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Landshut:Irrwege einer Bürgerlichen

Bild in neuer Seite öffnenIna Seidel, 1965

Taugt sie heute noch als Namensgeberin für Straßen und Plätze? Das Foto der Schriftstellerin Ina Seidel (1885-1974) entstand an ihrem 80. Geburtstag.

(Foto: dpa)

Die Schriftstellerin Ina Seidel war eine Anhängerin des Nationalsozialismus, bekannte aber nach dem Krieg ihre Schuld. Heute ist sie umstrittener denn je.

Von Hans Kratzer, Landshut

Der literarische Ruhm der Schriftstellerin Ina Seidel (1885-1974) mag zwar längst verblasst sein, aber die Nennung ihres Namens reicht allemal aus, um hitzige Debatten zu entfachen. Dafür gibt es einen triftigen Grund, nämlich ihre fragwürdige Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus. Allgemein betrachtet, finden sich in ganz Deutschland Straßen und Plätze, die nach Ina Seidel benannt sind. Dieser Umstand wäre nicht der Rede wert, wenn sie sich nicht in Gedichtform den Diktator Hitler gepriesen hätte. Mehr denn je zählt Seidel deshalb zum Kreise jener Personen, bei denen sich die Frage stellt, ob es noch gerechtfertigt ist, dass Straßen oder Plätze ihren Namen tragen. Der Landshuter Stadtrat hat es zuletzt nach einer erregt geführten Debatte abgelehnt, die dortige Ina-Seidel-Straße umzubenennen. Landshut steht damit nicht alleine da. Auch andere Städte beschlossen in der Vergangenheit, ihre Ina-Seidel-Straßen zu behalten.

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Mehrere Landshuter Stadträte hatten ihren Antrag auf Umbenennung mit dem Argument begründet, Seidel sei eine glühende Anhängerin des Nationalsozialismus gewesen, der man kein Denkmal setzen dürfe. Als die Straße im Jahr 1999 in einem Neubaugebiet nach ihr benannt wurde, hatte man die Vergangenheit von Seidel ausgeblendet. Es bestand lediglich ein Interesse, die Straßen in dieser Siedlung nach Schriftstellern zu benennen, dabei sollten auch Frauennamen berücksichtigt werden. "Dass man ausgerechnet auf Ina Seidel kam, hätte niemals passieren dürfen", sagen manche Landshuter heute. Aber in der Nachkriegszeit hat diese Sensibilität bei der Wahl von Straßennamen fast überall gefehlt. So existiert auch in München, im Stadtbezirk Bogenhausen, ein Ina-Seidel-Bogen. Allerdings soll der Name auf einer geheimen Liste von 40 umzubenennenden Straßen stehen. In Starnberg, wo Ina Seidel lange Zeit lebte und wo sie Ehrenbürgerin war, wurde bereits 1959 eine Straße nach ihr benannt. Nach aufkeimender Kritik entschied der Stadtrat 2013, dass der Ina-Seidel-Weg nicht umbenannt wird.

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Im Gegensatz zu Starnberg hat Landshut keinen direkten Bezug zu Ina Seidel. Dass man sich mit ihrem Namen ein Problem aufhalste, hätte damals, 1999, vermieden werden können, hätte man einen Blick in ein gutes Literaturlexikon geworfen. Seidels Werdegang ist dort seit Jahrzehnten bestens dokumentiert.

Trotzdem bleibt mit Blick auf ihr Schaffen ein Interpretationsspielraum, und der führt dazu, dass gerade über sie sehr kontrovers gestritten wird. Manche halten ihr zugute, sie habe sich nach 1945 deutlich vom Nationalsozialismus distanziert und sich kritisch mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt. Im Landshuter Stadtrat führte die Hitzigkeit der Debatte soweit, dass der CSU-Stadtrat Thomas Haslinger seinem Kollegen Thomas Keyßner (Grüne) empfahl, er könne auch aus Landshut wegziehen, wenn ihn das Ina-Seidel-Schild störe. Später entschuldigte sich Haslinger für diesen verbalen Angriff.

