Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit will den Eisbären Knut in einer Internet-Versteigerung verkaufen - zur Sanierung des maroden Hauptstadt-Haushalts. Der Plan hat Befürworter, stößt aber auch auf heftigen Widerspruch.
Der Bürgermeister weiß, dass er gerade vor einem sehr schweren Gang steht. Schon vor dem Willy-Brandt-Haus hat er sich durch eine aufgebrachte Menschenmenge kämpfen müssen, die ihrem Party-Meister "Kaltherzigkeit, Unmenschlichkeit und Bürokratismus" vorwirft. "Ist es in Deutschland wieder so weit?", steht auf einem Plakat, "Müssen wieder Bären geopfert werden?", auf einem anderen, "Nie wieder Bruno!" auf dem nächsten. Ein Häufchen Kreuzberger Autonomer reckt einen fast lebensgroßen Plüsch-Eisbären in die Höhe, dem sie ein Anarchie-"A" mit schwarzem Autolack auf Stirn und Schnauze gesprüht haben. Buh-Rufe sind noch die harmlosesten Unmutsbezeugungen, die Wowereit entgegengezischt werden.
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Knut, da hilft kein Flehen mehr - Klaus Wowereit hat sich entschieden: "Wenn niemand wirklich gute Gründe dagegen vorbringen kann, dann wird er eben verkauft." Foto: ddp
An die 1000 aufgebrachte Berliner haben sich eingefunden, um Wowereit am Betreten der SPD-Zentrale zu hindern. Die üblichen Personenschützer bahnen ihm eine Gasse. Selten musste ein Politiker seinen Rücken derart durchdrücken. Doch Wowereit ist angeschlagen, ohne Zweifel. Selten sah man ihn, den ewig Gutgelaunten, so hilflos und schutzbedürftig.
Nicht nur draußen vor der Tür schlägt dem Regierenden Bürgermeister der Hauptstadt Ungemach entgegen. Auch drinnen herrscht Untergangsstimmung. Wowereit muss vor die Partei-Gremien treten, um seinen am Freitag noch aberwitzig erschienenen Plan zu rechtfertigen, der sich binnen Stunden spektakulär konkretisierte: Wowereit will Knut, den Eisbären der Herzen, verkaufen.
Natürlich findet die Aussprache hinter verschlossenen Türen statt. Ein Vertrauter des Arbeitsministers Franz Müntefering kennt aber schon Details des Coups. Demnach sei am Freitag ein führendes, in Berlin ansässiges Online-Auktionshaus direkt an Wowereit heran getreten, um ihm das Angebot zu machen, das der beliebte Politiker offenbar nicht ablehnen konnte. Der Plan ist ebenso einfach wie logisch: Um Berlins desaströsen Haushalt zu sanieren, soll die Hauptstadt die jüngste Reinkarnation ihres Wappentieres zu Geld machen.
Zwei in Las Vegas wohnhafte Entertainer deutscher Herkunft, die sich auf Tierdressuren spezialisiert haben, hätten bereits ein erstes, erstaunlich hohes Gebot hinterlegt. Obwohl die Namen nicht fallen, ist jedem klar, dass es sich bei diesen Tierdompteuren um Siegfried und Roy handelt. Auch die personalpolitische Handschrift ist unverkennbar: Jung kaufen, handzahm machen, auf die Bühne bringen. Damit nicht genug: Sogar ein zweites Angebot liege vor, das aus Russland komme. Münteferings Vertrauter weiß, dass Altkanzler Gerhard Schröder vermittelte. Demnach könnte Knut vom russischen Gaskonzern Gazprom, dem Schröder derzeit mittelbar dient, gekauft werden. Vorteil dieser Lösung: Knut bliebe in Deutschland, wechselte aber nach Gelsenkirchen – zu Schalke 04.
Dort, so der Plan, solle Knut bei Heimspielen am Spielfeldrand als Maskottchen für gute Stimmung sorgen. Der Eisbär passe hervorragend in die Schalke-Arena, in der schon Biathlon-Rennen stattfanden. Er passe aber auch zu Gazprom, dem Multikonzern mit Stammsitz in Sibirien. Mit seinem Eingriff ins Berliner Dilemma könnte Schröder seinen Parteifreunden einen Bärendienst erweisen.
"Es ist, als ob man sein eigenes Kind verkaufen würde", sagt Wowereit. Er wirkt nicht nur zerknirscht. Er ist es. Apathisch durchblättert er die Tagesakten im Fond seiner Regierungslimousine. Arbeit kann man das nicht mehr nennen. Der Mann hat die Standpauken aus dem Willy-Brandt-Haus noch im Ohr. Man war nicht nett zu ihm – doch was soll er machen. Schwere Zeiten für den Regierenden.
Mancher Politiker nutzt den Knut-Skandal liebend gerne zu einer Fundamental-Kritik an Wowereits Führungsstil. Oskar Lafontaine fühlt sich an "zaristische Willkürherrschaft" erinnert: "Ausschweifende Partys feiern und zur Finanzierung ans eingemachte Humankapital gehen. Ich dachte, die Leibeigenschaft sei eine Geißel des letzten Jahrhunderts." Ein Rothaariger aus dem PDS-Ortsverband Potsdam hat schon in Radio-Mikrofone gebellt: "Fehlt nur noch, dass Zar Wowi öffentlich Champagner aus dem Stiefel seines Geliebten trinkt." Nun, das gäbe zumindest eine gute Fotostrecke in "Park Avenue" ab, möchte man dem Regierenden in Gewissensnöten zur Aufmunterung zurufen.
Wowereit hat alle Termine des Abends abgesagt: 15 Partys, Einweihungen, Stehempfänge und Modenschauen wären es wohl auch diesmal geworden. Doch Wowi will nicht. Er weist seinen Fahrer an, zum wiederholten Male in den Tiergarten zu fahren. Am Anfang der Woche sah es noch wie Nachklappern hinter dem munteren Umweltminister Sigmar Gabriel aus. Was der kann, kann auch Wowereit – und so posierte der einzig Berlin Regierende mit Knut vor wachsendem Publikum. Knut passt gut zu Wowi. Doch das jetzt ist anders. Wowi will Abschied nehmen.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie Klaus Wowereit Knut und seinen Pfleger im Tiergarten besucht, und was Claus Peymann plant.
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In diesem Artikel:
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