SUSAN VAHABZADEH

Ein Beziehungsdrama vom "Swimmingpool-Regisseur", allerdings falsch herum erzählt: Vom fatalen Ende hin zum furiosen Anfang. Das traurigste daran ist dann das Happy End des Kennenlernens.

Hier nicht zu sehen, aber in manchen Augenblicken wird Gilles so sehr zum emotional gestörten Monster, dass es qualvoll ist, ihm zuzusehen. ()

Die Idee, die François Ozon bei seinem neuen Film „5 x 2“ verfolgt, ist wirklich bitter: Er ist zu dem Schluss gekommen, dass man eine Liebesgeschichte, die romantisch im Sonnenuntergang endet, am besten verkehrt herum erzählt.


» ´5 x 2´ führt zurück in die Hoffnung, mit der man in jede neue Liebesgeschichte hineinläuft. «

„5 x 2“, der im Wettbewerb in Venedig Premiere hatte, endet sozusagen mit einem Happy Beginning.

Der Film ist aus fünf Szenen, Sequenzen genaugenommen, gebaut und rollt die Geschichte einer Beziehung von hinten auf – Scheidung, Alltag, Geburt des Kindes, Hochzeit, Kennenlernen.

Der Vergleich mit Gaspar Noés „Irreversible“, der auf demselben Prinzip beruht, drängt sich auf: Der hatte zwar den Vorteil, dass er diese Idee konsequenter durchzog und sogar mit dem Abspann anfing, aber den Nachteil, nichts zu erzählen, dabei mit Gewaltszenen auf einen Skandal zu spekulieren.

Das Problem mit Noés Film, der so interessant hätte sein können – allein wegen der Art, wie er gemacht ist – ist eben, dass die Geschichte überhaupt keine innere Logik hat. Selbstjustiz ist eben nicht die unumkehrbare Folge einer Vergewaltigung.

Wie Ozon an seine Beziehungskiste herangeht, ist ungleich interessanter: Er führt, ausgehend von einer Scheidung, auf den Beginn einer Beziehung zurück und belegt dabei, wie unausweichlich diese Entwicklung gewesen ist.
Bei der Scheidung, zu Beginn des Films, hören sich Marion (Valeria Bruni Tedeschi) und Gilles (Stéphane Freiss) fast emotionslos die Verfügungen an, die dieser Schritt bedeutet – wer was bekommt, und wann das Kind bei wem bleiben wird.

Sie sieht müde aus, ein bisschen so, als habe sie sich aufgegeben und könne sich nur mit großer Mühe zusammenreißen. Die beiden haben sich ein Hotelzimmer gemietet, eine letzte sexuelle Begegnung inszeniert, die vorwegnimmt, was die vier weiteren Sequenzen erzählen werden. Der Versuch, sich ein letztes Mal näherzukommen, endet in einer Quasi-Vergewaltigung, die Marion fast klaglos erträgt.

Die Opferrolle hat sie die ganze Zeit gespielt.
In der zweiten Sequenz, Marion ist schon deutlich schöner und wird noch schöner und unbeschwerter werden, verbringen die beiden einen Abend mit Gilles’ Bruder und dessen Freund – was ein bisschen so wirkt, als wolle Ozon darauf hinweisen, dass schwule Beziehungen auch nicht notwendigerweise besser funktionieren; keine Woche gibt er ihnen, sagt Gilles zu Marion.

Die Ehe von Gilles und Marion ist zu diesem Zeitpunkt jedenfalls schon unrettbar: Gilles erzählt den Gästen mit sadistischem Vergnügen, wie er seine Frau betrogen hat. Je weiter die Beziehung zurückschreitet, desto klarer wird, dass sie auf einem Fundament aufbaut, das nie tragen konnte – Lüge und Verrat. Er fühlt sich zu ihr hingezogen, weil er in ihr Schwäche und Formbarkeit vermutet; sie ist nicht so selbstlos, wie sie gern wäre und hat sich in ein ewiges schlechtes Gewissen hineinmanövriert.

