Von Burkhard Müller

Ungeheuer intelligent und unabgesichert: Rainald Goetz verdient sich mit seinem jüngsten Blog bei "Vanity Fair Online" einen Ehrentitel. Nun wird sein Konvolut "Klage" zum Buch.

Reine Gegenwart: Ihrer Idee strebt Rainald Goetz nach, solang er schreibt - und so sehr, dass er mit ihr die Initialen teilt: RG.

Vor zwanzig Jahren, als er "Krieg" schrieb, vermutete er sie beim Theater. Vor zehn Jahren setzte er unter Beihilfe von DJs und PR-Leuten zum großen Medienroman an. Heute, unter wiederum veränderten Bedingungen, scheint ihm der Blog das geeignete Mittel, um zu verhüten, dass die Form zu jener Dauer aushärtet, die einfach nur Verspätung ist.

Nun ist der Blog ja längst in der Mitte der Gesellschaft angelangt, in einem Grad, dass er die älteren Arten öffentlichen und privaten Schreibens unter massiven Druck setzt, indem er nämlich zwischen beide seine neue Halböffentlichkeit schiebt.

Abfall an Pathos

Goetz schreibt im Auftrag von www.vanityfair.de und er gibt dem Ganzen einen eigenen Namen: "Klage" heißt das Projekt, das seit dem Februar 2007 läuft - und im Herbst als Buch bei Suhrkamp erscheinen wird.

Goetz weist sein Geisteskind an: "Und so weine nicht, Klage, klage". Von dem Motto, unter das er sein Schaffen in den Achtzigern stellte - "Don’t cry, work!" -, unterscheidet sich dieses durch einen beträchtlichen Abfall an Pathos.

Goetz traut dem Informellen eine größere Chance zu, das Reale in den Blick zu kriegen, als den überfesten, übernützten Genres der Literatur und Publizistik. Der Roman besteht nur noch aus Knochen und Fett, sprich einem ausgedachten Plot, an den sich Massen schwerfälliger Details hängen.

"Print macht Druck"

Und auch die Formate der Zeitungen beargwöhnt Goetz: Dass die Plätze so starr sind, gibt dem Gefäß Vorrang vor dem Inhalt; dass Raum aber dabei auch so knapp ist, macht alle böse in der Konkurrenz. "Print macht Druck, Internet entwickelt Sog und Anziehungseffekte mit der Zeit." Zeitungsleute, sagt Goetz, leiden "an der Gewalttätigkeit ihrer Produktionsgewissheiten."

Der Rezensent langt sich an die eigene Nase: Was treibt er selbst in diesem Augenblick? Wäre es nicht kraftvoller, und legitimer auch, auf literarische Produkte so zu reagieren wie es Goetz tut: "Susi Meyers Jelinek in München: ich haassää Määnschään". Ob ein Körper so ganz aus Nerven und Sehnen, wie er Goetz vorschwebt, Lebensfähigkeit erlangen kann, bleibt abzuwarten - die Neugier ist jedenfalls geweckt.

Die Schattenseite zuerst. Da Goetz keinerlei Geduld für fundamentierende Erklärungen hat und sofort in medias res geht, versteht man oft nicht, was er will und was los ist. Immer wieder erreicht er den Punkt, wo die angepeilte Direktheit ins Gegenteil umschlägt, weil man die umständlichsten Angaben bräuchte und nicht kriegt. Wer Jelinek ist, darf vorausgesetzt werden; dass Susi Meyer eine Regisseurin oder Schauspielerin sein muss, kann man sich denken. Wie aber steht es mit dem Folgenden?

Dr. Goethe steht für Zustände des Autors

"An manchen Tagen sehnte Dr. Goethe sich zurück zu jenen Zeiten, als man die Sachen, die man mochte, noch nicht als sexy bezeichnete, meist aber sehnte er sich nicht, denn er war nicht sehr jammerlappig vom Grundtyp her und tendierte dazu, was ihn faszinierte, direkt anzupacken und für sich auf seine Art selber zu versuchen. Ruine 113.
gibt auch an
er könne sich an nichts erinnern
Addendum: Maeterlinck"

Dass Dr. Goethe für gewisse Launen und Zustände des Autors Goetz selber steht (er heißt sonst, je nach Tagesform, auch "Kränk" oder "Bösor"), kapiert man nach einiger Zeit.

Aber wie ist das mit Ruine 113 ? Und was hat hier Maeterlinck zu suchen? Das ist bloß noch die reine Zappeligkeit, da ist mit Goetz das Koffein durchgegangen. Und gerade von hier ist es nicht mehr weit zu jenem insiderischen Checkertum, das Goetz als sein erkenntnisleitendes Hassobjekt verfolgt, mag es sein Haupt im Sonntagsfeuilleton oder in den Manifesten der RAF erheben.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum Goetz dem Fall Kurnaz auf der Spur bleibt

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