Reisetipps Piemont

Stichworte Piemont

Barock

Bewegte Linien, geschwungene Formen und reiche Ornamentik zeichnen den Barock als Baustil des 16. und 17. Jhs. aus. Dieser Baustil hat im Piemont einen besonders fruchtbaren Nährboden gefunden und dort auch ganz spezifische Eigenarten entwickelt. Ein Dankeschön dafür an die Herzöge von Savoyen! Denn die verlegten Mitte des 16. Jhs. ihre Residenz von Chambéry nach Turin und sparten nicht, als es darum ging, die neue Hauptstadt standesgemäß und im neuen Stil herauszuputzen. Als im 18. Jh. das Piemont dann Königreich wurde, verbreitete sich der Barock in die Provinz und eroberte Städte wie Asti, Alba, Casale und Cuneo. Aber auch in nahezu jedem Dorf des Monferrato prangt unübersehbar eine Barockkirche, wobei anzumerken ist, dass sich der piemontesische Barock - dem Charakter der Einheimischen entsprechend - durch wohltuende Disziplin auszeichnet. Statt Trompete blasender Putten fallen die dunklen, unverputzten Backsteinfassaden auf. Keine Sparmaßnahme, sondern ein Stilmittel, das den bewegten Linien des Barock eine gewisse Geschlossenheit verleiht und allzu Ausuferndes bändigt. Baumeister, die man sich im Zusammenhang mit dem barocken Piemont merken sollte, sind Carlo und Amedeo Castellamonte, Guarino Guarini, Filippo Juvarra und Benedetto Alfieri.

Barolo

Bis ins späte 20. Jh. beurteilten Weinexperten den Barolo reserviert bis ablehnend: zu schwer, zu schwierig, zu anspruchsvoll. Eine internationale Karriere mochte dem tanninreichen Roten aus dem südöstlichen Piemont keiner zutrauen. Inzwischen gilt der Barolo vielen als die absolute Nummer eins unter den italienischen Weinen. Was ist geschehen? Junge Winzer, überzeugt vom Potenzial dieses aus der Nebbiolotraube gewonnenen Weins, haben sich von der ausländischen Konkurrenz inspirieren lassen und arbeiten nun nach neuen Prinzipien: niedrig gehaltene Erträge, kürzere Gärzeiten und kleine Holzfässer für das Heranreifen des Weins. Mit erstaunlichem Ergebnis: Die Barolo verloren ihre Härte, wurden elegant und rund und avancierten schnell zum - nicht eben preiswerten - Modetropfen in den feinen Restaurants der ganzen Welt. Im Piemont aber, besser noch direkt in seiner Heimat, den elf Winzergemeinden rund um das 600-Ew.-Dorf Barolo bei Alba, schmeckt der gehaltvolle „Königswein“ nach wie vor am besten.

Nebel

Im Oktober geht es los: Wo man sich in anderen voralpinen Regionen glänzender Fernsicht erfreut, legt sich im Piemont dichter Nebel über Stadt und Land. Schuld ist die Poebene, dieses gewaltige Feuchtgebiet mit seinen Kanälen und Bewässerungsgräben, aus denen bei sinkenden Temperaturen die gefürchteten Schwaden aufsteigen. Oft ist der Nebel so stark, dass der Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt ist. Der Nebel hat aber auch seine positiven Seiten: Er verhilft, so heißt es, dem Wein zu besonderem Wohlgeschmack. Und er prägt das mystische Landschaftsbild des Monferrato. Außerdem dauern Nebelperioden selten länger als ein paar Tage. Dann herrscht wieder Sonnenschein - und klare Sicht bis zu den Gipfelketten der Westalpen.

Reis

Fruchtbar war die Poebene immer schon, und als die Zisterziensermönche im Mittelalter die ersten Reispflänzchen setzten, wurde ihr Pioniergeist mit reicher Ernte belohnt. Dass die Ebene um Vercelli und Novara mittlerweile als größtes Reisanbaugebiet Europas bezeichnet werden kann, bedurfte technischer Nachhilfe: Ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem lenkt die Wassermassen der Gebirgsflüsse Sesia und Dora Baltea in ungezählte kleine Kanäle. Diese überfluten gezielt die rechteckigen, zwischen Erdwällen angelegten Reisfelder. Im Frühjahr werden die Reiskörner ausgesät, und etwa bis Juni stehen die Felder unter Wasser. Das Bild, das die Ebene dann bietet, ist einmalig: unendlich sich wiederholende Wasserkarrees, auf denen zartes Grün zu schwimmen scheint. Mare Padania nennen die Einheimischen diese Erscheinung, das Meer der Poebene. Doch so stimmungsvoll sich die Reisfelder ausnehmen - die Arbeit darin war bis in die Mitte des 20. Jhs. eine brutale Plackerei. Der Film „Bitterer Reis“, gedreht 1949 mit Silvana Mangano, erzählt das harte Leben der mondine, der Arbeiterinnen, die bis zu den Knien im Wasser im Akkord Unkraut ausrissen. Inzwischen werden Traktoren und Herbizide eingesetzt.