Ozon ist wild entschlossen, sich nicht zu wiederholen. Er erkundet immer wieder neue Sujets und neue Genres, und dabei liefert er immer auch ein Stückchen Hommage ab an die Filmemacher, die er liebt – „Tropfen auf heiße Steine“ , die Verfilmung eines Fassbinder-Stücks, oder das Antonioni-Ende von „Unter dem Sand“.

Diesmal ist Ingmar Bergman dran, die „Szenen einer Ehe“, die hier Pate gestanden haben, ohne dass „5 x 2“ gleich allzu nah dran wäre am Vorbild. Es sind Kleinigkeiten, die einen manchmal schmunzeln lassen – wie Marion und Gilles nebeneinander im Bett liegen, und dass Stéphane Freiss in den ersten beiden Kapiteln einen Erland-Josephson-Gedächtnis-Bart trägt.

Die Leidenschaft, mit der Ozon Kino macht, hat ihn zum derzeit erfolgreichsten französischen Regisseur gemacht, zu einer zuverlässigen Größe, bereit, die Möglichkeiten des Filmemachens zu erkunden.


» Manchmal treibt Ozon die Dinge in „5 x 2“ einfach zu sehr auf die Spitze. «

Man kann auch hier sehen, wie er Räume gestaltet, wie wichtig ihm die düstere blaugrüne Einrichtung eines Hotelzimmers ist oder das kaltgräuliche Neonlicht eines Krankenhausgangs.

„5 x 2“ traf dennoch nicht auf einhellige Begeisterung bei den französischen Kritikern.

Was daran liegt, dass Ozon vielleicht wirklich ein klein wenig besser in Form war mit dem schönen Krimi „Swimmingpool“ oder dem Psychothriller „Unter dem Sand“ – und daran, dass er mit „5x2“ wahrlich keinen Männer-Film gemacht hat.

Man kann zwar nicht sagen, dass sich Ozon und seine Co-Autorin Emmanuèle Bernheim auf eine Seite schlagen, aber in manchen Augenblicken wird Gilles so sehr zum emotional gestörten Monster, dass es qualvoll ist, ihm zuzusehen.

In der Sequenz Nummer drei wird die Frau ins Krankenhaus gebracht, sie wird das Kind zu früh zur Welt bringen. Er wird informiert, geht aber nicht hin, sitzt im Büro, geht essen, trödelt herum, erscheint schließlich Stunden später im Krankenhaus, das Kind ist längst auf der Welt, dann haut er aber wieder ab, ohne seine Frau zu besuchen.

Ozon führt ihn vor, wie er der Konfrontation aus dem Weg geht; das ist die Bebilderung des zehntausendfach wiederholten Vorwurfs, dass Männer Beziehungskonflikte lösen, indem sie sich ihnen entziehen, bis das Schlimmste vorüber ist, dargestellt in einer Extremform – manchmal treibt Ozon die Dinge in „5 x 2“ einfach zu sehr auf die Spitze.

Was die Sache aber so interessant macht, das ist, was passiert, wenn man beim Zuschauen in sich selbst hineinhorcht: Ozon hat vollkommen Recht, er hat die ideale Geschichte gefunden, um sie rückwärts zu erzählen. „5 x 2“ führt zurück in die Hoffnung, mit der man in jede neue Liebesgeschichte hineinläuft, sogar in jene, von denen man weiß, dass sie nicht halten werden. Man will an den Anfang zurück, obwohl das schreckliche Ende doch vorweggenommen ist.

5 x 2, F 2004 – Regie: François Ozon. Buch: Ozon und Emmanuèle Bernheim. Kamera: Yorick Le Saux. Mit: Valeria Bruni Tedeschi, Stéphane Freiss, Géraldine Pailhas. Prokino, 90 Minuten

SZ v. 20.10.2004

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