Der Börsengang der Bahn ist vorerst abgesagt. Doch Bahnchef Hartmut Mehdorn macht unbeirrt weiter - ihm rennt die Zeit davon.
Hartmut Mehdorn: Kommt die Bahn erst 2010 oder 2011 an die Börse, ist es für den Bahn-Chef zu spät. Foto: AP
Das Leben des Hartmut Mehdorn spielt sich dieser Tage irgendwo zwischen der weiten Welt und dem grauen Berlin, zwischen Zukunft und Gestern ab. Anfang der Woche war er in London im Gespräch mit potentiellen Investoren für das Transportgeschäft der Bahn. Am Donnerstag saß er bei Kanzleramtschef Thomas de Maizière zum Krisengespräch. Zwei SPD-Minister hatten zuvor mal eben den Bahn-Börsengang für diese Legislaturperiode ausgesetzt, Mehdorns größtes Zukunftsprojekt faktisch gestoppt, und zwar ganz allein - der Bahnchef wusste nichts davon.
Glaubt man Leuten im Unternehmen, hat Mehdorn an dem Vorgang mächtig zu knabbern. Dass neben Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee ausgerechnet Finanzminister Peer Steinbrück den Börsengang abblies, tut doppelt weh: Bislang gehörte Steinbrück zu den treuesten Verfechtern der Pläne in der SPD. Schließlich durfte er auf Geld hoffen.
Wie nah Mehdorn nun vor dem Rücktritt steht, weiß im Augenblick ganz allein er selbst. Noch am Montag strotzte er vor Selbstbewusstsein. In einer Erklärung äußerte sich der gesamte Bahnvorstand "enttäuscht und verwundert" über Tiefensee. Der hatte sich erst gegen einen Sonderbonus gewehrt, den der Bahnvorstand für den Börsengang erhalten hätte, geriet über die Causa dann aber selbst ins Trudeln. Die öffentliche "Verwunderung" fasste Tiefensee als Affront auf - und mit der Absage des Börsengangs verschaffte er sich Luft in der Boni-Affäre.
Chancen für den Börsengang werden immer geringer
Plötzlich ist Mehdorn ungewohnt zurückhaltend. Am Donnerstag reagierte die Bahn nur mit vorgezogenen Quartalszahlen. "Die Deutsche Bahn fährt trotz Finanzkrise weiter auf Erfolgskurs", ließ Mehdorn wissen. In "aktuellen Gesprächen mit Investoren" werde dies honoriert. Tatsächlich legte der Umsatz in den ersten neun Monaten um 953 Millionen Euro auf 23,8 Milliarden Euro zu, stieg der Gewinn vor Zinsen und Steuern von 1,99 auf 2,06 Milliarden Euro.
Doch Mehdorn agiert zunehmend nach dem Prinzip Hoffnung, denn die Chancen für den Börsengang schwinden zusehends. Am Freitag legte ein Regierungssprecher nach. Im kommenden Jahr sei "vermutlich eher nicht mit einem Bahn-Börsengang zu rechnen", sagte Thomas Steg in Berlin. Eher sollte man die Jahre 2010 oder 2011 anpeilen. Das wäre für Mehdorn zu spät. Im Mai 2011 läuft sein Vertrag aus. Selbst im günstigsten Fall könnte das Unternehmen frühestens Mitte oder Ende 2010 einen neuen Anlauf nehmen. Dann steht Mehdorn, jetzt schon 65, unverrückbar vor dem Ruhestand. In der SPD raunen sie sowieso schon, dass der Börsengang auf Jahre tot sein dürfte - selbst die, die dem Projekt wohlgesonnen waren.
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Wirtschaft ist witzig