der indischen Gesellschaft, und Infizierten droht der Ausschluss aus der Gemeinschaft. Risikogruppen wie Fernfahrer oder Prostituierte verstärken die Verbreitung der Immunschwächekrankheit, doch längst betrifft AIDS die gesamte indische Gesellschaft.

Mitgift

In Indien kommen auf 1000 Männer nur 940 Frauen. Dieses Ergebnis der Volkszählung von 2011 klingt banal, ist allerdings ein Zeichen eines schwerwiegenden Problems, das zur gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Bedrohung gerät. Viele indische Familien bevorzugen Söhne. Ein Grund ist der Brauch der Dowry, die Mitgift, die bei Hochzeiten von den Eltern der Braut an die Familie des Bräutigams gestiftet wird. Oft sind hohe Schulden oder sogar der Ruin die Folge. Mehr als 3 Mio. weiblicher Föten sollen seit 2000 in diesem Zusammenhang getötet worden sein. Pränataldiagnostik zur Geschlechtserkennung ist daher in vielen indischen Bundesstaaten verboten, was aber ebenso wenig wirkt wie das seit 50 Jahren bestehende Gesetz gegen die Dowry-Praxis. Nur ein gesteigertes Bildungsniveau und Aufklärung versprechen Besserung.

Mohn

Reist man östlich Chittorgarhs über viele Kurven von Bassi ins Hochland, sind die weißblühenden Felder nicht zu übersehen: Mohnblüten! Daraus wird Opium, aus dem Saft der Fruchtkapseln, und hier im Auftrag der Regierung hergestellt - zur Verwendung in der Medizin als Beruhigungs- und Betäubungsmittel. Wegen der Suchtgefahr gilt das weltweite Opiumverbot auch in Indien. Nur an einem Ort, südlich von Jodhpur im Distrikt Pali ist es aufgehoben - weil hier schon seit Jahrhunderten das Opium ein wichtiges Requisit eines Opferrituals für die Götter und wichtiger Teil des Dorflebens ist. Die Opiumzeremonie, meist zu Ehren Shivas abgehalten, ist religiöse Handlung und gemütlicher Kreis der Dorfältesten zugleich. Frauen ist die Teilnahme nicht erlaubt.

Sprachen

Wie viel Gutes oder Schlechtes die britische Kolonialherrschaft Indien gebracht hat, das indische Staatsvolk verdankt ihr die wichtigste gemeinsame Amtssprache: Englisch. Weil praktisch jeder gut oder halbwegs ausgebildete Inder sich auf Englisch verständigen kann, ist das Leben auch für Touristen ungleich leichter als in vielen anderen exotischen Reiseländern. Außer der englischen gibt es keine gemeinsame Sprache aller Inder, sondern 18 verschiedene von der Verfassung anerkannte Hauptsprachen und mehr als 1600 andere kleinere Sprachen und Dialekte. Hindi wird vor allem in Uttar Pradesh und in Madhya Pradesh gesprochen und ist die in Indien am meisten verbreitete indo-arische Sprache, neben Bengali, Bihari, Punjabi, Rajasthani. Von vier Indern sprechen etwa drei eine indo-arische Sprache. Die frühe indo-arische Hochsprache Sanskrit, in der die heiligen Texte überliefert sind, wird von einer Brahmanenminderheit noch immer gelehrt.

Zur drawidischen Sprachfamilie gehören Tamil (in Tamil Nadu), Kannada (in Karnataka) und Telugu (in Andhra Pradesh). Heftige Opposition flammt im Süden immer wieder gegen die Amtssprache Hindi auf und gegen die Versuche, Hindi statt Englisch zur Nationalsprache zu machen.

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Eine staubige Piste voller Schlaglöcher diente als Landebahn, als Michael Neumann-Adrian 1966 das Dorf Khajuraho besuchte. Gemeinsam mit Ehefrau Edda veröffentlichte er viele Bücher zu Indien. Der Journalist Gabriel A. Neumann studierte Hindi und die Geschichte des Subkontinents und schreibt heute gemeinsam mit seinen Eltern über Südasien.

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Quelle: www.marcopolo.de

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