Risorgimento und Lega Nord

Das Risorgimento, die Entstehung eines italienischen Nationalstaats, wäre ohne das Piemont kaum möglich gewesen. König Vittorio Emanuele II warf 1859 im Verein mit Napoleon III. die Österreicher aus der Lombardei; sein Außenminister Graf Camillo Benso di Cavour schloss die Toskana und die Emilia an, und Freischärler Giuseppe Garibaldi holte Sizilien und Neapel dazu - in eigener Regie, wie es nach außen hin scheinen mochte (und sollte), in Wahrheit aber doch geschickt gelenkt von der piemontesischen Regierung. So wundert es nicht, dass die erste Hauptstadt des 1861 ausgerufenen Königreichs Italien Turin wurde. Zum Leidwesen der Turiner blieb der Stadt diese Ehre jedoch nur vier Jahre vergönnt. Dann zogen Parlament und Verwaltung über Florenz nach Rom weiter. Allerdings hat die Begeisterung der Piemontesen für „ihr“ Risorgimento sowieso stark nachgelassen. Das Gefühl der Unvereinbarkeit ihrer Kultur mit der des Südens sowie der Verdacht, ihre hart erarbeiteten Steuergelder würden nur den mafiosen und faulen meridionali, den Süditalienern, in den Rachen geworfen (natürlich ohne sichtbare Ergebnisse), haben auch im Piemont zahlreiche leghisti hervorgebracht. So heißen die Anhänger der von Umberto Bossi 1982 gegründeten Lega Nord, die die Abspaltung Norditaliens („Padania“) vom Rest der Republik fordert. Doch so laut in Norditalien auch über die beschwerliche Last des Südens gejammert wird: Eine weniger radikale Lösung als die von Bossi proklamierte - etwa ein Föderalstaat mit mehr Rechten und Kompetenzen der Regionen und Provinzen - wäre den meisten Piemontesen denn doch sympathischer.

Sacri Monti

Nach dem Trienter Konzil 1564 kam Bewegung in die katholische Kirche. Dem wachsenden Einfluss der Protestanten wollte man nicht länger tatenlos zusehen. Als besonders erfinderisch in Sachen Gegenreformation zeigte sich der Mailänder Erzbischof Carlo Borromeo. Er ließ vier Sacri Monti („heilige Berge“) errichten, Wallfahrtsstätten im Gebirge mit Dutzenden Kapellen, in denen auf volkstümliche und leicht fassbare Weise jene Eckpfeiler katholischer Dogmatik dargestellt wurden, die die ketzerischen Protestanten so energisch bekämpften: Marienkult und Heiligenverehrung. Lebensgroße Figuren, vor freskiertem Hintergrund zu theatralischen Szenen zusammengestellt, sollten den Betrachter von der Wahrhaftigkeit des katholischen Glaubens überzeugen.

Savoyer

Das Geschlecht, das 1861 den ersten italienischen König stellte, stammt aus der in den französischen Alpen gelegenen Grafschaft Savoyen. 1563 machten sie Turin zu ihrer neuen Hauptstadt. Die ehrgeizigen Herzöge wollten den provinziellen Charakter ihrer Dynastie vergessen lassen und errichteten glanzvolle Prunkbauten und Schlösser in und um Turin. Doch die Savoyer, erzkatholisch und absolutistisch bis ins Mark, regierten ihr Land mit harter Knute. Wenn sie nicht im Krieg mit anderen Fürstenhäusern lagen, so stritten sie sich untereinander. Nur wenige Savoyer gingen als positive Figuren in die Geschichte ein. 1946, nachdem sich die Italiener für die Republik entschieden hatten, wurden die Savoyer des Landes verwiesen und gingen ins Exil in die Schweiz. Erst ein Parlamentsbeschluss von 2003 öffnete ihnen wieder die Landesgrenzen.

Trüffeln

„Tuber magnatum“ heißt sie botanisch korrekt, doch Fans und Feinschmecker nennen sie liebevoll die weiße Albatrüffel. Die Rede ist von Piemonts wertvollstem Agrargut, einem stark duftenden Knollenpilz, dessen Wert (je nach Ernte zwischen 3000 und 5000 Euro pro Kilo) vor allem in seiner Seltenheit begründet ist. Er gedeiht nur in den Hügeln der Langhe. Er wächst im Erdreich versteckt in Symbiose mit den Wurzeln der Eiche, der Linde, der Pappel oder auch der Weide, und entsprechend schwer ist er zu finden. Trüffelzeit ist ab Oktober bis in den späten Winter. Oft schon nachts ziehen die trifolau mit ihren eigens abgerichteten Hunden los, die kostbare Ernte einzubringen. Dann erfüllt der intensive Duft des tartufo bianco wochenlang die Restaurants und Trattorien des Piemont. Hauchdünn wird er über frische tajarin gehobelt oder über ein Spiegelei, einfache Gerichte, denen damit zu höchstem Wohlgeschmack verholfen wird. Zum Glück genügen wenige Gramm!