Von Hans Leyendecker

Enthüllungsjournalismus in eigener Sache: Bei seiner Blattkritik sollte Frank-Walter Steinmeier der Bild-Redaktion ordentlich was um die Ohren hauen - er warf mit Wattebäuschchen.

Bild_dpaGrossbild

Bild-Zeitung: Chefredakteur Kai Diekmann lud den Außenminister zur öffentlichen Blattkritik. Doch statt Kritik regnete es Wattebäusche. (Foto: dpa)

"Die Stars stürmen die Wiesn“, "Deutscher mit Ehefrau in Somalia entführt“, "Bluthochdruck - Was die besten Ärzte raten“ - die sonst üblichen journalistischen Grenzüberschreitungen bot die Montagausgabe von Bild nicht. Überschriften und Themen auf Seite eins waren ähnlich spannend wie der allwöchentliche Stoff von Focus.

Fakten, Fakten, Fakten - wie gemacht für den Vizekanzler und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, den die Medien "graue Effizienz“ nannten, auch wenn im Kanzleramt gar nichts klappte.

Der designierte SPD-Kanzlerkandidat wird, publizistisch betrachtet, zumindest als erster öffentlicher Blattkritiker des Boulevardblattes in die Geschichte eingehen. Online stellte Bild.de Steinmeiers Anmerkungen zur Montagausgabe ins Netz. Ein Video zur Blattkritik soll in den nächsten Wochen bei Bild zur Regel werden, mit anderen Gästen natürlich.

Der Auftritt Steinmeiers in der Redaktionskonferenz war die übliche Berliner Heuchelei: Der Gast solle der Redaktion ordentlich was "um die Ohren hauen“, ermunterte Bild-Chefredakteur Kai Diekmann in aller Hergottsfrüh den Sozialdemokraten. Der holte die Wattebäuschchen heraus, sprach vom "Wagnis“ einer öffentlichen Kritik und lobte die Idee, "eine Art Enthüllungsjournalismus in eigener Sache“ zu betreiben. Bild sei "Vorreiter“.

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Bildstrecke Bube, Dame, Springer: die Köpfe hinter "Bild" Rahmen
Kai Diekmann Dieter Bohlen Dieter Bohlen, Katja Kessler Katja Kessler, Kai Diekmann Udo Lindeberg, Friede Springer Mathias Döpfner
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Top und Flop

Seit dem 17. Jahrhundert wird das Hauptwort Kritik bezeugt und in all der Zeit wurde mit diesem Substantiv selten so wenig Tadel verknüpft wie bei Steinmeiers Auftritt. "Top“ sei Hugo Müller-Voggs Kommentar zur Finanzlage gewesen, meinte der Sozialdemokrat. Der Kommentator hatte die Agenda 2010 gelobt und ansonsten die üblichen Plattitüden verbreitet: Einen "totalen Schutz gegen von außen kommende Stürme gibt es nicht. Das ist bitter, leider aber wahr“. Wie wahr.

Auch "top“ war, dass Bild exklusiv Auszüge aus Kurt Becks Buch "Ein Sozialdemokrat“ auf Seite 2 drucken konnte: "Abrechnung mit Münte“. Der Stoff sei nicht ganz einfach für die SPD, zeige aber, wie schwierig die letzten Tage gewesen seien, meinte Säusler Steinmeier. Dass Beck in einigen Medien schon weg war, bevor er weg war, wäre vielleicht auch mal einen Hinweis wert gewesen.

Als "Flop“ bezeichnete der Reszensent die Geschichte "Gift in Baby-Milch - Auch Nestlé betroffen“. Die Mütter könnten beunruhigt sein, obwohl am Ende der Story ja vermerkt sei, dass in Europa noch keine verunreinigte Milch entdeckt worden sei, meinte Steinmeier. Einzig Nestlé kann sich über die Geschichte ein bisschen aufregen.

Nicht schön die Geschichte mit dem Unfalltoten, dem seine Partnerin die Unglücksfahrt zum Geburtsstag geschenkt hatte. Was mag die jetzt fühlen? Hat sie nicht genug gelitten? Da gibt es bei Bild regelmäßig ganz andere Gnadenlosigkeiten.

Ein PR-Gag allererster Güte

"Übertrieben“, scherzte Steinmeier, sei die Meldung, "Kanzlerin kritisiert SPD“. Den "Gewinner des Tages“, Sänger Udo Lindenberg, schätzt Steinmeier auch. Neulich erst, so verriet er, habe er Lindenberg getroffen. Dann redete er noch über "Volksaufklärung“ und war am Ende.

Was war das? Ein PR-Gag allererster Güte. Bild-Kritiker wie der Schriftsteller Gerhard Henschel mögen beklagen, dass "eine Kulturnation bis hinauf in die höchsten Spitzen der Regierung“ mit "diesem Zentralorgan der Unterhosenspionage paktiert“. Was soll's? "Man rauft sich zusammen“, hat Diekmann mal festgestellt.

Seit 2001 ist er nun schon Chefredakteur. Die Auflage ist in seiner Zeit auf 3,4 Millionen Exemplare täglich gesunken, aber Bild ist Springers auflagen- und renditestärkste Zeitung. Nie war das Blatt ökonomisch so erfolgreich wie heute. Das scheinbar Unvereinbare ist der Aggregatzustand des Blattes. Und der 44-jährige Diekmann (Autor des Buches "Der große Selbstbetrug“), der bei der heimlichen Hochzeit von Helmut Kohl Trauzeuge, Reporter und Ministrant in einem war, ist ein Virtuose des Scheins. Er preist sein Blatt als "Barrikade der Straße“ und tut so, als sei das Straßenverkaufsblatt das Leitmedium der Deutschen.

Diekmann kann man die Chuzpe zutrauen, sich auf Goethe und Heinrich Heine zu berufen, wenn er Bild erklärt. Das wüste Drunter und Drüber des Boulevardbattes hat er zu einem Gesamtkunstwerk gemacht.

Erst ließ er einen "Bild-Leserbeirat“ gründen, um "noch besser zu werden“. Basisdemokratie. "Die öffentliche Blattkritik wird uns näher an unsere Leser bringen, selbstkritisch und transparent“, erklärte Diekmann jetzt. "Ganz herzlich“ hat er dem Blattkritiker Steinmeier am Montag für dessen "Mut“ gedankt. Geht es nicht mal ein bisschen kleiner?

(sueddeutsche.de/gut/bön)

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Leserkommentare (34)



30.09.2008 14:55:25

TrashKatja: Chuzpe und Diekmann

Er hatte sie tatsächlich. Nur, hat Chuzpe auch etwas mit Intelligenz zu tun Mal eine intelligente Zeitung zu machen, .............wär das nicht mal eine Aufgabe für Diekmann ?


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