Von Gerd Kröncke, Paris

Sie war das Gewissen Frankreichs: Schwester Emmanuelle ist im Alter von 99 Jahren gestorben.

Schwester Emmanuelle; ReutersGrossbild

Beliebteste Französin: Schwester Emmanuelle (* 16. November 1908 in Brüssel; † 20. Oktober 2008 in Callian, Südfrankreich) (Foto: Reuters)

Wenn nach dem beliebtesten Menschen in Frankreich gefragt wurde, dann rangierte Sœur Emmanuelle vor allen Sportlern und Politikern. Die Ordensfrau war so etwas wie das Gewissen der Nation. Im Alter war sie immer kleiner geworden, aber ihre moralische Größe überragte alle.

Sie hatte sich ausschließlich dem Dienst an ihren Mitmenschen gewidmet, vor allem in der zweiten Hälfte ihres Lebensjahrhunderts. Noch in ihrem letzten Interview vor ein paar Wochen fragte sie, im Rollstuhl sitzend, freundlich und streng den Journalisten: "Und was machst du für die Armen?"

Marie Madeleine Cinquin war ein Kind aus gutem Hause, wurde mit 22 Jahren Ordensschwester und war ein Berufsleben lang Lehrerin für höhere Töchter und Diplomatenkinder, zuletzt in Ägypten.

Bei ihr konnte keiner die Tür verschließen

Erst mit über 60 fand sie ihre eigentliche Berufung. Sie hauste in einem Ziegenstall mitten in der Müllsiedlung Ezbeth El Nakhl bei denen, die gar nichts haben und wurde berühmt als "Mutter der Müllmenschen". Sie baute Schulen und Kindergärten, lehrte Lesen und Schreiben, sammelte Geld von den Wohlhabenden. Zwei Jahrzehnte lang war sie bei denen, die sich am Rande der Millionenstadt Kairo vom Dreck der anderen ernähren.

Sie war schon weit über achtzig, als sie nach Frankreich zurück kam und wirkte bis zuletzt für ihre Schützlinge. Dabei war sie doch der Welt zugewandt. Vom deutschen Papst hatte sie sich erhofft, dass er den Zölibat lockern, Homosexualität akzeptieren und Geburtenkontrolle zulassen möge - vergebens.

Wenn Sœur Emmanuelle anklopfte, konnte keiner die Tür verschließen. Sie duzte sie alle. Jacques Chirac hat sie zugesetzt, Nicolas Sarkozy war sie Mahnerin, wenn sie für die Obdachlosen und vor allem die Sans-Papiers eintrat, die Menschen, die ohne Papiere illegal im Lande leben.

Den vor ein paar Jahren gestorbenen Kardinal Jean-Marie Lustiger tadelte sie: Christus sei nicht in so prächtiger Robe wie ein Kirchenfürst auf Erden gewandelt. Jetzt mag sie ihn wiedertreffen. Sœur Emmanuelle, die im November 100 geworden wäre, ist am Montag in Südfrankreich gestorben.

(SZ vom 21.10.2008/grc)

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