Niels Weise vom Institut für Zeitgeschichte in München antwortete der SZ auf die Frage, warum bislang als unproblematisch empfundene Personen im NS-Kontext immer stärker in die Diskussion geraten: "Mit dem Fortschreiten der Täterforschung hat sich unser Verständnis, was überhaupt eine NS-Belastung ist, in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt." Mit dem Wissen, dass der Nationalsozialismus von breiten Schichten der Gesellschaft getragen wurde, würden heute auch die Täter und Akteure mitten in der Gesellschaft verortet, sagt Weise. So würden heute Künstler und Literaten mit anderen Augen betrachtet, als das noch vor 20 oder 30 Jahren der Fall gewesen sei.

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Der aus Landshut stammende Historiker Moritz Fischer hat sich mit der Biografie von Ina Seidel gründlich befasst. Er trug dabei Fakten zusammen, die zwar Seidel nicht reinwaschen, aber dazu beitragen, ihre Haltung differenzierter zu betrachten, als es in vielen ideologisch aufgeladenen Diskursen der Fall ist. Seidels Romane erreichten in der NS-Zeit hohe Auflagen. Ihr Leben, so sagt Fischer, erzähle viel über die Geschichte des Nationalsozialismus.

Ina Seidel entstammte dem großdeutsch eingestellten protestantischen Bürgertum. Sie selbst betrachtete ihr schriftstellerisches Werk als unpolitisch, sie verortete es quasi über der Politik. Fischer stellte fest, dass sich der Nationalsozialismus unter anderem aus Motiven ihres Werks speiste. Begriffe wie Mutterschaft, Nation, Scholle und Volksgemeinschaft sowie ihre romantisierende Rhetorik weisen Schnittmengen mit der Ideologie des Nationalsozialismus auf.

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Fischer bezeichnet ihr Werk deshalb nicht als originär nationalsozialistisch. Nach dem Krieg gab Seidel durchaus zu, "für einige Zeit der Suggestion der nationalsozialistischen Parolen erlegen" zu sein. Sie hatte sich mehrmals in den Dienst der NS-Propaganda gestellt. 1943 verbreitete sie beispielsweise Durchhalteparolen in einer HJ-Zeitschrift. Ihre belastendste Bürde für ihr späteres Ansehen waren einige Elogen zum 50. Geburtstag Hitlers. In ihrem Gedicht "Lichtdom" ließ sie den "Führer" als von Gott berufen erscheinen. 1959 versuchte sie sich in dem Roman "Michaela" mit der Haltung des Bildungsbürgertums in der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Sie verlor sich aber in Klischees, wie das Killy Literaturlexikon resümierte.

Seidel habe sich blind gegenüber den politischen Realitäten gezeigt, sagt der Historiker Jan-Pieter Barbian. Er hielt ihr kürzlich in einem Interview der Landshuter Zeitung zugute, dass sie sich nach 1945 mit ihrem Fehlverhalten selbstkritisch auseinandergesetzt habe. Was sie bis 1945 gemacht habe, sei aber höchst problematisch. Immerhin habe sie keine Unwahrheiten verbreitet wie so viele andere. Und sie ging schärfer mit sich ins Gericht als etwa der Schriftsteller-Kollege Hans Carossa, nach dem in Landshut immerhin seit 1961 ein Gymnasium benannt ist. Gemeinsam mit ihm wurde Seidel 1944 auf der Gottbegnadetenliste Hitlers geführt. Wenn man als Kriterium für Belastung diese Liste anlege, sagt Fischer, dann müsste man auch eine neuerliche Diskussion über Carossa führen. Barbian wiederum sieht Seidels Tragik darin, dass sie einem kulturkonservativen, nationalen Bürgertum anhing, das sich durch eine Allianz mit Hitler und dem Nationalsozialismus selbst diskreditiert habe. Sie tauge nicht als Vorbild, sondern eher als Exempel für die Irrwege des deutschen Bürgertums im 20. Jahrhundert.

Moritz Fischer hofft, dass künftige Diskussionen um Problemfälle wie Ina Seidel nicht mehr so gespenstisch verlaufen wie zuletzt im Landshuter Stadtrat. Es gehe doch primär darum, was eine solche Figur heute noch zur Geschichte der NS-Zeit sagen könne. Für Fischer stellt sich am Beispiel Ina Seidel die Kernfrage: "Was ist wichtiger? Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun, was selten ist. Oder die Schuld, die nicht mehr gut zu machen ist?" Genau darüber müsse man diskutieren.

© SZ vom 06.04.2021/vewo