| 27.06.2008
7:09 Uhr
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Anglizismen in der deutschen Sprache
Goethe fände es funny
"Geschlechtsverkehr und die Stadt" statt "Sex and the City"? Solche Übersetzungen sind für den Germanisten Rudi Keller unnötig. Er fordert Toleranz für Anglizismen und andere Wörter mit Migrationshintergrund.
Interview: Sarah Ehrmann
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Rudi Keller, Germanistikprofessor an der Uni Düsseldorf, veröffentlichte einen Artikel zum Thema "Ist die deutsche Sprache vom Verfall bedroht". Darin beantwortet er die Frage nach einer Bedrohung unserer Sprache mit einem klaren Nein. Bei der steten Eingemeindung von Wörtern aus fremden Sprachen, vor allem aus dem Englischen, handele es sich um einen normalen Sprachwandel. Seit jeher dringen neue Wörter in die Sprache ein, werden übernommen oder fallen irgendwann wieder heraus. Zudem seien systematische Fehler von heute die neuen Regeln von morgen. Wer denkt heute bei "Sinn machen", "Keks" oder "Streik" noch an Anglizismen? Und wie lange sagen wir wohl noch "cool"? sueddeutsche.de: Wie sind Sie darauf gekommen, eine Arbeit über den Sprachverfall beziehungsweise über den Sprachwandel zu schreiben? Rudi Keller: Seit 2000 Jahren ist literarisch belegt, dass Menschen sich über den Sprachverfall Gedanken machen. Und doch hat noch kein Mensch jemals eine verfallene Sprache vorführen können - so etwas scheint es nicht zu geben. Ich habe bereits vor 15 Jahren ein Buch geschrieben zum Thema "Sprachwandel". Nebenbei habe ich mich mit dem Thema des sogenannten Sprachverfalls befasst. Meine generelle These ist, dass das, was Menschen aus ihrem begrenzten Blickfeld heraus als Sprachverfall wahrnehmen, im Wesentlichen nichts anderes ist als der ganz normale Sprachwandel. Und wenn man Beispiele für fehlerhaftes Deutsch in einem größerem Rahmen sieht, dann stellt man fest: Es ist nichts verfallen, es hat sich nur verändert - und mit der Zeit fällt es niemandem mehr auf.
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sueddeutsche.de: Sehen Sie alle sprachlichen Veränderungen positiv? Keller: Da gibt es gar nicht viel zu bewerten. Im 19. Jahrhundert hieß es "schrauben - schrob - geschroben". Jetzt heißt es eben "schrauben - schraubte - geschraubt". Ist das jetzt besser oder schlechter? Es heißt jetzt eben so.
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sueddeutsche.de: Was halten Sie davon, dass in Unternehmen zunehmend von "sich committen" die Rede ist? Keller: Man muss prinzipiell unterscheiden zwischen der Kritik am Sprachverhalten Einzelner und der Frage, ob die deutsche Sprache als Sprachsystem darunter leidet. Natürlich gibt es jede Menge Menschen, die sich unmöglich ausdrücken, so wie es beispielsweise viele Menschen gibt, die sich schauderhaft anziehen. Aber es ist die Frage, ob die europäische Mode darunter leidet, dass einige Leute absolute Fehltritte begehen. So ist das auch bei der Sprache. Als Linguist fühle ich mich zuständig für die Beurteilung unserer Sprache - und unsere Sprache ist in Ordnung. Andererseits stelle ich fest, dass Leute "sich committen". Wenn sie das mögen, dann stört mich das nicht. Ich selbst habe mit Leuten, die sich committen, nicht allzu viel zu tun. Ich lese meine Tageszeitungen - da committet sich keiner. Die Sprachkritiker picken sich ja auch immer merkwürdige Rosinen heraus und verallgemeinern diese und denken, das Abendland geht zugrunde. Sie könnten sich auch Gruppen in Deutschland aussuchen, die sich systematisch schlecht kleiden - aber das ist gar nicht repräsentativ für die Art und Weise, wie deutsche Menschen sich kleiden. sueddeutsche.de: Aber es sind doch große Gesellschaftsbereiche, in denen dieses Vokabular zum Alltag gehört, oder nicht?
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Keller: Lesen Sie die FAZ, die Rheinische Post, Die Zeit oder "Die Blechtrommel" von Günter Grass - da wird durchweg, mit ganz wenigen Ausnahmen, vernünftiges Deutsch geschrieben. Man muss sich fragen, was repräsentativ ist. Natürlich fallen mir Dinge auf, die eigentlich "falsch" sind - aber die werden mit der Zeit "richtig". Nachrichtensprecher bei der ARD sagen beispielsweise "im Herbst diesen Jahres" statt "im Herbst dieses Jahres". Das wird sich irgendwann ganz durchsetzen, weil "diesen" in Verbindung zu "nächsten" und "vorigen" gesehen wird, und die Leute nicht merken, dass "nächsten" und "vorigen" Adjektive sind, "dieses" als Demonstrativpronomen aber eigentlich anders flektiert wird. Und deshalb flektieren sie es jetzt falsch und irgendwann wird’s richtig. Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Bücher wie "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" so erfolgreich sind und wann Anglizismen wichtig sind.
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